Vertrauensbildende Verbindungen

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Kulturpreisträgerinnen Hilda Pischel: Mit dieser Auszeichnung würdigt die Stadt neben Archiv- und Museumsarbeit nicht zuletzt auch die Kontakte und Verbindungen, die die beiden Damen in die alte Heimat im Sudetenland aufgebaut und gepflegt haben.

Waldkraiburg - Es gibt vieles, was Erika Rahnsch und Hilda Pischel verbindet: der Verlust der Heimat, ihr Engagement für die deutsche Kultur, die mit der Vertreibung verloren und vergessen zu gehen drohte, nicht zuletzt die Verbindungen, die sie in die alte Heimat knüpften und pflegen.

Und: Eine Auszeichnung, die sie am 4. Oktober für ihr ehrenamtliches Tun erhalten werden: der Kulturpreis der Stadt Waldkraiburg.

"Ich könnte es mir jeden Tag anschauen." Erika Rahnsch blättert in einem Band mit Bildern aus ihrem Heimatdorf Falkenau-Kittlitz in Nordböhmen. Historische Fotos der Glashütte, alte Landschafts- und Dorfansichten mit Kirche und Schule, Menschen, Verwandte, Freunde, Bekannte, das Umgebinde-Haus, in dem die Waldkraiburgerin geboren wurde und aufwuchs, sind da zu sehen. Immer wieder, wenn die 80-Jährige das Buch aufschlägt, berühren sie die Erinnerungen an die Zeit der Kindheit, an die Heimat. 2000 Einwohner zählte Falkenau-Kittlitz einmal. 16 Gasthäuser gab es, vier Sägen, vier Glashütten, eine Schule mit vielen hundert Kindern, drei Turnvereine und zwei Gesangsvereine. "Da war reges Leben." Vergangenheit. Heute zählt Kytlice kaum 400 Einwohner und so vieles, was in diesem Buch zu sehen ist, war einmal. Was verloren ging mit der Vertreibung, welch großen ökonomischen und kulturellen Bruch sie darstellt, das enthüllen die alten Bilder.

Und dennoch - für Erika Rahnsch ist der Band auch Symbol für Zukunft, für ein gutes Miteinander zwischen den Menschen, Deutschen und Tschechen, denen dieses Dorf damals Heimat war und heute Heimat ist. Der Bildband wurde nicht in der Bundesrepublik gedruckt, er ist auf Tschechisch erschienen, mit finanzieller Unterstützung der dortigen Gemeinde. Und erarbeitet wurde er von jenem Mann, der das Geburtshaus der Waldkraiburgerin erworben und wieder hergerichtet hat: Petr Kubát. Als die Waldkraiburgerin vor vier Jahren von dem neuen Besitzer hörte, nahm sie Kontakt mit ihm auf. "Und jetzt kommt die Geschichte zu mir." Mit diesen Worten wurde sie damals von Petr Kubát begrüßt. Erika Rahnsch weiß es noch wie heute.

© OVBEin reger Austausch begann. Auf Kubáts Einladung durfte sie später in ihrem Geburtshaus übernachten. Und ihr Gastgeber, der sich brennend für die Historie des Hauses interessierte, war mehrfach in Waldkraiburg im Heimatarchiv der Kreise Böhmisch-Leipa, Haida und Dauba. Die 80-Jährige, die unter anderem auch das Glasmuseum mit aufbaute und an der Herausgabe der Waldkraiburger Hefte beteiligt ist, betreut das Archiv im Haus der Kultur seit vielen Jahren. Auch hier holte sich Kubát, so wie im Übrigen auch der ehemalige Bürgermeister von Kytlice, Sedlacek, Informationen und Material, die jetzt zur Herausgabe des Bildbandes führten. Bei einem großen Kirchenfest in Kytlice wurde er vorgestellt. Erika Rahnsch war dabei. "Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden", so der Autor in der Danksagung. Und im Vorwort, das er in ein etwas holpriges Deutsch hat übersetzen lassen, schreibt er von den Menschen, die in seinem heutigen Wohnhaus "auch ein Stück seine Seele hintergelassen" haben.

