Erdogan Günes aus Waldkraiburg ist dabei

Computerschach-WM: Steht erneut ein "David gegen Goliath" an?

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5.000 TPUs; Das ist AlphaZero
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Waldkraiburg/Stockholm – Computerschach-Checker Erdogan Günes greift wieder an. Bei der WM 2018 in Stockholm will er in allen drei Klassen den Titel holen doch dunkle Wolken ziehen über dem Computerschach-Himmel auf: Ein mächtiger Gegner ist aus der Dunkelheit der Bits und Bytes getreten und er ist noch nicht wirklich zu erfassen.

Seit dem Wochenende steht es fest: Die Computerschach-WM findet dieses Jahr in Stockholm statt. Natürlich wird Computerschach-Checker Erdogan Günes aus Waldkraiburg mit Team Komodo wieder dabei sein. Nach dem unglücklich verpassten Tripple 2017 will er dieses Jahr in allen drei Klassen den Weltmeistertitel holen.

Es wird nicht einfach(er)

Es hat nicht sollen sein: Der Waldkraiburger Erdogan Günes verpasst das Tripple bei der Computerschach-WM 2017 im niederländischen Leiden.

Es gibt viele Faktoren auf die es beim Computerschach ankommt. So berichtete Günes nach der WM 2017 im niederländischen Leiden von einer unglücklichen Auslosung: „Ich hatte Pech.“ Dabei geht es darum, dass wer mit den weißen Steinen spielt den so genannten Anzugsvorteil hat: Die Eröffnung der Partie. Darauf bereiten sich die Checker im Computerschach ganz besonders vor. Wer mit den schwarzen Steinen spielt, hat gewissermaßen das Nachsehen. Wer mit welchen Steinen spielt, entscheidet das Los und Glücksgöttin Fortuna war Günes gerade bei dem schwierigsten Gegner nicht hold und der Anzugsvorteil war dahin. Günes musste mit Schwarz spielen und hat so wertvolle Punkte verloren.

Von der „Weisheit der Vielen“ und der „Formel 1“:

Computerschach-Checker und mehrfacher Weltmeister in verschiedenen Klassen Erdogan Günes aus Waldkrairburg bei der WM im niederländischen Leiden.

Von der „Weisheit der Vielen“ spricht der Waldkraiburger Erdogan Günes, wenn es darum geht, Computerschach zu erklären. Es geht dabei nicht um Schachspielen alla „Mensch gegen Maschine“ am PC. Es geht um das Spielen von Maschine gegen Maschine und es geht um die Menschen, die die Weichen für die Maschinen stellen. Bei diesen Weichen handelt es sich um die Eröffnungszüge einer Schachpartie. Die sind extrem wichtig, egal wer gegen wen spielt.

Computerschach ist – zugegeben: das ist etwas weit her geholt – vergleichbar mit der „Formel 1“

  • Erdogan Günes ist der "Fahrer" in seinem Team (Komodo). 
  • Sein „Auto“ ist ein IBM Lenovo Server. 
  • Dutzende Prozessoren stellen den „Motor“ dar. 

Dazu gibt es reichlich an Daten von der Telemetrie, die ausgewertet werden müssen. Diese Daten zusammen mit den Beobachtungen des Fahrers machen das Auto besser.

Während einer Computerschach-Partie achten die "Fahrer" auf die Performance ihres "Autos".

Fahrer Günes ist der „Weichensteller“. Er fährt den Start. Im so genannten Turnierbuch gibt er die jeweils ersten Züge einer Partie vor. Ab dann stellt er auf Auto-Pilot und beobachtet, wie sich das Auto verhält. Soll heißen, dass Software und Motor das Rennen zu Ende fahren. Nur an der Motorleistung können „Fahrer“ wie Günes dann noch drehen. Danach wird für das nächste Rennen an der Strategie gefeilt. Genau an diesem Punkt setzt die bisher im Computerschach nie gekannte „Bedrohung“ an. Ihr Name: AlphaZero von Google.

