Nach Anschlägen von Waldkraiburg

Beim BKA nachgefragt: Steckt der IS hinter der Radikalisierung Muharrems?

Muharrem D. gestand den Brandanschlag von Waldkraiburg
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Muharrem D. nahm bei dem Brandanschlag auf das türkische Lebensmittelgeschäft den möglichen Tod von 27 Menschen billigend in Kauf. So lautet zumindest der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. 

Waldkraiburg - Ein Brandanschlag auf ein türkisches Geschäft entpuppt sich als Tat eines IS-orientierten türkischstämmigen jungen Mannes. Auch drei weitere Anschläge gehen auf sein Konto. Wie konnte es sein, dass sich der 25-jährige Täter Muharrem D. so radikalisiert hat?

Vier Geschäfte in Waldkraiburg wurden innerhalb weniger Wochen zu einem Tatort. Während es bei einem Friseur, einer Pizzeria und einem Döner-Laden beim Einwerfen der Scheiben und Verteilen einer übel riechenden Flüssigkeit blieb, wurden bei einem Brandanschlag auf ein Lebensmittel-Geschäft sechs Menschen verletzt. In allen Fällen waren türkische Familie betroffen.


Der Verdacht der Opfer, dass gezielte Anschläge dahinter stehen, bewahrheitete sich mit der Festnahme von Muharrem D. Der 25-Jährige trug bei seiner Festnahme mehrere Rohrbomben bei sich und plante offenbar weitere Anschläge. Neben seinem "Hass auf Türken" bekannte er sich in den polizeilichen Vernehmungen auch zum Islamischen Staat (IS).

Bilder von der Anschlagserie in Waldkraiburg 

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Anschläge von Waldkraiburg: Was hat der IS damit zu tun?

Das Bundeskriminalamt geht nicht davon aus, dass die Anschläge vom IS direkt gesteuert waren. "Bislang wurde in Deutschland kein organisationsgesteuerter Anschlag des sogenannten IS verübt. Die in Deutschland bekannten Einzeltäter werden als IS-orientiert bzw. inspiriert bezeichnet", erklärt Dr. Carina Jasmin Englert vom Bundeskriminalamtes (BKA) gegenüber innsalzach24.de. 

Der sogenannte „Islamische Staat“ sei einer von vielen Akteuren im Bereich des internationalen bzw. islamistisch motivierten Terrorismus und konkurriere sowohl vor Ort in Syrien und Irak als auch global mit vielen anderen terroristischen Organisationen. Das Spektrum der Akteure, die im weiteren Feld des radikalen Islam eine Rolle spielen würden, sei noch breiter und umfasse darüber hinaus eine Vielzahl von Organisationen.

Großbrand in Waldkraiburg am 27. April

 © fib/Eß
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Einer dieser Akteure könnte Muharrem D. sein. Bei seiner Festnahme bekannte er sich sofort zu allen Anschlägen. Der 25-Jährige sitzt seitdem in Untersuchungshaft und muss sich unter anderem wegen 27-fachen versuchten Mordes verantworten. Immerhin hätten bei dem Brandanschlag so viele Menschen im Gebäude des Gemüseladens sterben können.

Anschläge von Waldkraiburg: Wie radikalisierte sich der Täter?

Aber warum nahm Muharrem D. das billigend in Kauf, um dem türkischen Ladenbesitzer zu schaden? Eine der vielen offenen Fragen, die Polizei und Staatsanwaltschaft jetzt klären müssen. Dazu gehört auch die Frage, wie sich der 25-Jährige so radikalisieren konnte. Eine Frage, die pauschal nicht beantwortet werden kann.

Waldkraiburg: Ermittler auf der Suche nach der Brandursache

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"Radikalisierungsprozesse sind höchst individuell, sodass generalisierende Typologisierungen schwer möglich sind", konkretisiert es die Sprecherin des BKA, Dr. Carina Jasmin Englert. "Verlauf und Dynamik von einem Radikalisierungsprozess hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab, die aus unterschiedlichen Analyseebenen zu betrachten sind - Person, Gruppe, Organisation, Gesellschaft. Deshalb wird zunehmend in der Wissenschaft von individuellen Radikalisierungspfaden gesprochen."

