Das erste Grab und seine Geschichte

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Das erste Grab im Waldfriedhof: Agnes Scharbert, die auf ihrem Weg von der russischen Zone zu ihren Verwandten im Werk Kraiburg in einem Zugabteil verstorben war, wurde hier beerdigt.

Waldkraiburg - An Allerheiligen werden auch in Waldkraiburg wieder viele Menschen am ersten Grab des Waldfriedhofes vorbeikommen.

Wenn am morgigen Allerheiligentag die Menschen auf dem Waldkraiburger Waldfriedhof ihrer Toten gedenken, dann werden viele von ihnen, nicht weit von der Gedenkmauer für die Kriegstoten, an einem unscheinbaren Grab vorbeikommen. Hier wurde am 27. Juli 1949 die erste Verstorbene auf dem Waldfriedhof beerdigt.

Mit dem Grab, in dem Agnes Scharbert ihre letzte Ruhestätte fand, begann die Geschichte des Waldfriedhofs, der sich in über 60 Jahren zu einer herrlichen Parklandschaft entwickelt hat und zu den größten und schönsten Friedhöfen Oberbayerns zählt.

Um eine würdige Bestattung kümmerte sich Hans Reisegast senior (unten), der wenige Wochen später das gleichnamige Beerdigungsinstitut gründete und als Gemeinderat das Ehrenamt des Friedhofsverwalters übernahm.

Über die erste Verstorbene, die hier bestattet wurde, ist wenig bekannt. Agnes Scharbert wurde im Januar 1890 in Königshütte in Oberschlesien geboren. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit kam sie in die russische Besatzungszone (die spätere DDR). Von dort machte sie sich im Juli auf den Weg zu Familienangehörigen ins Werk Kraiburg, eine Gemeinde Waldkraiburg gab es damals ja noch nicht. Das Werk hat die 59-Jährige nicht erreicht. Sie starb bei ihrem Umzug im Reiseabteil eines Zuges. Die Beerdigung fand am Mittwoch, 27. Juli 1949, um 18 Uhr statt. So steht es im Aushang zur Beerdigung, mit dem der Flüchtlingsobmann der Industriesiedlung, Erich Schuster, die Bewohner des Werkes und des Lagers bat, an der ersten Beerdigungsfeier auf dem neuen Friedhof teilzunehmen.

Das Dokument hat das Bestattungsunternehmen Reisegast bis heute aufbewahrt. Wie Inhaber Michael Reisegast berichtet, war es sein Großvater Hans Reisegast senior (1902 bis 1962), der unter Kiefern, Tannen und Fichten am Tag vor der ersten Beerdigung das Grab aushob und für eine würdige Bestattung sorgte. "Man hat jemanden gesucht, der sich darum kümmert." Wie ausgerechnet der ehemalige Beamte, der aus dem nordböhmischen Reichenberg stammte, dazu kam, ist nicht überliefert. Hans Reisegast senior hatte sich im Lager Pürten besonders im Hinblick auf das kulturelle Leben hervor getan, wie Stadtarchivar Konrad Kern erzählt. Reisegast machte Theater, gestaltete bunte Abende, schrieb Gedichte. Seit 1948 (bis 1962) gab er die "Werkspost", das erste selbstständige Medium im späteren Waldkraiburg, heraus.

Am 18. August 1949 gründete er das Beerdigungsinstitut. Die Gewerbeanmeldung fiel auf den Tag genau auf das zweite Begräbnis im Waldfriedhof. Im ersten Jahr des Unternehmens wurden zehn Verstorbene zur letzten Ruhe geleitet, fünf Jahre später waren es schon 37, wie aus einer Rede hervorgeht, die Hans Reisegast junior zum 25-jährigen Jubiläum des Instituts hielt. "Mit einem Elektrokarren, der mit einem schwarzen Tuch verkleidet wurde, fuhr das Speditionsunternehmen Schulze und Hilber im Auftrag unserer Firma zu den Trauerhäusern und brachte die Verstorbenen in schlichten Kiefern-särgen, die von den Schreinern der Umgebung zusammengezimmert worden waren, zum Waldfriedhof", erinnert sich Reisegast junior damals an die Anfangsjahre. Als Aufbahrungsraum diente über viele Jahre hinaus ein Reihenbunker nahe des Waldfriedhofs.

