Ermittlungen in Waldkraiburg auf Hochtouren

Nach Angriffen auf türkische Geschäfte: Dieses Video könnte Hinweis enthalten

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Auch am Freitag, den 8. Mai waren erneut Ermittler der Polizei in den Ruinen des abgebrannten Früchtemarkts tätig.

Waldkraiburg - Nach den Anschlägen auf vier türkische Geschäfte ermittelt die SOKO "Prager" unter Hochdruck und bittet auch um die Mithilfe der Bevölkerung. Eine Videoaufzeichnung könnte Hinweise enthalten. 

Pressemeldung im Wortlaut

Nach der Brandstiftung in der Waldkraiburger Innenstadt in den frühen Morgenstunden des Montags, 27. April 2020, hat die Kriminalpolizeistation Mühldorf am Inn die Sonderkommission „Prager“ ins Leben gerufen. Die Sachleitung hat die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München. 


Nach 10 Tagen Ermittlungsarbeit: Generalstaatsanwaltschaft und Polizei geben weitere Einzelheiten bekannt. Seit Dienstag, 28. April 2020 ermittelt die SOKO „Prager“ unter der Leitung von Kriminaldirektor Hans-Peter Butz zu vier Taten, bei denen türkischstämmige Gewerbetreibende im Stadtgebiet Waldkraiburg Opfer von Anschlägen wurden. 

Die Ermittlungen drehen sich um die schwere Brandstiftung in einem Lebensmittelgeschäft am Sartrouvilleplatz mit sechs Verletzten und Sachschaden in Millionenhöhe sowie Steinwurfattacken gegen einen Friseursalon, eine Pizzeria sowie ein Kebaphaus (wir berichteten bereits mehrfach). Der Personalstand der SOKO ist sukzessive auf rund 50 Mitarbeiter von verschiedenen Dienststellen angewachsen. Einen Tag nach der Gründung der SOKO übernahm die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München die Sachleitungsbefugnis. 


Die Zielrichtung der oder des bislang unbekannten Täters für die vier, offensichtlich zusammenhängenden Taten, ist nach wie vor unklar. Deshalb ermittelt die SOKO in alle Richtungen. Es kann kein Tatmotiv, auch kein extremistisches, ausgeschlossen werden.

Bislang über 120 Spuren erfasst

Mittlerweile hat die SOKO über 120 Ermittlungsspuren erfasst, welchen mit Hochdruck nachgegangen wird. In diesem Zusammenhang kam es zu einem Zeugenhinweis, aufgrund dessen eine Wohnung in Waldkraiburg mit richterlichem Beschluss durchsucht wurde. Diese Durchsuchung führte jedoch bisher zu keinen tatrelevanten Erkenntnissen.

Gemeinsamkeiten der Taten

Die Gemeinsamkeiten der Taten liegen zum einen darin, dass die Geschädigten alle türkischstämmig sind. Zum anderen wurden bei allen Taten Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen. Auch bei der schweren Brandstiftung in dem Lebensmittelgeschäft am Sartrouvilleplatz stießen die Ermittler im Brandschutt auf einen größeren Stein, weshalb hier derzeit ebenfalls vom Einwerfen einer Fensterscheibe vor der Brandlegung ausgegangen wird.

Keine Fäkalien ausgebracht - Wer kennt solche Eimer?

Spekulationen, Gerüchten und Vermutungen zufolge seien an allen Tatorten Fäkalien ausgebracht worden. Dies lässt sich durch die bisherigen chemischen Untersuchungen jedoch nicht bestätigen. Fest steht, dass bei den Attacken gegen den Friseursalon, gegen die Pizzeria sowie gegen das Kebaphaus jeweils eine teilweise übelriechende Flüssigkeit ausgebracht wurde. 

