Leiterin Bianca Mertin über politisch korrekte Kinderbücher, Lesepaten und Marketing

Bald E-Reader im Haus des Buches

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Ist schon seit 1992 für die Stadtbücherei tätig: Bianca Mertin, Leiterin im Haus des Buches. 

Waldkraiburg - Vor 60 Jahren begann in Waldkraiburg das Bibliothekswesen. Bianca Mertin, die Leiterin der Stadtbücherei, über politisch korrekte Kinderbücher, Lesepaten und Marketing:

Mit 23 Lesern und einer überschaubaren Büchersammlung von 291 Exemplaren begann am 7. Februar 1953 das Bibliothekswesen in Waldkraiburg. Zu Anfang war die Bücherei im Verwaltungsgebäude des ehemaligen Pulverwerks (heute Polizei) untergebracht, ab 1967 wurden Klassenzimmer zur Unterbringung genutzt und 1977 wurde das Haus des Buches eröffnet. Zum 60-jährigen Jubiläum spricht Bianca Mertin, Leiterin der Stadtbücherei, über Lesepaten, E-Reader und "politisch korrekte Kinderbücher".

Lesen Kinder heutzutage weniger?

Ich denke schon. Heute, glaube ich, gibt es mehr Kinder, die nicht bewusst ans Lesen herangeführt werden. Die Phase zwischen erstem Lebensjahr und Schuleintritt ist dafür sehr wichtig. Das wird häufig übersehen.

Woran liegt das?

Vermutlich liegt es daran, dass sich die Gesellschaft gewandelt hat. Mütter und Väter sind beruflich sehr beansprucht. Die Zeit, die Eltern intensiv mit ihren Kindern verbringen können, wird knapper. Sie sollen sich zusätzlich noch darum kümmern, dass ihre Kinder Sport treiben oder ein Musikinstrument lernen. Das Fernsehen oder die Playstation schlucken auch noch Zeit. Für das Lesen bleibt dann womöglich nur eine kurze Spanne beim Abendritual. Da können zwanzig Minuten aber sehr intensiv gestaltet werden. Viele Eltern wissen das und nutzen diese Zeit. Ich möchte jetzt aber an die Familien herankommen, die uns und unsere Kinderbücherwelt nicht kennen. Wir versuchen, die Kinder über die Zusammenarbeit mit den Kindergärten zu erreichen. Je eher man anfängt, desto besser.

Dann finden Sie das Lesepaten-Projekt des Seniorenbeirates gut?

Für mich ist das eines der besten Leseförderungsprojekte überhaupt. Es ist unwahrscheinlich wichtig, dass sich eine vertraute Person eingehend mit einem Kind befasst, das noch dabei ist, die Freude am Lesen zu entdecken. Da brauchen die Kinder immer wieder neue Motivation. Es gab schon ein paar Treffen und Schulungen mit den Paten bei uns. Das Projekt kann ich nur unterstützen. In Zukunft möchten wir die Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendeinrichtungen ausbauen.

Wie hat sich das Lese- und Ausleihverhalten allgemein in Waldkraiburg verändert?

Punktuelle Informationen, wie etwa Hotelführer, werden nicht mehr bei uns geholt, sondern im Netz gesucht. Ähnlich wird es bald mit Kartenmaterial sein. Heute suchen sich die Menschen erste Informationen im Internet, die ergänzenden Antworten recherchieren sie dann in der Bibliothek. Außerdem lassen sich unsere Besucher heute mehr von der äußeren Aufmachung der Bücher verführen.

Also spielt das Marketing rundherum eine immer größere Rolle?

Ja. Auch deshalb sind unsere Regale heute nicht mehr so voll wie früher. Wir präsentieren die Medien ansprechender, stellen sie in Frontansicht hin - um die Leute zum Lesen zu verführen. Dass das Drumherum immer wichtiger wird, ist eine allgemeine Entwicklung. Wir beziehen das in unsere Gestaltungsüberlegungen mit ein.

Wie stellt sich die Stadtbücherei für die Zukunft auf, etwa im Hinblick auf die neuen E-Reader wie Kindle und Co?

Wir beschäftigen uns mit den verschiedenen Strömungen natürlich genau. Als städtische Bibliothek müssen wir abwägen, welche neuen Techniken auch nachhaltig für einen großen Teil unserer Besucher nützlich sind. Die Entwicklung musste bei den elektronischen Medien - vor allem in Bezug auf die Urheberrechtslage - erst beobachtet werden. Die Planung, in die digitale Medienausleihe einzusteigen, läuft aber jetzt bei uns auf Hochtouren.

Was wird das kosten?

Im ersten Jahr rund 10.000 Euro. Wir erwarten aber Fördergelder von der Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen in Bayern, die bei uns schon viele Maßnahmen gefördert hat. Wir werden dann ein paar E-Reader da haben. Man geht aber davon aus, dass die Nutzer selber einen zuhause haben - wie bei den CD-Playern - und sich auf unserer Website die "Bücher" auf ihren PC und dann auf ihren Reader laden. Kindle arbeitet übrigens nicht mit Bibliotheken zusammen.

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion über politische Korrektheit in Kinderbüchern, etwa das Wort "Negerkönig" aus "Pipi Langstrumpf" zu verbannen?

Sprache wandelt sich, und deshalb finde ich die Diskussion darüber, ob die Texte geändert werden dürfen, übertrieben. Im Grunde geht es darum, dass die Kinder mit den Begriffen "Neger" oder "Mohr" heute nichts mehr anfangen können - unabhängig von der diesem Wort zugesprochenen Bedeutung. Viele Kinder können heutzutage ja auch mit dem Wort "Grips" nichts mehr anfangen. Deshalb haben Autor und Verlag jedes Recht, Texte für Neuausgaben abzuändern. Für ein Kind, das doch die ursprüngliche Version liest, ist es dann wichtig, dass jemand da ist, der den Begriff erklärt - und vielleicht auch Einblick in die Zeit geben kann, in der das Buch entstanden ist und in der der Ausdruck "Neger" nicht als schlimm empfunden wurde.

Welche Bücher sind die "Ausleihhits" im Haus des Buches?

Das sind nicht unbedingt die aus den Bestsellerlisten, sondern häufig regional bedeutende Titel. "Waldkraiburg schaut zurück" war ein Renner, genauso wie "Bruder, was hast du getan?" und der Oberbayernkrimi "Tod in Garmisch". Bei den Kindern ist "Greg's Tagebuch" sehr beliebt. "Harry Potter" ist vorbei.

Kommen auch Leser zu Ihnen, die weiterführende Literatur suchen?

Schüler nutzen unseren Bestand für Referate, Oberstufenschüler machen Fernleihe in ganz Bayern - ebenso die Menschen, die sich beruflich weiterbilden. Wer etwa tiefere Einblicke in Buchführung oder Unternehmensgründung braucht, stöbert in den Regalen.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

Zurück zur Übersicht: Region Waldkraiburg

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser