Region entging offenbar nur knapp einer Terror-Welle

Bürgermeister von Waldkraiburg wendet sich in Video an Bürger

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Waldkraiburg - Dieser Fall hat für die Region eine ganz besondere Dimension: Am Wochenende konnte der mutmaßliche Täter der Anschlagsserie von Waldkraiburg festgenommen werden. Anschließend kamen schlimme Details zu Muharrem D., einem 25-jährigen Deutschen mit kurdischen Wurzeln, und seinen Vorhaben ans Licht. Die Polizei wertet nun die Handydaten des mutmaßlichen Täters aus.

Update, 16.55 Uhr - Bürgermeister Waldkraiburg bedankt sich

In einem Facebookvideo wandte sich der Waldkraiburger Bürgermeister  Robert Pötzsch an die Bürgerinnen und Bürger. Besonders bei der bayerischen Polizei, der SoKo "Prager", dem Präsidium und der Kriminalpolizei bedankte er sich. Auch bei allen anderen Einsatzkräften, wie den Feuerwehren, dem BRK und dem THW, bedankte er sich dafür, dass "größerer Schaden" verhindert werden konnte. Aber auch der Bürgerschaft der türkischen Gemeinde in Waldkraiburg galt besonderer Dank. Mit ihrer Hilfe habe das Ausmaß relativ gering gehalten werden. 


Update, Montag (11. Mai), 14.30 Uhr: Soko wertet Handydaten von mutmaßlichem Täter aus

Nach den Anschlägen auf Geschäfte türkischstämmiger Inhaber im oberbayerischen Waldkraiburg werten Ermittler derzeit unter anderem Handydaten des mutmaßlichen Täters aus. Auch weitere elektronische Datenträger werden untersucht. Die Beamten erhoffen sich nach Angaben vom Montag Hinweise auf weitere Hintergründe sowie mögliche Mitwisser oder mögliche Mittäter. Bisher gehen Polizei und Staatsanwaltschaft aber von einem Einzeltäter aus.


Bilder von der Anschlagserie in Waldkraiburg 

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Auch Details zur Radikalisierung des 25-Jährigen werden untersucht. Er hatte sich selbst als IS-Kämpfer bezeichnet. Die Ermittler gehen zumindest davon aus, "dass er eine Nähe zur radikalen Szene des Islams hatte, was zum Streit mit der Familie führte, da ihm diese nicht streng gläubig genug gewesen sei", sagte Klaus Ruhland, Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München.

Die Sonderkommission unter Leitung der ZET ermittle weiter. Der mutmaßliche Täter sitzt wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Die Untersuchungen werden "viel Zeit, viel Manpower und viel Geduld" erfordern, sagte Polizeisprecher Martin Emig vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd gegenüber der dpa.

Vorbericht Montag, 11.15 Uhr: Der "Bomber von Waldkraiburg" grüßte die Nachbarn stets freundlich

In den vergangenen Wochen herrschten in Waldkraiburg große Angst und Verunsicherung. Nach mehreren Attacken auf insgesamt vier Läden und Betriebe, welche allesamt von türkischstämmigen Geschäftsleuten geführt werden, fürchteten viele Bürger um ihre Sicherheit. "Das hat uns alle schockiert, dass offenbar doch noch kein Ende des Schreckens da ist", berichtete ein Anwohner. 

Seit Freitagabend hat der Albtraum nun endlich ein Ende und offenbar entging die Region einer wahren Terror-Welle. "Wir sind unendlich froh und erleichtert darüber, dass der Spuk ein Ende hat und die Tat dank dem professionellen Einsatz der Ermittler aufgeklärt werden konnte", atmet die Türkisch-Islamische Gemeinde zu Waldkraiburg e.V auf.

Ein Foto der Polizei zeigt den Gemüseladen einen Tag nach dem Brandanschlag.

Fehlendes Ticket lässt Muharrem D. auffliegen

Durch Glück bzw. aufgrund von Zufällen kam die Polizei dem mutmaßlichen Täter Muharrem D. am Freitagabend auf die Spur. Der gelernte Einzelhandelskaufmann, welcher laut bild.de als Zeitarbeiter bei einer Chemie-Firma beschäftigt war, saß mit einem Koffer in der RB 27992 von Garching nach Mühldorf. Obwohl das Ticket nur knapp über fünf Euro kostet, hatte der 25-Jährige keines gekauft, so dass die Kontrolleurin (21) am Bahnhof Mühldorf Muharrem D. an die Bundespolizei übergab. 

