"Eine Frage der Glaubwürdigkeit"

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Waldkraiburg - 2010 war für die katholische Kirche in Deutschland ein "Krisenjahr". Im Pfarrverband Waldkraiburg bestätigt sich diese überregionale Tendenz nicht.

Nach Hochrechnungen von Experten haben 200.000 bis 250.000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken gekehrt, das wären 80 Prozent mehr als 2009.

Im Pfarrverband Waldkraiburg bestätigt sich diese überregionale Tendenz nicht. Zwar ist auch hier die Zahl mit 69 Austritten höher als im Jahr davor (49). Der Wert von 2008 (95) wurde aber nicht erreicht.

In der Regel bekommt jeder, der ausgetreten ist, einen Brief, in dem Pfarrer Martin Garmaier mitteilt, dass er diese Entscheidung respektiere, aber auch bedauere. Das Gesprächsangebot, das er bei dieser Gelegenheit macht, wurde in den zehn Jahren, seit er Pfarrer in Waldkraiburg ist, nur einmal angenommen. "Ich erinnere mich an ein sehr gutes Gespräch."

Über Ursache und Gründe für die Austritte kann er nur spekulieren. Die vielen Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester, die im vergangenen Jahr bekannt wurden, werden eine Rolle gespielt haben. Dabei, so Garmaier, sei das Problem deutlich geworden, wie Kirche mit ihren schwachen Seiten umgeht. "Auch kirchliche Vertreter und die Kirche im gesamten sind nicht vollkommen." Kirche verfahre aber oft zu sehr nach der Devise: "Es ist nicht, was nicht sein darf."

Garmaier: "Es wäre meine Hoffnung, dass wir als Kirche lernen, an Idealen fest zu halten, aber auch die Realität zu sehen. Dann gerät Kirche nicht in die Gefahr zu moralisieren."

Positiv sieht er im Zusammenhang mit dem Umgang mit Kindesmissbrauch die klare Haltung der Diözesanleitung. "Ich bin froh, dass unsere Diözese sehr geradlinig damit umgegangen ist."

Eine Frage der Glaubwürdigkeit ist in den Augen Garmaiers auch die aktuelle Diskussion um den Pflichtzölibat. Der Priester, der im Blick auf die Kirchengeschichte, insbesondere im Mittelalter, überzeugt ist, "dass der Zölibat wohl nie so streng eingehalten wurde wie heute", spricht sich klar für die Abschaffung aus: "Der Zölibat als Gesetz sollte aufgehoben werden."

Doch nicht wegen des Priestermangels hält Garmaier dies für geboten. Und schon gar nicht leuchtet ihm ein, dass Pfarrer verheiratet sein müssten, um etwas über Ehe oder aber Familie sagen zu können.

Der entscheidende Gesichtspunkt in den Augen des Waldkraiburger Pfarrverbandsleiters: "Eine freiwillige Entscheidung für den Zölibat ist viel glaubwürdiger." Wenn einem jungen Mann gesagt werde, er könne nur dann Priester werden, wenn er zölibatär lebt, dann setze ihn diese Forderung unter Druck. "Das führt dazu, dass sich manche dafür entscheiden und sich etwas vormachen." Wenn sie später heiraten, müssten "oft sehr gute Priester" ihren Beruf aufgeben.

Die Diskussion um den Pflichtzölibat begrüßt Garmaier. Er erhofft sich davon, dass immer mehr Bischöfe vorstellig werden und die Situation dem Papst und anderen Verantwortlichen in Rom klarmachen. Der Priester erinnert sich daran, den heutigen Papst und damaligen Erzbischof bei der Jugendkorbinianswallfahrt in Freising mehrmals auf das Thema Zölibat angesprochen zu haben. Dessen Antwort: Wer nicht zum Zölibat berufen ist, sei auch nicht zum Priester berufen. Im übrigen entscheide der Papst in Rom. Das Benedikt XVI. den Zölibat als Pflicht aufhebt, hält Garmaier allerdings für wenig wahrscheinlich.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

Rubriklistenbild: © dpa

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