Runder Tisch in Waldkraiburg nach mutmaßlichen Brandanschlag

"Viele türkische Mitbürger sind aufgrund der aktuellen Ereignisse verunsichert"

Waldkraiburg - Die Stadt Waldkraiburg wird derzeit von einer möglichen Anschlagsserie auf Geschäfte von türkischstämmigen Besitzern in Atem gehalten. Während Motiv und Täter nach wie vor unbekannt sind, wird das ganze Ausmaß der Schäden immer offenkundiger.

Update, 2. Mai, 10.23 Uhr: Runder Tisch in Waldkraiburg nach mutmaßlichen Brandanschlag

Die Pressemitteilung im Wortlaut 


Die Sonderkommission „Prager“, die für die Ermittlungen zum Brand eines Ladengeschäftes am Sartrouville Platz gegründet wurde, ermittelt in diesem Zusammenhang auch zu zwei weiteren Taten, bei denen Ladengeschäfte von Inhabern mit türkischer Staatsangehörigkeit bzw. türkischen Wurzeln angegangen wurden. Die Stadt versteht, dass insbesondere bei der türkischen Gemeinschaft, die Unsicherheit nach diesen Vorfällen groß ist. Aus diesem Grund lud Erster Bürgermeister Robert Pötzsch Vertreter der türkischen Gemeinschaft zu einem runden Tisch ein. 

Neben Bürgermeister Robert Pötzsch, nahmen am runden Tisch, der am Freitag im Sitzungssaal des Rathauses stattfand, Polizeipräsident Robert Kopp, Kriminaldirektor und Leiter der SOKO „Prager“ Hans-Peter Butz, Leiter der Polizeiinspektion Waldkraiburg Erster Polizeihauptkommissar Georg Deibl, Pressesprecher Polizeihauptkommissar Martin Emig, Leitender Oberstaatsanwalt Georg Freutsmiedl, Leiter des Ordnungsamtes Norbert Meindl und Pressesprecherin der Stadt Stephanie Till an dem Treffen teil. Ahmet Baskent, Tezkan Temel, Suayip Uzon und Nurseda Baskent vertraten die türkische Gemeinde. 


Bereits seit dem ersten Tag steht die Stadtverwaltung in engen Kontakt mit den Betroffenen. „Es ist mir wichtig, nach den Brandereignissen das Gespräch zu suchen und zu zeigen, dass wir alles daransetzen, diese Tat mit allen notwendigen und möglichen Mittel aufzuklären“, sagte Bürgermeister Robert Pötzsch zu Beginn. „Die materiellen Schäden seien hoch, können aber zum Glück repariert werden. Viel größer seien die seelischen Wunden und Ängste, nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei vielen Mitgliedern der türkischen Gemeinde, die man nicht so schnell heilen könne. Viele türkische Mitbürger sind, verständlicherweise, aufgrund der aktuellen Ereignisse verunsichert“, so Pötzsch weiter. Umso wichtiger sei es offen Fragen zu klären und in den Austausch zu gehen. Das bestätigte auch Polizeipräsident Robert Kopp. Neben den Ermittlungsarbeiten und dem Ziel den oder die Täter zu fassen und die Tat aufzuklären, sei es auch wichtig das Sicherheitsgefühl in der Stadt, insbesondere der türkischen Gemeinde, wieder aufzubauen. „Sie können versichert sein, dass wir alles tun, was möglich ist, um Ihnen Sicherheit zu geben“, sagte er. Aus diesem Grund habe die Polizei die Präsenz in der Stadt erhöht. Die Waldkraiburger Polizei werde durch eine Reiterstaffel sowie Streifen – auch in zivil - unterstützt. „Nicht alles, was die Polizei macht, ist auf den ersten Blick sichtbar“, sagte Kopp. Dem stimmte auch der Leiter der Waldkraiburger Polizeiinspektion Georg Deibl zu und machte klar: „Die Polizei hat die Lage im Griff“. Robert Kopp fügte hinzu: „Sie können sicher sein, dass alles getan wird, um das Geschehen schnellstmöglich aufzuklären.“ Dies zeigen auch die Maßnahmen, die getroffen wurden. So ist, wie Kriminaldirektor Hans-Peter Butz ausführte, die SOKO „Prager“ bereits kurze Zeit nach der Tat gegründet worden. Diese ist seit Montag nahezu rund um die Uhr im Einsatz. Über 35 Beamte verschiedener Polizeidienststellen sind inzwischen mit dem Fall betraut. „Wir ermitteln seit Anfang intensiv und tun alles, um das Tatgeschehen aufzuklären“, sagte Butz. 

