Kastrationspflicht könnte helfen 

Täglich dem Tod ins Auge blicken: Katzenelend im Tierheim Pürten 

+
Schwer kranke Babykatzen stranden gerade jetzt im Herbst ständig im Tierheim Pürten. 
  • schließen

Waldkraiburg/Pürten: Die Bilder schockieren. Im Tierheim Pürten landen permanent Babykatzen, die vom Elend gezeichnet sind. Einige überleben aufgrund massiver Krankheiten nicht. Warum befinden sich die Tiere in einem so schlechten Zustand und was kann dagegen unternommen werden?

Felicitas von Roennebeck, Zweite Vereinsvorsitzende des Tierheims in Pürten, erklärt im Gespräch mit innsalzach24.de, dass im Tierheim in den vergangenen Monaten und gerade jetzt im Herbst, wo es kühler wird, ungemein viele kranke Neuzugänge stranden. 

Am 9. September beispielsweise bekamen die Mitarbeiter einen Hinweis auf fünf schwer kranke Katzen, ausgesetzt an einer Leitplanke am Innkanal in der Nähe des Tierheims. "Die Tiere waren etwa acht bis maximal zwölf Wochen alt und befanden sich ein einem erbärmlichen Zustand. Sie hatten starken Parasitenbefall und litten unter der Krankheit des Katzenschnupfens, die Augen waren stark geschwollen und quollen hervor. Die Babykatzen waren unglaublichen Schmerzen ausgesetzt, zweien musste ein je Auge operativ abgenommen werden, eines überlebte die Tortur nicht." 

Die Bilder der schwer kranken Katzenbabys entstanden eine Stunde nach Auffinden der Tiere am Innkanal. 

Der Katzenschnupfen als gängige Krankheit müsse schnell behandelt werden, im Idealfall ist eine Katze dagegen geimpft. Befinden sich aber viele Tiere an einem Ort, beispielsweise auf einem Bauernhof, und eine ist erkrankt, wird der Schnupfen von Tier zu Tier weitergegeben. Unbehandelt kann das bis zum schmerzerfüllten Tod führen, was meist die jüngsten und schwächsten trifft, erklärt von Roennebeck. 

"Genauso schlimm wie das Elend der Straßenhunde in Rumänien"

Von Roennebeck weiter: "Wenn keine ausgesetzten Katzen bei uns abgegeben werden, fahren wir oft selbst zu den Bauernhöfen, um kranke Katzen zu retten. Dagegen regt sich aber heftiger Widerstand und Unverständnis von Seiten der Bauern - von jedem zweiten Hof werden wir weggejagt. Dabei ist es so wichtig, dass sich die Katzen nicht unkontrolliert vermehren. Doch die Bauern haben Angst, dass ihnen die Katzen weggenommen werden. Diejenigen Landwirte, die mit uns zusammenarbeiten und eine Kastration der Tiere zulassen, sind sehr dankbar." 

Abhilfe schaffen könnte eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht freilaufender Katzen. Doch die ist von Bundesland zu Bundesland anders geregelt. Von Roennebeck bedaudert eine fehlende einheitliche Regelung. "Die Bayerische Staatsregierung hat die Ermächtigung in Paragraf 13b des Tierschutzgesetzes schon seit längerer Zeit den Kreisverwaltungsbehörden übertragen", weiß von Roennebeck, die als Anwältin in München arbeitet. So haben die Landkreise und kreisfreien Städte die Möglichkeit, entsprechende Regelungen bei tierschutzrechtlichen Voraussetzungen zu treffen. Sie appelliert auch an die Stadt Waldkraiburg tätig zu werden

"Die Menschen wissen gar nicht, wie wichtig es ist, die Tiere zu kastrieren. Besonders die Kater laufen bei der ganzjährigen Suche nach Sexualpartnern meilenweite Strecken und sind enormen Stress ausgesetzt. Ganz abgesehen von Gefahren, wie Verletzungen bei Kämpfen mit Artgenossen beim Durchqueren fremder Reviere oder Autounfälle sowie die Ansteckung mit Infektionskrankheiten bei anderen Katzen. Und auch für die Weibchen ist die Rolligkeit eine Belastung. In dieser Phase ist die Katze extrem unruhig, rollt sich schreiend auf dem Boden, frisst kaum und markiert überall. Einer Studie zufolge leben kastrierte Tiere deutlich länger als unkastrierte." 

"Nüchtern betrachtet ist das Problem der freilaufenden Katzen bei uns genauso schlimm wie das Elend der Straßenhunde in den osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien", konstatiert von Roennebeck traurig.

Vier von fünf Katzen haben die Tortur überlebt und sind auf dem Weg der Besserung. 

 

"Bevölkerung muss endlich aufwachen!"

Die ausgesetzten Babykatzen im Tierheim Pürten haben sich laut der Zweiten Vorsitzenden des Tierheims soweit erholt und sind wohlauf. "Sie haben mehrere Krankenstationen erfolgreich durchlaufen, bald können wir sie zur Vermittlung freigeben", freut sich von Roennebeck. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Katzen ein schönes Zuhause und einen neuen Besitzer finden, sei in der Regel erfreulich hoch. "Katzenwelpen geben wir aber nur zu zweit ab, es sei denn, es ist im Haushalt bereits eine Katze vorhanden." 

Alle kranken Katzen werden medizinisch versorgt, damit sie nicht chronisch krank werden. Die dadurch entstehenden Tierarztkosten muss der Tierschutzverein selbst stemmen. Keine leichte Aufgabe bei so vielen Einsätzen. "Wir bekommen einmal im Jahr Mitgliedsbeiträge und Spenden, Erbschaften sind leider die Ausnahme." 

Warum werden junge Katzen oder auch Hunde so häufig ausgesetzt? Von Roennebeck vermutet, dass es an der Oberflächlichkeit und am "Luxusdenken" der Menschen liegt: "Heute mag ich etwas haben und zwei Wochen später merke ich, dass es mir doch nicht so gefällt, Tierbesitzer zu sein, beispielsweise, weil der Hund auch bei Regen und Schnee Gassi gehen muss oder die Katze Dreck ins Haus trägt." 

Sie wünscht sich, dass die Bevölkerung endlich aufwacht und die Situation des Katzenelends, die das Tierheim tagtäglich erlebt, begreift. Von Roennebeck rechnet gerade jetzt, wenn im anstehenden Herbst die Temperaturen sinken, mit weiteren sehr kranken "Herbstkätzchen" in der Tierherberge. "Wir sind über jede Hilfe, die wir bekommen, dankbar", so von Roennebeck abschließend. 

mb

Zurück zur Übersicht: Waldkraiburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser