Verwirrspiel um Schlägereien

Waldkraiburg - Eine Schlägerei am Sartrouvilleplatz und eine in einer Wohnung in der Daimlerstraße: An beiden waren vier Waldkraiburger beteiligt, die sich vor Gericht verantworten mussten.

Es war keine einfache Aufgabe für Jugendrichter Heinrich Ott. Im vergangenen Jahr war es am 22. September gegen 21.40 Uhr zu einer Schlägerei am Sartrouvilleplatz gekommen. Kurze Zeit später gab es eine Auseinandersetzung in einer Wohnung in der Daimlerstraße, an der ebenfalls einige Schläger vom Sartrouvilleplatz beteiligt waren.

Ott hatte im Amtsgericht Mühldorf die genauen Umstände der beiden Schlägereien zu klären. Keine leichte Aufgabe, denn auf der Anklagebank saßen vier Beteiligte, acht Zeugen waren geladen. Und die Erinnerungen an den Tathergang stimmten zum einen nicht immer überein, zum anderen unterscheiden sie sich auch noch deutlich von dem, was bei der Polizei zu Protokoll gegeben wurde.

Klar war, dass die Angeklagten Stefan A. (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) sowie die drei Geschwister Carola, Peter und Sebastian G. gegen 21.40 Uhr auf einer Bank am Sartrouvilleplatz saßen und ziemlich alkoholisiert waren.

Als eine Gruppe Jugendlicher vorbeiging - die Aussagen schwankten zwischen fünf und zehn Personen - sollen sie von den Angeklagten gefragt worden sein, ob "sie Gras haben". Nach einem kurzen Wortgeplänkel trennten sich beide Gruppen friedlich, blieben aber in Sichtweite am Sartrouvilleplatz.

Kurze Zeit später kam es zu einem Streit unter den Angeklagten, wobei nicht klar war, ob sich Stefan A. und seine Freundin Carola G. oder Stefan A. und Peter G. in die Haare bekamen. Der Ältere der beiden Brüder hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Sartrouvilleplatz verlassen.

Streitschlichter wurde verprügelt

Der Streit wurde so heftig, dass sich Wolfgang N. genötigt sah, zu den Angeklagten hinüber zu gehen, um die Streithähne zu trennen. Dabei schubste er Stefan A. zur Seite, was Carola G. nötigte, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen und Wolfgang N. eine Ohrfeige oder einen Faustschlag zu verpassen.

Dieser sagte vor Gericht aus, dass er reflexartig zurückgeschlagen habe. Ebenfalls nicht zu klären war, ob Carola G. daraufhin zu Boden ging. Ihr Freund aber ging anschließend auf Streitschlichter Wolfgang N. los, schlug ihn zu Boden und beide prügelten am Boden liegend aufeinander ein.

Die Fortsetzung der Prügelei ist dann wieder unklar: So konnte Jugendrichter Ott nicht zweifelsfrei herausfinden, ob Carola G. und ihr Bruder Peter G. ebenfalls auf Wolfgang N. eingeschlagen oder ihn sogar getreten haben; ob sie eventuell Stefan A. vor weiteren Schlägen abhalten wollten oder sogar auf ihn eingeschlagen hatten.

Allerdings rief die Prügelszene Wolfgang N.s Freunde auf den Plan, die ihm zu Hilfe eilten und nach eigenen Aussagen wegzogen und auf eine Bank legten, da er bewusstlos gewesen sein soll. Dort soll Stefan A. noch einmal auf Wolfgang N. losgegangen sein.

Schließlich hätten sich auch Passanten eingemischt und die Streithähne getrennt. Unter ihnen war Annette V., die in einem Straßencafé das Handgemenge beobachtet hatte und den Vorgang, soweit sie es sehen konnte, bestätigte.

Wolfgang N. trug nach eigenen Aussagen eine Platzwunde am Kopf, Verletzungen an Fußgelenk, an der Nase sowie blaue Flecken, einen zerkratzten Rücken und ein zerrissenes T-Shirt ein. Keine der Verletzungen wurde allerdings ärztlich versorgt. Ob er tatsächlich in den Kopf gebissen wurde, konnte nicht mehr geklärt werden. Stefan A. hatte eine Platzwunde am Kinn und vier lockere Zähne. Das erfuhr das Gericht von dem Angeklagten, da auch er eine ärztliche Versorgung verweigerte.