Für große Verunsicherung  bei den Bürgern sorgte auch die Information, dass die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München die Sachleitung übernommen hat. Wie leitender Oberstaatsanwalt Georg Freutsmiedl ausführte, sei dies die normale Vorgehensweise, wenn nicht auszuschließen sei, dass die Tat eventuell einen extremistischen Hintergrund haben könnte. „Wir ermitteln weiterhin in alle Richtungen. Es wird sich nicht auf ein Motiv festgelegt. Jedes Tatmotiv, das möglich ist, wird genauestens untersucht“, führte er aus. 

In der anschließenden Fragerunde merkte Ahment Baskent vor allem an, dass die türkischen Mitbürger große Angst hätten und sich mehr Sicherheit wünschten. Robert Kopp zeigte Verständnis und wies auf ein Schutzkonzept hin, das erarbeitet wurde und das beispielsweise auch die Moschee beinhalte. Freutsmiedl zu Folge sei es auch möglich, weitere, für die türkische Gemeinde wichtige Orte, in dieses Schutzkonzept zu integrieren. Des Weiteren bot die SOKO an, den Kontakt zu einem Sicherheitsexperten herzustellen. Darüber hinaus wurden bei der SOKO sogenannte Betreuer abgestellt, die als feste Ansprechpartner für die Geschädigten dienen. Wie Nurseda Baskent, Vertreterin der DITIB Jugend Waldkraiburg mitteilte, gäbe es vor allem bei jungen Menschen viele offene Fragen, was die Polizeiarbeit und die Zusammenhänge grundsätzlich angeht. Diese sollen nun in einem sogenannten FAQ (Frequently Asked Questions – Häufig gestellt Fragen) beantwortet und veröffentlicht werden. Um das Sicherheitsgefühl noch weiter zu stärken, bot Polizeipräsident Kopp darüber hinaus an, gemeinsam mit dem Bürgermeister, zu einem weiteren Informationsgespräch und - austausch mit Vertretern der türkischen Gemeinde einzuladen, sobald es die Corona-Situation zulässt. 

Ahment Baskent, Nurseda Baskent, Tezkan Temel und Suayip Uzon bedankten sich für die offene Runde. „Die Geschichte Waldkraiburgs hat uns vor allem gelehrt, dass wir schon immer Hand in Hand zusammengearbeitet haben“, sagte Bürgermeister Robert Pötzsch und fügte hinzu: „Wir werden auch weiter an einem Strang ziehen.“

Pressemitteilung Stadt Waldkraiburg

Update, 1. Mai, 8.20 Uhr - Pressemitteilung der Stadt

Die Pressemeldung im Wortlaut:

In der Nacht von Sonntag, 26. April auf Montag, 27. April ereignete sich ein Großbrand in einem Früchteladen am Sartrouville Platz. Die Stadtverwaltung hatte sich bis jetzt nicht öffentlich zu den Vorfällen geäußert, da sie die Ermittlungsergebnisse der Behörden abwartete, um Spekulationen zu vermeiden. Wie die Kriminalpolizei nun mitteilte, laufen die Ermittlungen wegen des Verdachts eines Verbrechens der vorsätzlichen schweren Brandstiftung. Es liegen keine Hinweise für ein eventuelles Tatmotiv vor. 

Die Stadtverwaltung hat in den Tagen seit dem Brand zahlreiche Nachrichten aus der Bevölkerung erhalten. Viele davon bekunden ihre Anteilnahme und bieten Hilfe an. Wir sind stolz, dass Solidarität und Zusammenhalt auch in solchen Zeiten die vorherrschenden Eigenschaften der Waldkraiburger Stadtgemeinschaft sind

Erster Bürgermeister Robert Pötzsch: „Wir stehen bereits seit dem ersten Tag mit den Besitzern des Ladens im Kontakt, um eine unbürokratische Übergangslösung für den Verkauf der Waren zu finden. Ich möchte mich bei allen Einsatzkräften für die schnelle Hilfe bedanken! Durch ihren Einsatz konnte ein noch größerer Schaden verhindert werden! Ein besonderer Dank gilt den ermittelnden Polizeibeamten für die Ermittlungen, welche weiterhin mit Nachdruck geführt werden, so dass die Täter schnellstmöglich zur Verantwortung gezogen werden und die Hintergründe der Tat aufgeklärt werden können!“ 

Die Sonderkommission „Prager“, die für die Ermittlungen gegründet wurde, ermittelt in Zusammenhang mit dem Brand auch zu zwei weiteren Taten, bei denen Ladengeschäfte von Inhabern mit türkischer Staatsangehörigkeit bzw. türkischen Wurzeln angegangen wurden. Die Stadt versteht, dass insbesondere bei der türkischen Gemeinschaft, die Unsicherheit nach diesen Vorfällen groß ist. Aus diesem Grund lädt Bürgermeister Robert Pötzsch im Namen der Stadtverwaltung Vertreter der türkischen Gemeinschaft zu einem runden Tisch ein. Daran teilnehmen werden auch Vertreter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München und des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Ziel dieses Termins soll es sein, Fragen zu klären und Unsicherheit abzubauen.

