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Ein Großteil ist geschafft

400 Jahre alte Wunder: Heimatforscher Meinrad Schroll digitalisiert Pürtener Mirakelbuch

Heimatforscher Meinrad Schroll aus Mühldorf brachte die vielen Eintragungen des Mirakelbuchs in eine digitale Form.
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Heimatforscher Meinrad Schroll aus Mühldorf brachte die vielen Eintragungen des Mirakelbuchs in eine digitale Form.

Bei ihrer Wallfahrt nach Pürten suchten kranke Pilger Heilung. Ein Evangelienbuch, das sie nachts unter den Kopf legten, sollte sie bringen. Dieser europaweit wohl einzigartige Wallfahrtskult ist im Pürtner Mirakelbuch dokumentiert. Was in dem 400 Jahre alten Buch steht, das bringt Heimatforscher Meinrad Schroll gerade in eine digitale Form.

Pürten – Da hatte Heimatforscher Meinrad Schroll schon mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen, als er das 400 Jahre alte Mirakelbuch aus Pürten genauestens durchforstete und letztendlich auch abschrieb. Das ehrwürdige Buch, das normalerweise in der Sakristei der Pürtener Kirche aufbewahrt wird, ist bis dato nie gründlich erforscht worden. Vergilbte Seiten und teils schwer leserliche Schrift machten dem Mühldorfer die Aufgabe nicht immer ganz leicht.

Das 400 Jahre alte Mirakelbuch mit rotem Ledereinband und geschöpftem Papier dokumentiert das Wallfahrtsgeschehen in Pürten.

Den Auftrag, die Seiten des Mirakelbuches in eine digitale Form zu bringen, erhielt Schroll vom Waldkraiburger Stadtarchivar Konrad Kern. Der Heimatforscher erledigte nach rund vier Monaten jetzt seine Arbeit. Das alte Buch mit rotem Ledereinband und geschöpftem Papier enthält auch immer wieder Eintragungen in lateinischer Sprache. Diesen Passagen nimmt sich derzeit Lateinlehrer Reinold Härtel an.

Wundertätiges Werk einer Königstocher

Konrad Kern rechnet im April mit der gesamten Fertigstellung der Dateien. Im geschichtsträchtigen Pürten wurde vor vielen Jahrhunderten ein besonderer Kult gepflegt, der in ganz Europa einmalig sein dürfte. Das 400 Jahre alte Mirakelbuch gibt darüber Auskunft. Seit wann Pürten Ziel christlicher Pilger ist, kann nicht genau dokumentiert werden.

In einem Bericht an den Landesherrn, den bayerischen Herzog Wilhelm IV, schildert Abraham Kronberger 1592 ausführlich die Geschichte der Wallfahrt. Kronberger, damals Propst des Augustiner-Chorherrnstifts in Au am Inn, zu dem die Pfarrei Pürten 1177 bis 1803 gehörte, entfaltete die Legende von einer französischen Königstochter namens Alta, die nach einer Marien-Vision nach Pürten pilgert, während der Reise stirbt und in dem Wallfahrtsort begraben liegt. Alta soll ein wundertätiges Buch mitgebracht haben, das sich seither in der Pürtener Kirche befindet.

Die Geschichte der seligen Alta dürfte eine Erfindung der Auer Chorherren gewesen sein. Das wundertätige Buch, das Evangeliar, gab und gibt es bis heute. Bis 1804 befand sich das Buch auch tatsächlich in Pürten. Dann wurde das Evangeliar vom bayerischen Staat beschlagnahmt. Es liegt seither in München in der Staatsbibliothek. Das Mirakelbuch weist 273 Einträge auf. Der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1621, also vor 401 Jahren.

Bei Leiden und Krankheiten suchten die Menschen in jener Zeit häufig Heilung an Wallfahrtsorten. Gerade wenn es um Geisteskrankheiten oder schwere seelische Probleme ging, pilgerten Betroffene oft nach Pürten. Die göttliche Hilfe sollte von dem uralten Evangeliar ausgehen.

Das Buch besteht aus den vier Evangelien, die jeweils eine farbig bemalte Anfangsseite vorweisen, welche den Pilgern im Mesnerhaus eine Nacht lang unter den Kopf geschoben wurde – also viermal die gleiche Prozedur. Durch die Berührung sollte die Heilkraft des Buches auf den Kopf des Pilgers übergehen.

Wie Konrad Kern aus den Eintragungen im Mirakelbuch weiß, wurden unruhige Pilger sogar angebunden. Kranke, die nicht zum Übernachten ins Mesnerhaus kommen konnten, durften sich das Evangeliar für ein Paar Kreuzer ausleihen. Meinrad Schroll nahm das Mirakelbuch in seiner Eigenschaft als Heimatbuchschreiber öfters schon in die Hand, dennoch staunte er über manche Eintragung, die während der gründlichen Durchsicht auftauchte. „Man erfährt die Namen von Tagelöhnern, Bauern, Beamten und Adeligen, die das Evangeliar benutzten“, erklärt Schroll und ergänzt: „Das Buch eignet sich daher durchaus als Fundgrube für Familien-, Pfarr- und Klostergeschichten.“ Die Kranken kamen überwiegend aus den umliegenden Pfarreien, doch vereinzelt hofften auch Menschen aus Tirol, Oberösterreich, Vilshofen oder Schwäbisch Gmünd auf Heilung durch das Evangeliar. Für Konrad Kern sind zudem die differenzierten Vermerke im Mirakelbuch von Bedeutung. So wurden Erfolg und Misserfolg der Behandlungen mit dem Evangeliar aufgelistet. Sogar von Todesfällen nach Benutzung des Wunderbuches wird berichtet. Zusätzlich zu diesen Geschehnissen legt das Mirakelbuch Zeugnis über andere Ereignisse wie Renovierungen der Pfarrkirche, über Opfergaben, Überschwemmungen und über Pockenschutzimpfungen ab.

Zwischen Heilung und Todesfällen

Damit auch die breite Öffentlichkeit Zugang zum jahrhundertealten Mirakelbuch bekommt, wollen Konrad Kern und Meinrad Schroll anhand der erstellten Dateien noch in diesem Jahr eine gebundene Broschüre herausbringen. Geschichtsinteressierte und Ahnenforscher wird es freuen.

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