Weitere kriminaltechnische Untersuchungen durch Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamts zur Herkunft sind im Gange. An den Tatorten des Friseursalons und des Kebaphauses wurden vor oder in den Objekten jeweils handelsübliche Farbeimer (Volumen 10 Liter, Fa. Deco Style und Fa. Primaster) mit Resten der oben erwähnten Substanz zurückgelassen.

Die SOKO „Prager“ bittet in diesem Zusammenhang um Hinweise aus der Bevölkerung.

Wer hat in den Tatnächten möglicherweise Personen im Stadtgebiet von Waldkraiburg gesehen, die mit solchen Eimern unterwegs waren? 

Wem sind derartige Farbeimer verdächtig vorgekommen bzw. wer kann sonstige sachdienliche Hinweise zu den bei den Taten verwendeten Farbeimern geben?

Videosequenz aus der Tatnacht

Von einer Überwachungskamera, welche in der Passage zwischen dem ausgebrannten Lebensmittelmarkt und dem daneben liegenden Drogeriemarkt installiert ist, konnte die SOKO „Prager“ eine Videosequenz sichern. Die Kameraperspektive ist zum Sartrouvilleplatz gerichtet. Diese zeigt möglicherweise eine tatverdächtige Person oder einen wichtigen Zeugen, als er in der besagten Brandnacht kurz vor Brandausbruch die Kamera passiert. Die Aufzeichnung ist leider von geringer Qualität. Die abgebildete Person ist vermutlich männlich und trägt offensichtlich einen nicht näher bestimmbaren Gegenstand unter dem linken Arm bzw. mit der linken Hand.

Über folgenden Link kann die Videosequenz im Internet aufgerufen werden: https://www.polizei.bayern.de/index.html/313367

Wer kann, möglicherweise aufgrund der Gangart, Hinweise zu der aufgezeichneten Person geben? Hinweise erbittet die SOKO „Prager“ unter den nachfolgend genannten Hotlines oder an jede andere Polizeidienststelle.

Heiße Spur noch Fehlanzeige - Hotline erweitert

Über die bisher eingerichteten Hotlines und das Medien Upload Portal gingen bislang keine unmittelbar sachdienlichen Hinweise ein. Wie bereits mehrfach berichtet hat die SOKO „Prager“ unter zwei verschiedenen Telefonnummern eine direkte Erreichbarkeit für Hinweise aus der Bevölkerung eingerichtet. Im Hinblick auf die zu erwartenden langfristigen Ermittlungen ist die SOKO ab sofort auch unter der kostenlosen Hotline 0800 77 66 310 erreichbar. 

Die bisher bekannten Rufnummern 08031 / 200 - 3180 und 08031 / 200 - 3087 bleiben dennoch weiterhin bestehen. Darüber hinaus können Hinweise zu den Taten telefonisch oder persönlich bei jeder anderen Polizeidienststelle abgegeben werden. Über das speziell eingerichtete Medien Upload Portal wurden der SOKO etwa ein Dutzend Bilder und Videos zur Verfügung gestellt, wobei hier auch noch keine „heiße Spur“ dabei war. 

Deshalb ergeht erneut der Aufruf an die Bevölkerung, die SOKO bei ihrer Arbeit durch sachdienliches Bild- und Videomaterial, insbesondere aus der Brandnacht vom 26. auf den 27. April 2020, zu unterstützen. Die SOKO „Prager“ bittet Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die sich in den Stunden vor dem Brand im Bereich des Sartrouvilleplatzes aufgehalten haben, sich zu melden. Alle Wahrnehmungen - auch wenn sie für den Einzelnen noch so unbedeutend erscheinen möchten - können für die SOKO von großer Bedeutung sein.

