"David" aus Waldkraiburg gegen "Goliath"

"Da ist das Ding!": Erdogan Günes ist Doppel-Weltmeister

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Computerschach-WM im Niederländischen Leiden: Die besten Computerschach-Teams treten gegeneinander an
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Waldkraiburg/Leiden - Zurück aus Holland und mächtig stolz ist Erdogan Günes, frisch gebackener Doppel-Weltmeister 2016 im Computerschach. Dabei war sein letzter Gegner in punkto Hardware 40 Mal stärker.

Von der „Weisheit der Vielen“ spricht der Waldkraiburger Erdogan Günes, wenn es darum geht, Computerschach zu erklären. Nein, es geht hier nicht um Schachspielen alla „Mensch gegen Maschine“ am PC. Es geht um das Spielen von Maschine gegen Maschine und es geht um die Menschen, die die Weichen für die Maschinen stellen. Ganz konkret geht es um die Eröffnungszüge einer Schachpartie. Die sind nämlich wichtig, egal wer gegen wen spielt

„Da ist das Ding!“ 

Zwei Menschen, zwei Computer

Erdogan Günes aus Waldkraiburg hat es wieder geschafft. Er ist Doppel-Weltmeister im Computerschach und zwar in der sogenannten offenen und in der Software-Klasse. Mit dem Spiel, wie es die Menschen üblicherweise spielen, habe das, was er und seine Konkurrenten da machen, erst einmal gar nix zu tun. Beim Computerschach spielen zwei Maschinen gegeneinander. Das klingt komisch, insbesondere dann, wenn man sich so einen Wettbewerb mal live ansieht, ist aber so. 

Jeder zieht, was auf seinem Bildschirm steht

Die beiden Schach“spieler“ bestehen jeweils aus Mensch und Maschine. Da sitzen sich also zwei Menschen mit jeweils Computer und Monitor vor einem Schachbrett gegenüber. Auf dem Brett übertragen die Menschen aber nur das, was die Maschinen an Spielzügen vorgeben. Das wiederum, haben die Menschen den Computern implementiert. 

Das heißt, sie haben Codes für Spielzüge generiert alla „Wenn das, dann das“. Klingt einfach und altbekannt von den Schachprogrammen, ist es aber nicht. Es ist eine Weltmeisterschaft, wo die Schachprogrammierer mit Hilfe der Weichensteller wie Erdogan Günes unter Benutzung von Hochleistungscomputern gegeneinander antreten. 

Turnierbuchautor + Software + Hardware = Team 

Die „Wenn, dann“-Codes stehen im sogenannten Turnierbuch. Jeder Weichensteller schreibt sein eigenes und für jede einzelnen Gengner neu. Für die WM testet er die jeweils Vorjahres-Software-Versionen, schaut sich an, wie sie auf welche Züge reagieren. Auch die Turnierpartien der Konkurrenten aus der Vergangenheit bezieht er in seine Berechnungen mit ein. Das ist die Kunst, darum geht es: das richtige Weichenstellen

Erdogan Günes stellt die Weichen besser als seine Gegner, unterstützt von der Nutz GmbH aus Aschau am Inn

Den Rest übernimmt dann die neue Software jedes Teams. Die ist natürlich gefüttert mit Millionen bekannter Spielzüge. Jetzt kommt die Materialschlacht ins Spiel. Bei der WM treten nicht nur Weichensteller und Programmierer gegeneinander an, sondern auch Supercomputer. Es gibt noch eine Schwierigkeit: Es geht auf Zeit. Ist die für ein Team abgelaufen und es hat kein "Schach matt" oder "Remis" erzielt, ist es vorbei mit der Partie.

„David gegen Goliath“ 

Ein Schachprofi kann drei bis fünf Stellungen pro Sekunde berechnen. An dieser Stelle kommt die „Weisheit der Vielen“ ins Spiel. Verbindet man mehrere Computerprozessoren miteinander, sind in der gleichen Zeit natürlich weit mehr Stellungen berechnet. Soweit, so gut. 50 Millionnen waren es bei der WM im Team „Komodo“, für das Erdogan Günes Weichensteller ist. Er arbeitete mithilfe eines IBM Lenovo Servers. 60 Prozessoren lieferten die Berechnungen. 

Es war wie David gegen Goliath“, erklärt Günes. Sein Team hat in der offenen Klasse nämlich gegen 2400 Prozessoren gewonnen. Das geht freilich nur mit den richtigen Weichen, die Erdogan Günes gestellt hat mit den Codes in seinem Turnierbuch. 

Ich dachte mir einfach, ich probier das aus“, sagt er zu seiner Eröffnung, die ihm den Weltmeistertitel im Computerschach brachte: Bauer c2 auf c4 und dann mit dem Springer von b1 auf c3, die sogenannte "Englische Eröffnung" aber das Turnierbuch des Gegners war darauf nicht vorbereitet. „Ich habe es in seinen Augen gesehen“, sagt Erdogan Günes. 

Ohne Sponsoren ginge es nicht. Froh und dankbar sei er, dass er das machen und auf die Turniere fahren kann und Zugang zu den großen Computern erhält. Angefangen mit einem Commodore C64 zählt Erdogan Günes heute zum erfolgreichsten David, der einen Goliath im Computerschach geschlagen hat. Er hat „einfach“ die Weichen richtig gestellt.

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