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Muharrem D.s individueller Radikalisierungspfad muss erst analysiert werden. Hat er mit seiner beruflichen Situation zu tun? War der gelernte Einzelhändler doch zuletzt bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Oder hat sein Privatleben zur Radikalisierung geführt? Früher spielte er in Waldkraiburg Fußball, lernte 2010 auf dem Volksfest seine damalige Freundin kennen. Danach verlieren sich seine Spuren immer mehr.

Befriedigt der Salafismus Bedürfnisse und Sehnsüchte der Betroffenen?

"Dauer und Verlauf der Radikalisierung werden durch zahlreiche Faktoren beeinflusst wie Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrung, Perspektivlosigkeit oder die Wahrnehmung von tatsächlichem oder vermeintlichem Unrecht. Zudem spielen individuelle Krisen, persönliche Niederlagen, berufliche Rückschläge, Krankheit, Trennung oder Verlust nahestehender Personen eine Rolle. Häufig sind individuelle Erweckungserlebnisse ausschlaggebend", so die BKA-Sprecherin weiter.

Vor allem im Bereich der religiös motivierten Kriminalität könnten entsprechend über den Freundes- und Bekanntenkreis, Moscheen und Prediger sowie das Internet bzw. über im Internet bezogene Propagandaerzeugnisse jihadistischer Gruppierungen und Prediger Radikalisierungen erfolgen. "Personen, die sich dem Jihadismus zuwenden, sind mehrheitlich dem Salafismus zuzurechnen. Diesem gelingt es offenbar, unterschiedliche Bedürfnisse und Sehnsüchte der Betroffenen zu befriedigen", weiß Englert und nennt Beispiele: "Religiöse Identität, Halt in einer religiös begründeten, vermeintlich egalitären Gemeinschaft, religiös begründete Regeln für das alltägliche Verhalten, Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt, einen strukturierten Tagesablauf, Aufmerksamkeit und das Gefühl, nützlich zu sein und zum Gelingen einer „großen Sache“ beitragen zu können."

Kriminalpolizei durchsucht Wohnung des "Bombers von Waldkraiburg"

Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß
Nach den vier Anschlägen auf türkische Geschäfte und Läden in Waldkraiburg durchsucht die Kriminalpolizei die Wohnung des mutmaßlichen Täters auf weitere Spuren. © fib/Eß

Die große Sache war für Muharrem D. die Anschläge auf die türkischen Ladenbesitzer. Obwohl er selbst türkisch-stämmig ist, nennt er in seiner Vernehmung den "Hass auf Türken" als Grund. „Er selbst bezeichnete sich als Kämpfer und Anhänger des IS und würde sein Leben dafür opfern“, schildert der Leiter der 50-köpfigen Soko "Prager", Hans-Peter Butz, aus den Vernehmungen.

Anschläge von Waldkraiburg: Noch viele offene Fragen

Eine Entwicklung, die weder Bekannte noch seine Ex-Freundin kommen sahen. Sie bezeichnen Muharrem als hilfsbereit und und freundlich. Vor allem die Ex-Freundin war der Meinung, dass er sein Leben voll im Griff habe. "Auch bei seiner damaligen Lehrstelle waren alle zufrieden mit ihm und seine Eltern waren stolz auf ihn."

Dennoch hat sich Muharrem D. radikalisiert, vier Anschläge verübt und weitere geplant. Noch immer ist die Frage offen, ob er allein gehandelt hat oder es Mitwisser gab. Auch woher der Sprengstoff kam, ist Gegenstand der Ermittlungen. Seinem ehemaligen Arbeitgeber Nitrochemie in Aschau am Inn liegen nach innsalzach24.de-Recherchen derzeit keine Anhaltspunkte dafür vor, "dass es eine Verbindung von Produkten oder Materialien des Unternehmens zu den Stoffen gibt, die die Polizei bei dem Verdächtigen gefunden hat." Doch woher stammen sie dann?

cz

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