Erika Rahnsch

"So schön gesagt." Erika Rahnsch bedeutet es viel, dass in diesem Text ausdrücklich auch die Vertreibung angesprochen wird. Und sie berichtet davon, dass sich im Ort mittlerweile Stimmen rühren, zum Gedenken für sechs Falkenau-Kittlitzer ein Kreuz oder eine Tafel zu errichten. Kurz nach dem Krieg, "als reine Anarchie herrschte" (Rahnsch), waren sie von auswärtigen Tschechen erschossen worden. Auch andere Familien, die später in Waldkraiburg ansässig wurden, kommen in dem Buch vor, das in einer Auflage von tausend Stück erschien. Der Waldkraiburger Harri Zahn, der ein Buch über die Geschichte des Glasdorfes schrieb, hat wie Rahnsch Geschichten und Fotos dazu beigetragen. Viele vertriebene Waldkraiburgerinnen und Waldkraiburger suchten, vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Kontakte in die alte Heimat, knüpften Verbindungen, pflegten und pflegen sie. Und nicht zuletzt unterstützt so mancher auch Projekte wie die Restaurierung von Kirchen oder das Herrichten von Friedhöfen finanziell.

"Mich hat es direkt hingezogen", erzählt Hilda Pischel. Damals Anfang der 90er-Jahre war sie unter den ersten, die aus dem Westen nach Groß-Stiebnitz (heute: Zdobnice) im Adlergebirge fuhren. Die meisten Bewohner dieses "rein deutsch besiedelten Ortes" kamen nach der Vertreibung in die DDR und konnten das Dorf auch zur kommunistischen Zeit schon besuchen. 1992 schloss sich Hilda Pischel den Stiebnitzern aus Thüringen an, die seit der Wende jedes Jahr für zehn Tage in die alte Heimat fahren. Noch bis vor kurzem war sie immer dabei. "Ein paar Wochenendhäuser", sehr viel mehr ist nicht geblieben. Pischels Elternhaus steht nicht mehr. "Das Adlergebirge, das wir in unserer Stube im Haus der Kultur aufgebaut haben, das gibt es nicht mehr", sagt sie. 1989 übernahm Hilda Pischel die von ihrem verstorbenen Mann Fritz gegründete Adlergebirgsstube. Sie ist das zentrale Museum der Heimatgruppe, dessen Exponate zum überwiegenden Teil aus Originalen bestehen. Zugleich betreut Pischel das Heimatarchiv der Adlergebirgler und wurde und wird bei diesen Aufgaben tatkräftig von ihrer Schwiegertochter Elisabeth unterstützt.

Der ehemalige Bürgermeister Tribitofski aus Zdobnice war schon zweimal in Waldkraiburg. "Er interessiert sich für alles, was wir über Stiebnitz haben." Tribitofski habe viel für einen guten Kontakt mit den ehemaligen Stiebnitzern getan und stehe ihnen sehr wohlwollend gegenüber. So gut das Verhältnis auch ist, das Thema Vertreibung blieb ein Tabu. "Darüber spricht man nicht", sagt die Waldkraiburgerin. Ein Fragebogen macht ihr Hoffnung. Der Brief kam aus Tschechien , von einer Oberstufenschülerin am Gymnasium Wildenschwerdt (Usti nad Orlici) in Ostböhmen. Sie ist die Enkelin eines ehemaligen Stiebnitzers, der heute in Žamperk (Senftenberg) lebt. Für eine Arbeit an ihrer Schule erkundigt sich die Schülerin ausführlich nach Hilda Pischels Erlebnissen und Erfahrungen, will wissen, wie die Vertreibung in ihrem Dorf verlief, ob es wilde Vertreibungen im Adlergebirge gab, wie sie die ersten Monate in Deutschland überlebte ("Es war gewiss schwer, mit "Nichts" anzufangen.") oder wie es ihr beim ersten Besuch in der alten Heimat ging.

Dass das Thema Vertreibung auf diese Weise an tschechischen Schulen behandelt wird, das ist neu für Hilda Pischel. Umso mehr freut sie sich darüber. Bei allen Vorbehalten, bei allen Differenzen auf politischen Ebenen, gibt es offensichtlich auch eine wachsende Bereitschaft gerade bei jungen Tschechen, die Geschichte der Vertreibung zu erinnern, Partner, an die mitknüpfen an neuen Verbindungen. Hilda Pischel und Erika Rahnsch haben dazu beigetragen. Auch diesen "wichtigen Beitrag zur Friedensarbeit" würdigt die Stadt mit der Verleihung des Kulturpreises im Rahmen der Kulturtage.

hg/Mühldorfer Anzeiger 

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