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Kinderpsychologe aus Waldkraiburg im Interview

„Leider hatten manche Kinder während der Pandemie tatsächlich Suizidgedanken“

Dr. Thomas Schunck von der kbo Institutsambulanz Waldkraiburg ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.
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Oberarzt Dr. Thomas Schunck von der kbo Institutsambulanz Waldkraiburg.

Kinder und Jugendliche sind den Auswirkungen der Pandemie oft wehrlos ausgeliefert. Was sich in ihrer Psyche seit dem Frühjahr 2020 abspielt, beschreibt der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Thomas Schunck im Interview mit innsalzach24.de. Das Gespräch kam zustande im Rahmen der Spendenaktion „Lacher statt Kracher“, die von Thomas Gierling und Maximilian Böltl organisiert wird. Die Spenden der Silvesteraktion 2021 kommen dem kbo-Heckscher-Klinikum zugute.

Hier die Information zur Silvester-Spendenaktion 2021

Waldkraiburg/München - „Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind überall am Limit. Darüber wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig gesprochen. Aber die Folgen von Einsamkeit, Medienkonsum und Bewegungsmangel müssen offen thematisiert und gemeinsam bewältigt werden“, so Gierling und Böltl. Die beiden sind Schirmherren der Benefiz-Aktion „Lacher statt Kracher“, die Ende 2020 zum ersten Mal stattfand - um einen Ersatz für abgesagte Feuerwerke zu schaffen.

Im Rahmen der Aktion konnte innsalzach24.de mit dem Jugendpsychologen Dr. Thomas Schunck von der kbo-Institutsambulanz Waldkraiburg sprechen.

Herr. Dr. Schunck, wie erleben Sie die Kinder bzw. Jugendlichen in Pandemie-Zeiten? Welche psychiatrischen Krankheitsbilder sind festzustellen?
Schunck: Mindestens 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind emotional belastet wegen der Pandemie. Viele ziehen sich vermehrt zurück wegen den Kontaktbeschränkungen, wichtige Freizeitaktivitäten und Hobbys oder Sportaktivitäten entfallen, der Medienkonsum ist bei vielen desaströs. In unserer Ambulanz sehen wir vermehrt Patienten mit Depressionen, Angstzuständen/Panikattacken und Schulverweigerung.
Inwieweit haben sich die Schulschließungen im Schuljahr 2020/21 bemerkbar gemacht?
Schunck: Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die bereits vor der Pandemie psychische Probleme hatten, sehen wir eine Verstärkung der Symptomatik. Viele kamen mit dem Home Schooling nicht so gut zurecht, verpassten viel Schulstoff, auch weil oft kompetente Unterstützung von Seiten der Schulen fehlte.
Wie bekamen die Eltern den Druck zu spüren?
Schunck: Viele Eltern fühlten sich überfordert, weil sie den Spagat zwischen Beruf und Versorgung ihrer Kinder nicht schaffen konnten oder auch selber sehr belastet waren wegen der Pandemie, u.a. auch wegen eigener Erkrankung - Covid-19 und Long-Covid-Syndrom mit körperlichen und/oder psychischen Komplikationen - oder Quarantänemaßnahmen oder auch Erkrankungsfälle/Todesfälle in der Familie.
Wie wirkt sich die Diskussion um eine „Durchimpfung“ von Kindern und Jugendlichen aus?
Schunck: Ich empfehle auch die Impfung für Kinder und Jugendliche. Wenn in Zukunft zu dem Thema weiterhin so viel diskutiert wird wie bisher, werden wir die Pandemie niemals los.
Ist es wahr, dass manche Kinder bzw. Jugendlichen Suizidgedanken geäußert haben – wegen der Isolation in der Pandemie?
Ja das ist tatsächlich wahr.
Welche Strategien helfen, neuen Lebensmut aufzubauen? 
Schunck: Sich nicht gehen lassen, echte Kontakte pflegen, gesunde Ernährung. Den Medienkonsum sollte man begrenzen auf maximal zwei Stunden pro Tag. Wichtig sind ausreichend Schlaf, Sport und Bewegung. Auch in Zeiten der Pandemie ist nicht alles untersagt und verboten.
Wie kann man die Sichtweise der Auswirkungen der Pandemie durch Kinder und Jugendliche beschreiben?
Schunck: Hier gibt es selbstverständlich viele unterschiedliche Sichtweisen, die wohl sehr durch das soziale und familiäre Umfeld der Kinder und Jugendlichen geprägt sind.
Welche Süchte entstehen vermehrt durch die Isolation – wie sind die weit verbreitete Computerspiel- und Internet-Sucht zu bewerten?
Schunck: Tatsächlich beobachten wir seit der Pandemie eine eklatante Zunahme der Computerspiel- und Internetsucht, mit all den psychosozialen und medizinischen Folgen, die diese Sucht mit sich bringt.
Wie „gestört“ ist unser Sozialleben mittlerweile – welcher Weg könnte zurück führen zu gesellschaftlicher Normalität?
Schunck: Ich würde unser aktuelles Sozialleben nicht als „gestörter“ betrachten als vor der Pandemie. Ich erachte es als wichtig, nach wie vor die „echten“ sozialen Kontakte zu pflegen und die Menschen zu unterstützen, die Hilfe benötigen. Solidarität ist insbesondere in Krisenzeiten unerlässlich.
Welche Themen beschäftigen Kinder und Jugendliche hauptsächlich im Gespräch? 
Schunck: Viele Kinder und Jugendliche leiden darunter, daß die Kontakte beschränkt sind oder wichtige Freizeitaktivitäten und Hobbys, die ja so wichtig sind, wegfallen. Einige haben Angst, den Schulstoff nicht mehr aufholen zu können.
Offenbar trifft es Alleinerziehende während der Pandemie extrem – inwiefern?
Schunck: Alleinerziehende sind besonders gefordert, da sie ja oft neben Erziehung und Kinderversorgung noch arbeiten müssen.
Woran sollten wir gemeinsam arbeiten, damit wir perspektivisch aus der Pandemie heraus kommen?
Schunck: Möglichst hohe Impfquote, Solidarität und Unterstützung der Schwachen unserer Gesellschaft. Sich nicht gehen lassen und auf eine gute „Lebenshygiene“ achten.

Das kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie ist eine psychiatrische Klinik für Kinder und Jugendliche. Es hat zehn Standorte in München und Oberbayern, unter anderem in den Landkreisen München und Mühldorf. Sein Träger sind die Kliniken des Bezirks Oberbayern.

rk

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