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Traumatische Erinnerungen

„Ihm einmal in die Augen schauen“: Was Opfer vor Waldkraiburger „Bombenleger“-Prozess bewegt

Muharrem D. mutmaßlicher Islamit
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Muharrem D. – der mutmaßliche Islamist muss sich ab 2. März wegen des mehrfachen versuchten Mordes vor dem Staatsschutzsenat des OLG München verantworten.

Die Anschlagserie vom Frühjahr 2020 weckt bis heute bei Opfern traumatische Erinnerungen. Kurz vor dem Auftakt des Verfahrens am 2. März am Oberlandesgericht gegen den selbst ernannten „Bombenleger von Waldkraiburg“ sprechen Betroffene über die Gefühle, die sie heute bewegen, und ihre Erwartungen an den Prozess.

Waldkraiburg/München – „Ich möchte diesen Menschen sehen, ihm im Gerichtssaal einmal in die Augen schauen.“ Ende März, wenn sie als Zeugin vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts aussagt, wird Helga Rittersporn auf Muharrem D. treffen.

„Nicht Hass, aber Wut“ bewegt Helga Rittersporn.

Jenen Mann, der angeklagt ist, am 27. April 2020 einen Brandanschlag auf ein türkisches Geschäft im Zentrum von Waldkraiburg verübt und billigend in Kauf genommen zu haben, dass sie und weitere Bewohner des Mietshauses umkommen.

Bis heute noch nicht verarbeitet

„Nein, da ist kein Hass“, sagt Rittersporn, „aber Wut, große Wut über den finanziellen Schaden. Und es hätte ja alles noch viel schlimmer kommen können.“ Eine andere Bewohnerin des Brandhauses, die ebenfalls erst vor Kurzem mit ihrer Familie zurückkehren konnte, will am liebsten nicht mehr an die Ereignisse denken. „Entweder man schließt ab, oder man wird verrückt.“

Von einer „traumatischen Zeit“, die bis heute noch nicht ganz verarbeitet sei, spricht Ahmet Baskent, der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Waldkraiburg.

Von einer „traumatischen Zeit“ spricht Ahmet Baskent. Grundner

Baskent zitiert ein Gemeindemitglied: „Wenn die Feuerwehrsirenen losgehen oder die Hubschrauberpropeller zu hören sind, kommen die Ängste und Gefühle auch nach einem Jahr wieder hoch.“

Türkische Community lebte Wochen lang in Angst

Die Gemeinde, die zum Dachverband Ditib gehört, ja, die ganze türkische Community Waldkraiburgs lebte damals Wochen lang in Angst.

Niemand wusste, wer hinter der Anschlagsserie steckte, die sich gegen Geschäfte und Lokale türkischstämmiger Inhaber richtete und in der Nacht vom 16. auf den 17. April mit der Beschädigung eines Friseurgeschäfts begonnen hatte.

Zweifel an islamistischem Hintergrund

Hasan Cavus, Inhaber des Kebaphauses im Waldkraiburger Süden, das das letzte Anschlagsziel war, kann sich einen islamistischen Hintergrund „nicht vorstellen“.

Hasan Cavus kann nicht an einen Einzeltäter glauben.

Der 48-Jährige spricht aus, was ein Jahr danach noch immer in der Stadt die Runde macht. Er rückt D., der mütterlicherseits kurdischer Abstammung ist, in das PKK-Lager. Vor allem aber kann er nicht glauben, dass die Taten und Pläne auf das Konto eines Einzeltäters gehen könnten.

Festnahme im Zug: Ohne Ticket, aber mit Rohrbomben im Gepäck

Noch weniger begreift er allerdings, wie er sich „so dumm“ hat erwischen lassen können: Am 8. Mai schnappte ihn die Polizei, weil er ohne Ticket im Zug von Garching nach Mühldorf fuhr. Mit Rohrbomben im Gepäck.

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Die Frage nach Mittätern treibt auch Hüseyin A. um, in dessen Gemüseladen am 27. April die Brandbomben gezündet wurden. „Das ist doch nicht logisch. Wer schafft es, so viele Sachen alleine zu organisieren?“ Auch weil die Einzeltäterschaft noch immer nicht sicher sei, hat A. Interview- und Fotoanfragen von Medien bislang abgelehnt.

Ganze Liste von offenen Fragen

Erkan Artuk hält das PKK-Gerede für nicht plausibel. Auch sein Lokal war betroffen, dabei sei er selbst Kurde. „Ich bin froh, dass es keinen rechtsradikalen Hintergrund gibt. Wir hätten keine Ruhe mehr.“ Muharrem D. gibt ihm Rätsel auf, so wenig ist über den Angeklagten bekannt.

Artuk: „Keiner kennt den Mann. Nicht in der Moschee, keiner unter den jungen Türken in Waldkraiburg. Ein Einzelgänger, der in seiner eigenen Welt lebte.“

Viele offene Fragen

Die Erwartungen an den Prozess sind enorm. Ahmet Baskent von der türkisch-islamischen Gemeinde formuliert eine Liste von offenen Fragen, auf die er sich Antworten erhofft: „Was war das Motiv des Täters? Wie hat er sich ideologisch radikalisiert? Wie kam er unbemerkt an die Bombenrohstoffe und die Waffe? Gibt es Komplizen, Mittäter, Mitwisser?“

Türkisch-islamische Gemeinde wirkte deeskalierend

Eine Aufklärung „des Falles in seiner ganzen Bandbreite“ erwartet sich Baskent, der sich im Vorjahr mit seinem Gemeindevorstand in enger Abstimmung mit Stadt und Behörden erfolgreich darum bemühte, dass die Stimmung trotz aller Angst nicht eskalierte.

Mit Bürgermeister Robert Pötzsch (UWG) ist er sich einig: Der Prozess könne helfen, die fürchterlichen Geschehnisse zu verarbeiten.

Eine gerechte Strafe mit der „vollen Härte des Rechtsstaates“ solle deutlich machen, dass solche Taten „in unserer Gesellschaft keinen Platz haben“, so Pötzsch.

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Weil es sich bei den Anschlägen um staatsgefährdende Gewalttaten handelt, hatte die Generalbundesanwaltschaft das Verfahren im Mai 2020 an sich gezogen. Der Prozess hat nicht nur deshalb eine hochpolitische Dimension.

Neben dem türkischen Generalkonsul in München hatte sich damals sogar Außenminister Mevlüt Çavusoglu eingeschaltet, mit Geschädigten aus Waldkraiburg telefoniert und die Hilfe des türkischen Staates angeboten.

Opferanwalt aus NSU-Prozess vertritt Nebenkläger

Der Prozess vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München unter dem Vorsitzenden Richter Jochen Bösl wird am Dienstag, 2. März, eröffnet. Bis 31. August sind über 40 Verhandlungstermine angesetzt.

Einige der Geschädigten treten als Nebenkläger auf und lassen sich von Dr. Mehmet Daimagüler vertreten. Der Berliner Rechtsanwalt hat sich als Opfervertreter im NSU-Prozess einen Namen gemacht.

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