Pressemeldung Stadt Waldkraiburg

Der Vorbericht:

So wurde ein Friseurladen am Stadtplatz bereits vor gut zehn Tagen das Opfer einer hinterhältigen Attacke. In der Nacht von 16. auf 17. April hatten Unbekannte mit einem großen Stein unter anderem das Schaufenster des Geschäfts völlig demoliert. Darüber hinaus wurde am und im Laden auch noch eine dunkle Farbe verschüttet, wodurch der Boden und das helle Mauerwerk massiv verschmutzt worden sind. innsalzach24.de liegen entsprechende Fotos aus dem Innenraum des Ladengeschäftes vor. Ob es sogar tiefer gehende Schäden gab, ist derzeit nicht bekannt. Am 10. Mai gab die Polizei schließlich bekannt, dass der Täter ein Anhänger des Islamischen Staats (IS) ist und mit Bomben und Sprengstoff weitere Anschläge in Waldkraiburg plante.

Angriff auf Friseurgeschäft in Waldkraiburg

 © privat
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 © fib/Eß
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Einen Tag später wurde dann auch ein Lokal in der Annabergstraße Opfer einer ähnlich gelagerten Attacke. Anfang der Woche kam es dann zu dem verheerenden Brand in dem Lebensmittelgeschäft am Stadtplatz. Durch das Feuer-Inferno in der Ladenzeile wurden insgesamt sechs Menschen verletzt und zudem auch andere Geschäfte in Mitleidenschaft gezogen. Die Ware eines Drogeriemarktes wurde zu großen Teilen massiv verrußt und beschädigt. Noch schlimmer erwischt hat es ein angrenzendes Textilgeschäft. Dort wurde durch den Brand ein Schaufenster zerstört, Hitze und Dämpfe überzogen alles mit einer dicken Rußschicht. Eigentlich war die Besitzerin (71) gerade dabei, alles für die Zeit nach der "Corona-Zwangspause" vorzubereiten, doch jetzt schließt das Geschäft wohl für immer

Großbrand in Waldkraiburg am 27. April

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Netzwerk organisiert "Mahnwache"

Die Ermittlungen der Polizei laufen übrigens weiter auf Hochtouren. Es wurde die Sonderkommission "Prager" eingerichtet, der rund 25 Beamte angehören. Die Sachleitungsbefugnis wurde diesbezüglich inzwischen an die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München abgegeben. Des Weiteren wurde ein Hinweistelefon sowie ein Upload-Portal für Bild- und Videomaterial zur Verfügung gestellt (siehe letzter Absatz).

An den Tatorten wurden akribisch Spuren und Beweismittel gesichert. Zudem wurde die Polizeipräsenz im Stadtgebiet von Waldkraiburg sichtlich erhöht. Polizeipräsident Robert Kopp hatte in diesem Zusammenhang bereits klar gestellt: "Die Gefährdung oder Schädigung türkischer Einrichtungen ist in keiner Weise akzeptabel und ist mit einer toleranten und weltoffenen Gesellschaft nicht vereinbar. (...)"

Unterdessen hat das Netzwerk "Mühldorf ist bunt" auf Facebook zu einer Mahnwache aufgerufen. Diese soll am Samstag, 2. Mai, von 10.30 Uhr bis 11.30 Uhr am Stadtplatz in Waldkraiburg stattfinden. Die Organisatoren betonten ausdrücklich, dass wegen der derzeit bestehenden Beschränkungen keinesfalls mehr als 50 Personen daran teilnehmen werden dürfen. Zudem müsse der Mindestabstand eingehalten werden und Teilnehmer müssten eine Maske tragen. Andernfalls droht der Versammlung eine vorzeitige Auflösung durch die Polizei.

Hinweistelefon und Upload-Portal:

Das Hinweistelefon der Polizei ist von 8 Uhr bis 22 Uhr unter der Rufnummer 08031 / 200-3180 und von 22 Uhr bis 08 Uhr unter der Rufnummer 08031 / 200-3087 rund um die Uhr besetzt.

Die Bevölkerung wird zudem gebeten, sachdienliche Bilder und Videos, die zur Aufklärung der geschilderten Taten beitragen können, der Polizei über folgenden Link zur Verfügung zu stellen: medienupload-portal03.polizei.bayern.de

Die Erläuterungen wurden in deutscher, türkischer und englischer Sprache zur Verfügung gestellt.

fib/Eß, mw

Rubriklistenbild: © privat, f ib (Montage)

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