Großeinsatz der Polizei am Bahnhof Mühldorf

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Weil Muharrem D. wegen Drogendelikten polizeibekannt war, wollten die Einsatzkräfte den jungen Kurden mit auf die Wache nehmen. Muharrem D. bat seinen schweren Koffer derweil stehen lassen zu können. Dies machte die Beamten stutzig und sie ließen das Gepäck öffnen. Zum Vorschein kamen zehn massive Rohrbomben und etwa 20 Kilogramm chemische Substanzen. Um welche Stoffe es sich genau handelte, ist bislang unklar.

Im Reisegepäck des Tatverdächtigen konnten Rohrbomben gefunden werden. 

Was für ein Mensch ist Muharrem D.?

Der 25-Jährige wurde daraufhin sofort abgeführt. Wenig später räumte er den Brandanschlag auf einen türkischen Gemüseladen, bei dem sechs Menschen verletzt wurden, und weitere Angriffe und Sachbeschädigungen an türkischen Läden in einer Vernehmung ein. Zudem verriet er ein Versteck, in dem er offenbar "Nachschub" gelagert hatte. In einer Tiefgarage in Garching an der Alz wurden daraufhin 13 weitere Rohrbomben und rund zehn Kilogramm Sprengstoff entdeckt. Dabei waren auch Spezialkräfte im Einsatz. Das betroffene Haus wurde evakuiert - genau wie ein Wohnblock in Waldkraiburg, wo in einer Wohnung unter anderem eine scharfe Pistole der Marke Beretta gefunden wurde. Zwei Anwohner berichteten, dass Muharrem D. erst vor kurzem in die Mietwohnung gezogen sei. Er habe dort mit einem oder zwei Mitbewohnernzusammengelebt und freundlich gegrüßt, hieß es.

Wohnblock evakuiert - Großeinsatz in Waldkraiburg

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Der "Bombenleger von Waldkraiburg", wie er sich selbst bei der Vernehmung betitelte, hatte wohl noch größere Anschläge geplant. Als Motiv gab er „Hass auf Türken“ an und das, obwohl er selbst Eltern hat, die aus der Türkei stammen. "Er bezeichnete sich als Anhänger und Kämpfer des Islamischen Staats und würde sein Leben dafür opfern", so Hans-Peter Butz von der 50-köpfigen SOKO "Prager" in der Pressekonferenz am Wochenende. Der Mann sitzt aktuell weiterhin in U-Haft - wegen versuchten Mordes in 27 Fälle. 

Großbrand in Waldkraiburg am 27. April

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Umfassendes Geständnis - Bekenner des IS? 

Die Polizei ist sich sicher, mit Muharrem D. den richtigen Mann geschnappt zu haben: "Er schilderte Details zu den Taten, die nur der Täter kennen kann." Ob der 25-Jährige allerdings wirklich ganz alleine gehandelt hat, ist noch unklar und Gegenstand der andauernden Ermittlungen. 

Des weiteren kursieren Gerüchte, dass Muharrem D. doch kein Bekenner des IS sei. Derzeit gebe es keine direkte Verbindung zu der Terrororganisation. 

Laut Polizei habe es jedoch aufgrund dieser angeblichen Ausrichtung auch Konflikte mit seinen Eltern gegeben. Seine Schwester sprach gegenüber den Beamten von einer extremen, religiösen Einstellung des 25-Jährigen. Hierzu laufen noch weitere Ermittlungen und Erhebungen seitens der Polizei. 

"Wir haben wieder einmal gesehen, dass Terrorismus und Extremismus, unabhängig davon welcher Ideologie sie entstammt, keine Herkunft oder Religion kennt.Sie betrifft uns alle in gleichermaßen. Deshalb müssen wir jeglicher Art menschen-feindlicher Ideologien gemeinsam, Hand in Hand entgegenstehen, mit allen Instanzen des Staates, der Politik und einer starken Zivilgesellschaft", schreibt die Türkisch-Islamische Gemeinde zu Waldkraiburg e.V.

mz/dpa

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