Hierzu zählen auch jegliche Bild- und Videoaufnahmen von Smartphones, die am Vorabend des Brandes oder im Laufe der Tatnacht am Sartrouvilleplatz gefertigt wurden. In diesem Zusammenhang wiederholt die Polizei den Hinweis auf das eingerichtete Upload Portal. Unter folgendem Link kann die Bevölkerung der SOKO „Prager“ sachdienliches Bild- und Videomaterial zur Verfügung stellen. https://medienupload-portal03.polizei.bayern.de Durch abscannen des beigefügten QR Codes gelangt man ebenfalls zum Upload Portal. Die Erläuterungen wurden in deutscher, türkischer und englischer Sprache zur Verfügung gestellt.

Belohnung 3.000 Euro

Für Hinweise, die zur Aufklärung der Brandstiftung oder zur Ergreifung des oder der Täter führen, wurde eine Belohnung in Höhe von 3.000 Euro ausgesetzt.

Hohe Polizeipräsenz wird bis auf weiteres fortgeführt

Wie ebenfalls bereits berichtet wurde die Polizeipräsenz im Stadtgebiet von Waldkraiburg unter der Federführung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd nochmals intensiviert. Diese erhöhte Präsenz bleibt auch weiterhin aufrecht erhalten, um das beeinträchtigte Sicherheitsgefühl der Bevölkerung wieder zu stabilisieren. Dabei wird die örtliche Polizeiinspektion Waldkraiburg durch eine Vielzahl von Einsatzkräften sowohl von umliegenden Dienststellen als auch von Einheiten der Bayerischen Bereitschaftspolizei unterstützt.

Pressemeldung Polizeipräsidium Oberbayern Süd

Vorbericht

Zuletzt war am Mittwoch das Schaufenster eines Döner-Imbiss in der Franz-Liszt-Straße eingeworfen worden. Es war bereits der vierte Angriff binnen kürzester Zeit auf ein türkisches Geschäft in Waldkraiburg. Der verheerendste davon ereignete sich in der Nacht zum 27. April, als es zu einem Großbrand eines Geschäfts am Stadtplatz kam.

Waldkraiburg: Schaufenster von Imbissladen eingeschlagen - Bilder vom Tatort

 © fib/Eß
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Der Laden brannte komplett aus, das Feuer griff auch die Fassaden der Nachbarhäuser an. Durch das Feuer-Inferno in der Ladenzeile wurden insgesamt sechs Menschen verletzt. Bereits zuvor hatte es Mitte April zwei Attacken auf einen Frisörladen und eine Pizzeria mit türkischen Inhabern gegeben. In diesen Fällen wurden wie bei dem Fall am Mittwoch Fenster eingeworfen aber auch eine übel riechende Flüssigkeit vergossen. Am 10. Mai gab die Polizei schließlich bekannt, dass der Täter ein Anhänger des Islamischen Staats (IS) ist und mit Bomben und Sprengstoff weitere Anschläge in Waldkraiburg plante.

Großbrand in Waldkraiburg am 27. April

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Wie die Kriminalpolizei mitteilte, laufen wegen des Brands die Ermittlungen wegen des Verdachts eines Verbrechens der vorsätzlichen schweren Brandstiftung auf Hochtouren. Auch ein Zusammenhang mit den übrigen Taten werde untersucht. Eine eigens eingerichtete Soko "Prager" mit über 40 Beamten ist an dem Fall dran. Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München hat die Sachleitung übernommen. Die Polizei betont, es werde ausdrücklich in alle Richtungen ermitteln. Auch, aber nicht nur zum Verdacht eines fremdenfeindlichen Motivs. 

Die Stadt veranstaltete bereits einen runden Tisch mit Vertretern von Polizei und der türkischen Gemeinde. Außerdem fand nach der Tat am Mittwoch eine Fragestunde für türkische Geschäftsleute statt, bei der diese ihre große Sorge um die eigene Sicherheit vortrugen. 

Auch aus der Politik gab es bereits eine Reihe von Stellungnahmen. Zahlreiche Parteien bekundeten bereits in Stellungnahmen ihre Solidarität mit den Betroffenen, betonten aber auch, das Ergebnis der Ermittlungen müsse abgewartet werden.

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