"Wissen einfach nicht mehr weiter"

Das sagt eine der Umschülerinnen des BFZ Peters zur Teilschließung

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Waldkraiburg - Die geplante Schließung der Aus- und Weiterbildung  im Berufsförderungszentrum (BFZ) Peters sorgt bei den Betroffenen für Unverständnis und Frustration. Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen:

"Wir wissen einfach nicht mehr weiter", berichtet Patrizia Heer, "Wir sind alle außer uns und können nicht verstehen, wie ein solches Unternehmen urplötzlich wegen angeblichen wirtschaftlichen Gründen schließt." Die Betroffenen seien keine normalen Schüler, die man einfach auf eine andere Schule versetzen könne. "Nein, es geht hier um einige hunderte Arbeitslose die so schnell keine Chance mehr haben, zu arbeiten. Viele von ihnen haben wirklich starke Beschwerden." Sie hätten keine andere Chance mehr, wieder auf den Arbeitsmarkt zu kommen.

Sie selbst ist 24 und "mittlerweile so befallen von Arthrose und anderen Diagnosen, dass ich bereits jetzt drei dicke Ordner mit Befunden habe. Ich sollte normalerweise operiert werden, erneut auf Reha gehen und so weiter." Sie müsse jeden Tag über acht Medikamente zu sich nehmen, damit sie die Schmerzen einigermaßen ertragen und ihre Ausbildung beenden kann. "Wenn ich nicht zweimal die Woche zur Physiotherapie gehe, kann ich mich nicht mehr bewegen, geschweige denn stehen." Sie dürfe nur noch sitzende Tätigkeiten erledigen, weswegen ihr die Deutsche Rentenversicherung eine Ausbildung bezahlt. "Ohne sie würde ich mein restliches Leben wohl arbeitslos sein."

"Jahrelang gekämpft"

Auch mein Lebensgefährte, bei dem vor ein paar Jahren ein Tumor im Knie festgestellt wurde, ist nach seiner OP nun im Peters in Ausbildung. "Wir sind nur ein Beispiel für die Schüler, die hier sind. Wir haben jahrelang gekämpft damit wir es überhaupt wieder schaffen einen neuen Beruf zu erlernen und so ergeht es leider jedem auf dieser Schule", beklagt sie. "Mit der Aussage des BFZ Peters, stimmen wir nicht ganz überein", berichtet Patrizia Heer. Die Geschäftsführung hatte kürzlich in einer Stellungnahme versprochen, sie wolle alles tun, um Anschlussmöglichkeiten für ihre Bildungskunden zu eruieren und ihnen die Abschlüsse zu ermöglichen. Dazu sei man mit den Berufsförderungswerken in Bayern im Gespräch. Mit den Leistungsträgern sei vereinbart, dass "wir dafür Zeit haben". Jedoch würden sich Härten aufgrund der familiären Situation, beziehungsweise wegen eines Wechsels von einer ambulanten in eine stationäre berufliche Reha nicht vermeiden lassen. Es würde sich aber um jeden Einzelfall gekümmert. 

Heer betont, es sei nicht so einfach, andernorts wieder einzusteigen. "Schon gar nicht in der Freien Marktwirtschaft." Normale Unternehmen würden sie nicht nehmen. "Denn beispielsweise die psychisch erkrankten Menschen werden nicht in ein normales Unternehmen aufgenommen", berichtet sie, "Auch bei den Schülern die körperliche Beschwerden haben, wird keine normale Firma sagen: 'Oh Sie können nicht lange stehen, brauchen besondere Maßnahmen, kosten mich eventuell mehr Geld oder sonstiges, klar kommen sie nur!'"

Klasse hätte im Mai Abschluss gehabt

"Meine Klasse und auch andere Klassen hätten nächstes Jahr im Mai Ihre Abschlussprüfung und nun wird uns das alles entrissen! Zwei Jahre Ausbildung umsonst?" Herdegen verwies in diesem Zusammenhang nochmals auf die Bemühungen der Peters-Gruppe, allen Bildungskunden eine Beendigung ihrer Ausbildung zu ermöglichen hin. "Auf Grund unserer wirtschaftlichen Lage ist eine Fortsetzung des Ausbildungsbetriebs länger als bis zum Jahresende schlicht und ergreifend unmöglich!", betonte er. 

