Die virtuelle Nabelschau

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Machen eigene Erfahrungen mit dem Medium Internet: (von links) Patrick, Jasmin und Armin. "Social Networks" nutzen sie, um mit Freunden in Kontakt zu sein und weil sie billiger sind, als SMS.

Waldkraiburg/Aschau - In ist, wer drin ist in den Internet-Communities. Die Mitglieder suchen Freundschaft, Liebe, Jobs oder auch Seitensprünge. Um gut anzukommen, muss man aber viel von sich preisgeben - und die ganze Welt liest mit.

Jasmin, Patrick und Armin glauben, das richtige Maß und einen cleveren Umgang mit der virtuellen Nabelschau gefunden zu haben.

"Heute kein Bock auf Arbeit" - eine oft geschriebene Statusmeldung in den zahlreichen Internetcommunities wie Facebook, SchülerVZ, Lokalisten oder etwa ED-Netz. "Man schreibt, was man gerade denkt und fühlt", erklärt "Vergil 90" alias Armin K. Der 20-jährige ist in der Ausbildung zum Großhandelskaufmann und nennt pragmatische Gründe für seine Mitgliedschaft bei "ED-Netz": Kontakt zu anderen Leuten, vor allem zu Freunden und die Communities seien gratis, im Gegensatz zu SMS schreiben oder Telefonieren.

Für schüchterne Menschen, sei das der ideale Weg, Kontakte zu knüpfen, weil es leichter sei, jemanden anzuschreiben, als ihn anzusprechen. "Mädels aufreißen" hab er noch nie probiert.

"*jAssI" ist 15 und bei ICQ, ED-Netz, Facebook, My Party-Web und Skype vertreten. In der Realität heißt sie Jasmin J. Die junge Aschauerin berichtet von einer Freundin, die auch schon mal ein unangenehmes Chat-Erlebnis hatte. "Der Typ wurde richtig pervers. Er war angeblich 19 und sprach dauernd von seinem Penis. Der wollte sie sogar besuchen", erzählt die Schülerin. Die Freundin habe den Kerl einfach ignoriert und aus der Freundesliste gelöscht.

Dass die virtuelle Welt gefährlich sein kann, darüber hat ihre Mutter schon mit ihr gesprochen. Trotzdem wagte sie es, sich zusammen mit einer Freundin, auf ein "Blind Date" einzulassen; die Mädels trafen sich mit einem Jungen, den sie aus dem Netz kannten. Es sei dann aber harmlos gewesen. Abgehakt!

Ihr Freund Patrick Q. - bei "ED-Netz" tritt er als "SIMSONPATI" auf - spricht die Gefahren an. "Manche Teenies, die noch ganz jung sind, geben sich als 18 aus. Das ist ganz schön gefährlich, wenn die an den Falschen geraten", so der junge Landschaftsgärtner aus Waldkraiburg. "Peinlich" findet er eine 16-Jährige, die er kennt, die "halbe Nacktfotos in eindeutigen Posen" ins Netz stellt.

Das ist den drei Freunden "zu krass"; sie geben nur "normale Infos" von sich preis, keine sexuellen Vorlieben oder gar "Sauffotos mit Gesichtsentgleisungen". Die Problematik in den Communities sei auch - da sind sie sich einig - dass viel geflunkert wird, "viel Verarsche" sei dabei, so Armin. Angst, ein "gläserner Mensch" zu sein, habe er nicht. Man könne bei der Erstellung eines Profils einstellen, wer was sehen dürfe, man gebe auch keine genaue Adresse an. So könne man auf Diskretion achten und auch seine Privatsphäre wahren.

Jasmin weiß mittlerweile, dass es keinen Sinn macht, etwa seinem Frust auf Lehrer in den Internet-Communities Luft zu machen, da auch Lehrkräfte zum Teil dort vertreten seien, etwa auf "Facebook". Und nicht nur Lehrer. Möglicherweise auch zukünftige Chefs, Personalleiter der Firmen, bei denen man sich um eine Lehrstelle bewirbt. Eine Studie des Dimap-Instituts, die vom Bundesverbraucherministerium angeregt wurde, beweist: Viele Firmen recherchieren systematisch online, bevor sie Bewerber einladen. Da können ein zu gewagtes Foto oder eine sehr provokante Äußerung im Internet für deutsche Jobsucher zum Karrierehindernis werden.

"In München wird teilweise bei den Einstellungen gar nicht mehr anders gearbeitet", weiß Albert Tauschhuber, Vorstand Technik und Personal bei der EMG Casting AG in Waldkraiburg.

Er selbst schaue nach eigenen Angaben aber nicht im Internet nach, wenn eine Bewerbungsmappe auf seinem Tisch liegt, egal für welche Position. Er halte sehr viel von der handschriftlichen Bewerbung, da könne man viel mehr rauslesen.

Er prüfe auch nicht nach, was seine Lehrlinge im Netz so treiben. "Die Jüngeren überlegen manchmal nicht, was sie da reinstellen. Aber über einen 45-jährigen Bewerber würde man wohl ohnehin nichts finden", glaubt Tauschhuber.

Angelika Gründl, Ausbildungsleiterin bei Netzsch, halte auch nichts von einer Überprüfung des virtuellen Fingerabdruckes. "Das sind nur Momentaufnahmen, was will man da schon rauslesen?", fragt sie.

Ein Glück, für Bewerber in Waldkraiburg für so viel Vorschussvertrauen. Denn die Dimap-Studie besagt, dass 28 Prozent der befragten Firmen gezielt die Social Networks durchforsten. Wenn dann die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausbleibt, ahnen viele nicht, dass es an im Netz verfügbaren Angaben liegen könnte.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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