Im Archiv des Unternehmens existieren mehrere Fotos, die vermutlich den ersten Leichenzug am 27. Juli 1949 zeigen.

Bei der ersten Beerdigung stand noch nicht einmal dieser Bunker zur Aufbahrung zur Verfügung. Die Umstände der Bestattung lassen sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Im Aushang des Flüchtlingsobmanns ist von einer Aufbahrungshalle beim Feuerwehrturm in der Nähe der Werkskantine Wastlhuber die Rede. Der "Feuerwehrturm" ist der heutige Suckfüllturm über der Hypo-Vereinsbank im Stadtzentrum, aus der "Werkskantine" wurde das Gasthaus Umann, heute Toerring-Hof in der Berliner Straße, wie der Stadtarchivar erläutert. Allerdings gibt es im Archiv des Bestattungsunternehmens Fotos, die mit großer Wahrscheinlichkeit diese erste Beerdigung dokumentieren und im Hintergrund des Leichenzugs das Lager Pürten zeigen.

Angesichts der Tatsache, dass die Verstorbene nie im Lager lebte, mag der Betrachter über den ungewöhnlich langen Leichenzug überrascht sein. Doch mit ihrer Teilnahme bringen die Menschen vielleicht auch zum Ausdruck, wie wichtig ihnen der eigene Friedhof war. Sie hatten lange genug darauf gewartet.

Bereits 1947 war eine Kommission eingerichtet worden, die auf die Errichtung eines Friedhofs auf dem Werksgelände drängte. Bis dahin waren die Toten auf den umliegenden Pfarrfriedhofen Aschau, Pürten und St. Erasmus bestattet worden. Doch die Ortspfarrer machten bald darauf aufmerksam, dass für weitere Gräber kein Platz mehr auf diesen Friedhöfen war. Dennoch scheiterte das Vorhaben zunächst aus verwaltungstechnischen Gründen. Die Grundbesitzverhältnisse auf dem Werksgelände waren ungeklärt. Die Werksverwaltung wurde sich nicht schlüssig darüber, wo ein Friedhof ausgewiesen werden könne und dürfe. Schließlich war zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht klar, ob es mit dem Werksgelände überhaupt weitergehen würde.

Den Ausschlag für die Friedhofsgründung gab dann ein Vorfall in Aschau. Dort wurde ein Mann, der tödlich verunglückt war, außerhalb der Umfassungsmauer des Friedhofes beerdigt. Zwar war dieser Bereich für eine mögliche Friedhofserweiterung vorgesehen, wie Stadtarchivar Kern sagt. Für die Menschen im Werksgelände war es dennoch ein sichtbares Zeichen ihrer Ausgrenzung, "das große Emotionen hervorgerufen hat". Denn nur Selbstmördern und Ungetauften wurde zu jener Zeit die Bestattung in geweihter Friedhofserde verweigert.

Diese Erfahrung war die Initialzündung für den eigenen Friedhof im Werksgelände, der mitten im Hochwald angelegt wurde. Um Platz für Gräber zu schaffen, wurden in freiwilliger Arbeitsleistung Bäume gefällt. Anfang der 50er-Jahre war ein erstes Grabfeld mit 180 Einzel- und 60 Familiengräbern vorbereitet. Hans Reisegast senior, der 1950 in den ersten Gemeinderat der jungen Gemeinde Waldkraiburg einzog, wurde zwei Jahre später auch zum ehrenamtlichen Friedhofsreferenten, beziehungsweise -verwalter berufen.

Seitdem haben über 12000 Tote hier ihre letzte Ruhe gefunden. Der Friedhof ist auf eine Fläche von 100000 Quadratmetern angewachsen, wie Norbert Meindl berichtet. Auch er ist ein Enkel von Hans Reisegast und leitet heute das Ordnungsamt im Rathaus, in dessen Zuständigkeit der Friedhof fällt. Fast 3200 Grabstätten und über 2600 Urnenbeisetzungsstätten befinden sich heute auf dem Friedhof - unter ihnen das erste Grab vom Juli 1949.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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