„Schach ist wie eine Lebensphilosophie“ (Erdogan Günes)

Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende von Gedanken ordnen muss.“ Albert Einstein hat das gesagt. Vitali Klitschko meint: „Schach und Boxen haben viel Ähnlichkeit, denn bei beiden Sportarten kommt es auf die richtige Strategie an.“ Wigald Boning geht sogar so weit, dass er sagt: „Was ich an meinen Freunden am meisten schätze? Grundkenntnisse im Schach.“ Der Doppel-Weltmeister 2017 im Computer-Schach Erdogan Günes aus Waldkraiburg beschreibt „Das Spiel der Könige“ so: „Es ist wie eine Lebensphilosophie. Ich kann mich selbst in meinem Spiel erkennen.“

Computerschach-WM 2017 im niederländischen Leiden (rechts: Erdogan Günes)

Auf den ersten Blick hat das, was Computerschach-Checker wie Erdogan Günes machen, mit dem „Spiel der Könige“ nichts mehr zu tun. Nach der Eröffnung benutzen sie Maschinen, um möglichst schnell berechnen zu können, was der beste Zug ist. Es steckt dennoch viel vom einstigen „Spiel der Könige“ dahinter, die Software zu programmieren, ihr zu erklären, welcher Zug wann unter welchen Bedingungen auf dem virtuellen Schachbrett der bessere ist. Auf Basis der Beobachtungen des „Fahrers“ entstehen Algorithmen: Die Software „lernt“ dazu.

Der mächtige Gegner

Offenbar hat es Google geschafft, einer Maschine so viel mehr beizubringen, als es „Fahrer“ wie Erdogan Günes zusammen mit ihren „Mechanikern“ jemals zu leisten im Stande sind. Naja: Irgendwie ja auch kein Wunder, möchte man meinen. „Google hat schließlich Supercomputer.“ Ganz so einfach ist das Phänomen AlphaZero – so heißt das „Auto“ von Google – nicht erklärt. Ganz am Anfang hatte AlphaZero offenbar nur die Regeln des Schachspiels „auf der Festplatte“. Eine künstliche Intelligenz wurde geschaffen und diese hat mit seinem „Gehirn“ dazu gelernt und das in einer Weise und Schnelligkeit, dass Computerschach-Checker nur noch zusehen können, wie sie von AlphaZero an die Wand gespielt werden.

"Ich muss Computerschach ganz neu betrachten" (Erdogan Günes)

Bemerkenswert an AlphaZero ist laut Günes, dass dieses „Auto“ ganz anders fährt. Es scheint, als habe AlphaZero neue Wege gefunden. Das gipfelt in Günes Aussage, dass AlphaZero jahrhunderte alte Erfahrungen der Menschheit im Schachspiel über Bord wirft und trotzdem gewinnt. „Ich muss das Computerschach ganz neu betrachten.“

Ein Prestigeprojekt vs. Computerschach

Computerschach-WM 2017 im niederländischen Leiden: Erdogan Günes aus Waldkraiburg wird Doppelwelteister

Ob und wenn überhaupt unter welchen Bedingungen AlphaZero von Google eine Rolle spielen kann auf den Meisterschaften im Computerschach ist derzeit noch nicht klar. Was die Prozessorleistung betrifft, hat Erdogan Günes bereits 2016 bewiesen, dass ein Kampf alla David gegen Goliath möglich ist mit Sieg für David. AlphaZero scheint im Moment jedenfalls noch zu übermächtig, ein Sieg eigentlich unmöglich. Doch hinter den Kulissen werde sich auch bei Komodo schon in Stellung gebracht. „Der Gegner schläft nicht“, sagt Günes mit einem Augenzwinkern.

Letztendlich ist AlphaZero beeindruckend und beängstigend zugleich. Man hat hier einer künstlichen Intelligenz beigebracht, selbstständig zu denken und sich weiter zu entwickeln und sie tut das in einem atemberaubenden Tempo. Vielleicht steckt aber auch Chance dahinter. Nehmen wir beispielsweise an, man gibt so einer Maschine nicht die Grundregeln des Schachs bei sondern die des menschlichen Organismus. Die Frage ist dann natürlich, wer an diese Daten kommt und letztlich: Was kosten sie?

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