140 Festtagstrachten im Puppenformat

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Bürgertrachten aus Agnetheln, der Heimat ihrer Mutter, treten in den Vitrinen in Edith Rothbächers Wohnung in den Schönheitswettbewerb mit vielen anderen siebenbürgisch-sächsischen Festtagsgewändern. 

Waldkraiburg - Mathematik und Physik sind ihr eigentliches Metier. Doch die Nadel ist Edith Rothbächer, der Tochter eines Schneiders und einer Schneiderin, wohl in die Wiege gelegt.

Ihr Talent weiß sie zu nutzen: Fast 140 Puppen hat die Waldkraiburgerin bis heute in Handarbeit mit historischen Trachten aus ihrer Heimat Siebenbürgen eingekleidet.

Edith Rothbächer sitzt am Arbeitstisch und bestickt eine Schürze. Einige Stunden wird sie noch mit Nadel und Faden zugange sein. Dann ist das gute Stück fertig, so wie die ganze Festtagstracht aus Großscheuern, einem Dorf in der Hermannstädter Gegend. Bis zu einem Monat kann es dauern, bis die Waldkraiburgerin, die in wenigen Tagen ihren 80. Geburtstag feiert, eine Puppe komplett eingekleidet hat. Manchmal geht die Arbeit bis in den frühen Morgen, erzählt sie. "Die Stunden fliegen."

Erst seit Mitte der 90er-Jahre geht Edith Rothbächer, die Freunde "Ditha" nennen, ihrer aufwendigen Leidenschaft nach. Nach dem Tod ihres Mannes war das ihre Form der Trauerarbeit. "Wie Münchhausen habe ich mich damals am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen." Die intensive Beschäftigung mit den Trachten ihrer Heimat hat ihr geholfen.

Bald wird die Puppe, die eine Tracht aus Großreuschen, einem Dorf in der Hermannstädter Gegend, trägt, fertig angekleide sein.

Die große Vielfalt der siebenbürgisch-sächsischen Festtags- und Sonntagstrachten spiegelt sich mittlerweile auf beeindruckende Weise in ihrer Arbeit wider. Historische Gewänder, die zum Teil bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgehen, hat sie im Puppenformat kopiert, Trachten für Frauen und Männer, für alle Altersstufen, bunte ländlich-bäuerliche Trachten und kostbare Patrizier- und Bürgertrachten aus den Städten und Märkten. Beispiele aus allen sieben Trachtenlandschaften sind darunter, die sich in dieser traditionsreichen Kulturregion herausgebildet haben: Hermannstädter Gegend, Unterwald, Repser Gegend, Kokelgebiet, Burzenland, Harbachtal, Nösnerland und Regener Ländchen.

Manchmal orientiert sich die Trachtenschneiderin an alten Originaltrachten, die Sachsen bei der Aussiedlung aus Rumänien mitgebracht haben, oft liegen ihrer Arbeit Fotos zugrunde, die sie selbst beim Oktoberfest-Trachtenzug und anderen Umzügen oder bei Heimattreffen und dergleichen geschossen hat. Auch Handbücher wie das Standardwerk "Die Festtracht der Siebenbürger Sachsen" sind wichtige Grundlage ihrer Arbeit, bei der sie auf das Fachwissen der befreundeten Trachtenkundlerin Dr. Gerda Bretz-Schwarzenbacher baut. "Sie hat mir auf die Finger geklopft, wenn ich etwas falsch gemacht hätte", lacht Edith Rothbächer.

Was sie selbst sticken und nähen kann, macht die 79-Jährige noch immer selbst. Anderes kauft sie zu, spezielle Stickereien zum Beispiel, die niemand mehr beherrscht, oft auch alte Trachtenstücke, die sie dann verkleinert, zuschneidet und maßstabsgerecht gestaltet. Manche Details erwirbt sie, um sie nachzubilden, Schmucknadeln etwa. Manchmal, bei den Stiefeln zum Beispiel, muss sie improvisieren. Die macht sie selbst aus Leder zurecht.

Ob Sticken oder Nähen, das meiste macht die Waldkraiburgerin, die bald ihren 80. Geburtstag feiert, noch immer selbst.

Die Puppen, die im übrigen nicht aus Kunststoff, sondern aus Porzellan sind, manche davon sogar von einer Puppenkünstlerin aus Mühldorf gefertigt, stattet die Trachtenschneiderin bis ins Detail so nah wie nur möglich am Original aus. Wie gut ihr das gelingt, beweist das Echo, dass sie auf ihre lebensechten, zwischen 40 und 70 Zentimeter großen Kreationen bekommt. Nicht nur in Waldkraiburg hat sie ihre Puppen wiederholt bei Veranstaltungen ausgestellt, auch in vielen anderen Städten in Bayern und Österreich wurden sie bereits präsentiert. Und fast 50 ihrer Puppen befinden sich im Friedrich-Teutsch-Haus, dem Museum der evangelischen Kirche in Hermannstadt (Sibiu).

Wie ein kleines Museum wirkt auch das Zimmer ihrer Wohnung, in dem sie über 40 Puppen in Vitrinen aufbewahrt. In den Regalen stehen dort zahlreiche Fotoalben und Fachbücher, Bände über die schönsten deutschen Trachten sind auch darunter. Ein Puppenpaar hat Edith Rothbächer - ausnahmsweise - mit einer Böhmerwaldtracht ausgestattet. Es steht im Böhmerwaldhaus in Lackenhäuser. Darüberhinaus kann sie - vorerst - aber keine anderen Trachten machen. "Ich bin ja mit den Sächsischen noch nicht fertig."

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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