Auseinandersetzung geht zu Hause weiter

Während dieser Schlägerei am Sartrouvilleplatz war Sebastian G. in der Stadt unterwegs und lernte an der Post drei Jugendliche kennen. Nach einem kurzen Gespräch lud er Alfred H., Günther D. und Horst K. in seine Wohnung in der Daimlerstraße ein, wo er zusammen mit seiner Schwester Carola G. und deren Freund Stefan A. wohnte. Da er aber den Schlüssel für die Wohnung vergessen hatte, rief er Stefan A. per Handy an, der kurz darauf kam und die Wohnung aufsperrte.

Danach gehen die Schilderungen wieder auseinander. Nach eigenen Aussagen erfuhr Sebastian G. dort von Stefan A. von der Schlägerei am Sartrouvilleplatz. Auch die neuen Bekannten bekamen die Erzählung von Stefan A. mit und da sie den verprügelten Wolfgang N. und dessen Freunde kannten, riefen sie diesen an und forderten ihn auf, in die Wohnung zu kommen, "um den Sachverhalt zu klären", wie Alfred H. schilderte. Nach Aussagen von Stefan A. und Sebastian G. sei die Stimmung danach deutlich aggressiver geworden.

Da sie keine weitere Konfrontation mit der Gruppe vom Sartrouvilleplatz wollten, forderten sie die neuen Bekannten zum Gehen auf und halfen mit sanftem Nachdruck nach. Dabei sei dann einer über den Balkon geflüchtet, einer über das Treppenhaus. Danach kam Sebastian G.s jüngerer Bruder Peter in aggressiver Stimmung und wollte wissen, wer seine Schwester geschlagen habe. Daraufhin hätten sich alle drei auf den einzig verbliebenen neuen Bekannten gestürzt und hätten auf ihn eingeschlagen, bis dieser ebenfalls flüchten konnte.

Erst als alles vorbei war, sei auch die Schwester Carola G. in der Wohnung aufgetaucht.

Viel Aggression und Alkohol

Alfred H., der als Zeuge auftrat, schilderte den Vorgang ganz anders. So sei die Aggression von den Angeklagten ausgegangen, Stefan A. habe sie zudem mit einem Küchenmesser bedroht und auch die Schwester sei mit in der Wohnung gewesen.

Hier sorgte die Nachbarin Doris M. für zusätzliche Verwirrung, als sie behauptete, Carola G. wäre bei ihr in der Wohnung gewesen und hätte auf ihren kleinen Sohn aufgepasst. Obwohl Richter Ott sie eindringlich darauf hinwies, dass sie sich durch eine Falschaussage, um ihre Nachbarin zu schützen, selbst strafbar machen würde, blieb sie bei ihrer Aussage. Dabei hatte Carola G. vorher behauptet, dass sie nach der Schlägerei auf dem Sartrouvilleplatz zur Wohnung ihrer Mutter gelaufen zu sein.

Da einer der drei Betroffenen, Günther D., einfach gar nicht erschien und bei Horst K. bereits klar war, dass er bis Anfang September im Urlaub ist, konnte die Beweisaufnahme auch nicht abgeschlossen werden.

Aufgrund der Auflistung der vier Angeklagten, was sie an diesem Tag getrunken hatten, rechnete der rechtsmedizinische Gutachter Dr. Fritz Priemer vor, dass die Angeklagten zum Zeitpunkt der Schlägereien zwischen 1,4 und 2,5 Promille hatten. Dennoch schloss er "eine erhebliche Minderung der Steuerungsfähigkeit" aus, was zu einer Minderung des Strafmaßes hätte führen können.

Fakt ist, dass alle vier Angeklagten einigermaßen alkoholisiert waren, dass sowohl Stefan A. als auch Carola und Sebastian G. bereits einschlägige Erfahrungen mit Entzug haben. Auch wenn sie seit dieser Zeit keinen Tropfen mehr getrunken haben wollen, waren sie am 22. September wegen des Alkohols wohl ziemlich enthemmt.

Der Prozess wird fortgesetzt

Wie sie zu Beginn des Prozesses angaben, hat Stefan A. gerade eine Ausbildung als Bodenleger begonnen, Carola G. macht seit Juni eine sechsmonatige Hauswirtschaftsausbildung beim BFZ Peters und Sebastian G. hat die Möglichkeit, bei seinem Vater, mit dem er erst seit einigen Monaten wieder in Kontakt ist, als Helfer in dessen Betrieb anzufangen.

Peter G., der zum Zeitpunkt der Schlägerei noch nicht volljährig war, hatte die Hauptschule ohne Abschluss verlassen, ist derzeit als Ein-Euro-Jobber bei JAGUS tätig und hat ab 1. September die Möglichkeit, dort eine Ausbildung als Fachkraft für Möbel- und Umzugsservice" zu beginnen. Alle vier haben Schulden.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag im Amtsgericht Mühldorf fortgesetzt.

hsc/Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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