Marius Turcu leistet Pionierarbeit

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Pfarrer Marius Turcu leitet seit Anfang August die neue rumänisch-orthodoxe Kirchengemeinde Waldkraiburg.

Waldkraiburg - Er ist Missionar und Pionier, der mit Begeisterung eine Gemeinde aufbauen will: Marius Turcu ist der erste Pfarrer der neuen rumänisch-orthodoxen Kirchengemeinde Waldkraiburg.

Seit zwei Monaten ist er offiziell installiert und arbeitet ehrenamtlich an seinem Ziel.

Würde seine Kleidung ihn nicht eindeutig ausweisen, käme wohl nicht jeder sofort darauf, in Marius Turcu einen Pfarrer vor sich zu haben. Mit seiner Löwenmähne und dem vollen Bart könnte er gut und gerne als Alt-68er durchgehen. Angehende Theologiestudenten mögen sich so die iroschottischen Wandermönche vorstellen, die im frühen Mittelalter Mitteleuropa zum Christentum bekehrten.

Auch Turcu betritt Neuland. Die rumänisch-orthodoxe Kirche, nach der russisch-orthodoxen Kirche mit etwa 17 Millionen Mitgliedern die zweitgrößte selbstständige orthodoxe Kirche in der Welt hat noch einen weiten Weg vor sich, in Bayern über ihre Zentren in Nürnberg (Sitz der Metropolie) und München hinaus tragfähige Gemeindestrukturen aufzubauen.

In Rosenheim, in Traunreut, gibt es bereits Gemeinden, neuerdings auch in Waldkraiburg, das wie Fürstenfeldbruck unter der Schirmherrschaft des Münchner Kirchenzentrums mit Bischof Sofian von Kronstadt (Brasov) steht.

Anfang August wurde Marius Turcu zum Pfarrer ernannt. Er freut sich auf seine neue Aufgabe und fühlt sich gut auf die Stadt vorbereitet. Eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft ist ihm nichts Neues. In seiner Heimatstadt Soceanu lebten neben der überwiegenden Mehrheit der Rumänen und Orthodoxen auch Deutsche, Ungarn und Tschechen, Juden, armenische, katholische und lutherische Christen. Direkt neben einem orthodoxen Kloster sei er aufgewachsen, auch der römisch-katholische Dom war nicht weit. Der 46-Jährige selbst hat eine rumänische Mutter und einen deutschstämmigen Vater. Von der Mutter habe er den Glauben, vom Vater das "lutherische, präzise Denken", lacht er und setzt hinzu: Er arbeite "mehr mit dem Herzen als mit dem Hirn".

Marius Turcu kann reden, manchmal ohne Punkt und Komma. Er hat viel zu erzählen. Sein Weg zum orthodoxen Priester verlief nicht schnurgerade, obwohl er - wie er sagt - schon in der 2. Klasse ankündigte, Pfarrer werden zu wollen.

Das Abitur machte er in Mathematik und Naturwissenschaften. Zwei Jahre studierte er Informatik, schloss das Studium aber nicht ab. Er pflegte die vietnamesische Kampfkunst Qwan-Ki-Do und setzte sich mit den spirituellen Traditionen aus Fernost auseinander. Intensiv habe er sich mit dem Buddhismus beschäftigt und kommt zu dem Ergebnis: "Die Mystik in unserer Kirche ist ein kürzerer Weg."

"Ich bin zu meinen Wirzeln zurück gegangen. Ich habe mich entschieden, als Priester meinem Gott zu dienen." In Jasi studierte Marius Turcu Theologie. Mitte der 90er-Jahre ist er als Gemeindepfarrer in einem Dorf tätig, unterrichtet Religion und Ethik und geht wenige Jahre später mit seiner Familie nach Deutschland.

In Thüringen, dann in Bayern arbeitet er als Missionar, unter anderem als Seelsorger für Strafgefangene, Suizidalgefährdete und andere Menschen in schweren Lebenskrisen sowie in der Gemeinde in Fürstenfeldbruck. Sein Brot verdiente der Pfarrer als Altenpfleger, bis er 2010 aus gesundheitlichen Gründen aus diesem Beruf ausscheiden musste und seitdem arbeitssuchend ist.

Seiner Aufgabe als Pfarrer in Waldkraiburg kommt er bis auf Weiteres ehrenamtlich nach. Seit Juli feiert er an jedem Sonntag um 10.30 Uhr einen Gottesdienst in Waldkraiburg. Die Sprache der Liturgie ist Rumänisch, Turcu hat das Ziel, auf Rumänisch und Deutsch zu zelebrieren, um auch die jungen Leute zu erreichen, die in Deutschland aufgewachsen sind.

Mit seiner Familie, Frau und Tochter, wohnt Marius Turcu in Grafing. Die Kommunikation läuft im Wesentlichen über Handy (0173/ 8476133) oder E-Mail (turcuma@googlemail.com) "Wenn ich gebraucht werde, bin ich da", sagt der Pfarrer.

Seine Kirche zahlt dem Pfarrer im Moment nur eine Aufwandsentschädigung für die Fahrten nach Waldkraiburg. Es gibt kein Büro oder gar Pfarramt. Die Organisation ist noch ganz am Anfang. Die Finanzierung eines hauptamtlichen Pfarrers steht noch in weiterer Ferne. Über die Metropolie sollen der Beitritt zur Gemeinde und die Einziehung eines regelmäßigen Kirchengeldes organisiert werden, erzählt der 46-Jährige.

Die Gemeinde genießt Gastrecht in der katholischen Johann-Nepomuk-Kirche. Pfarrer Martin Garamier, mit der er guten Kontakt hat, hat der Gemeinde die Holzkirche zur Verfügung gestellt. Hier sollen sich die rumänisch-orthodoxen Christen zur Sonntagsliturgie sammeln, auch zur Krankensalbung, die Turcu bald jede Woche feiern möchte, und zur Beichte. Zwei Taufen und eine Hochzeit gab es schon. Etwas mehr als 30 Gläubige kommen regelmäßig zur Sonntagsliturgie, an Ostern waren es 120.

Auf 500 bis 800 schätzt der Pfarrer die Zahl der Rumänisch-Orthodoxen in Waldkraiburg und Umgebung, viele von ihnen leben mit katholischen und evangelischen Partnern zusammen. Wie viele es in Wasserburg und im Landkreis Altötting sind, für die er ebenso zuständig ist, kann er nicht sagen.

Wichtig ist dem Pfarrer, ein soziales Netz für die Rumänisch-Orthodoxen in der Region zu knüpfen. Die Kirche habe die Aufgabe, die Leute seelisch zu stabilisieren und mitzuhelfen, dass sie ihre Identität bewahren. "Die Rumänen müssen sich nicht dafür schämen, dass sie aus Rumänien kommen."

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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