 "Wir hatten am Montag, den 2. Juli eine Versammlung aller Schüler in der Kantine. Allerdings erklärte man uns keine genaueren Umstände, nur das die Schließung aus wirtschaftlichen Gründen notwendig sei." Ihnen sei mitgeteilt worden, dass die Einrichtung nur noch bis zum 31. Oktober 2018 bestehen bleibt. Das BFZ Peters sei ansonsten nicht auf die Schüler zugekommen. "Unsere Leistungsträger, sei es die Deutsche Rentenversicherung oder das Arbeitsamt, haben sich mit uns in Verbindung gesetzt." Auch sie seien von der plötzlichen Schließung der Aus- und Weiterbildung sehr überrascht gewesen. 

"Sie können uns aber auf die Schnelle auch nur als Notlösungen andere Stellen nennen, die aufgrund der Entfernung nicht machbar wären oder wegen unterschiedlicher Ausbildungsinhalte zu einer Verlängerung der Ausbildung führen würden. Wir müssten uns selber kundig machen." Peters-Geschäftsführer Wolfgang Herdegen erklärte unserer Redaktion dazu: "Wir haben als ersten Schritt die Leistungsträger, dann unsere Mitarbeiter und die Öffentlichkeit und zuletzt am Montag dann die Umschüler informiert." Dadurch sei es möglich, dass einige Umschüler zuerst durch ihre Leistungsträger über eine mögliche Fortsetzung ihrer Ausbildung informiert worden wären. Die Ausbildung könne tatsächlich nur noch bis zum 31. Oktober fortgesetzt werden.  

Sie widerspricht auch der Aussage der Peters-Geschäftsführung, dass die Schließung nichts mit der Dependance der Erstaufnahmeeinrichtung zu tun habe und es nie Beschwerden von Bildungskunden gegeben hätte. Sie hätten die Tumulte Anfang Juni sehr wohl mitbekommen, das Ausbildungszentrum sei deshalb geräumt worden. 

Bisher habe sie noch keine Kündigung ihres Ausbildungsvertrags erhalten, berichtet Heer abschließend. "Einige der Schüler tun sich jetzt zusammen und warten solange, bis wir eine schriftliche Kündigung bekommen, die uns zusteht! Denn jeder Schüler, der jetzt in eine andere Einrichtung geht, kündigt selbst seinen Vertrag." 

BFZ besteht seit über 50 Jahren

Das BFZ Peters besteht in Waldkraiburg bereits seit 1954. Die Bildungsgruppe musste im August 2010 Insolvenzantrag stellen. Neben den negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise litt sie auch unter Fehlinvestitionen der Gesellschafter. Sie ging in den Besitz der Endurance Capital AG über, die das Unternehmen neu finanzierte und umstrukturierte. Im Juli 2013 wechselte sie dann den Besitzer zur quin.akademie aus Deggendorf, die es bis heute geblieben ist. Seit Juli 2015 befindet sich auf dem Gelände des BFZ auch eine Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung München. 

Kürzlich war bekanntgeworden, dass das BFZ Peters in Waldkraiburg den Teilbetrieb der Aus- und Weiterbildung einstellen muss. Davon sind weder die Bildungsunternehmen Peters Bildungs GmbH, die BDP Peters GmbH und die PQG Johann Peters gemeinnützige Stiftung vielerorts in Bayern noch die weiteren GmbHs der Peters Gruppe betroffen. Das Unternehmen betont, dies habe alleine wirtschaftliche Gründe. Wegen diverser Ursachen sei die Zahl der Bildungskunden in den vergangen Jahren drastisch zurückgegangen. 

Bereits bei der Januaraufnahme 2018 seien die schlechten Anmeldezahlen aus den Vorjahren nochmals unterschritten worden und bezogen den Voranmeldungen für die Sommeraufnahme 2018 seien die Anmeldezahlen nochmals drastisch abgesunken, so dass im Vergleich zu Vorjahren ein Teilnehmerrückgang von bis zu 60 Prozent zu verzeichnen gewesen sei. Wie viele Stellen genau nun abgebaut werden, ist weiterhin unbekannt, das Unternehmen verweist auf laufende Verhandlungen mit dem Betriebsrat. Auch ist noch unklar, wie die frei werdenden Flächen weiter genutzt werden. Hierbei bleibt das Unternehmen bei seiner Aussage, eine Nutzung als Unterkunft für Asylbewerber sei derzeit nicht geplant.

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