Von Teufelszehen und Drudenfüßen

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Führten in die Ausstellung ein: Museumsleiterin Elke Keiper und der Initiator, Volkskundler Dr. Stephan Bachter.

Waldkraiburg - Von interessant bis kurios reicht das Spektrum der Gegenstände, die die Ausstellung "Zaubespruch und Hexenbann" im Haus der Kultur zeigt.

"Man töte eine Schlange, schneide ihr die Lunge heraus und hänge diese an die Krippe in den Stall; dann hat keine Hexe mehr Zutritt und das Vieh gedeiht", so heißt es im "Sechsten und Siebenten Buch Mosis", dem Regelwerk der Hexenbanner nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr über Magie, Volksfrömmigkeit und Aberglaube erfährt man in der Ausstellung "Zauberspruch und Hexenbann" im Haus der Kultur.

Eine tote Fledermaus auf einer Steinplatte befestigt. An die Stalltür genagelt sollte sie Mensch und Tier auf dem Hof vor "Hexen" schützen.

Kulturreferentin Margit Roller eröffnete die volkskundliche Ausstellung im Haus der Kultur mit Ausführungen über das Phänomen und den Kult um die "Schwarze Madonna". Das Ruß brennender Kerzen habe im Laufe der Jahrhunderte die Statuen, wie man sie etwa aus Altötting oder Tschenstochau kennt, in schwarze Jungfrauen verwandelt. Die Statuen seien nicht gereinigt worden, weil Christen im Alten Testament, genauer gesagt im Hohenlied Salomos 1.5, Hinweise sahen, dass es sich in der schwarzen Holzfigur um ein vollkommenes Abbild der wahren Madonna handle. In dem Lied trägt eine Frau ein Liebesgedicht vor und singt "Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems". Christen sahen darin eine Weissagung auf die Jungfrau Maria und so verbreitete sich die Deutung der "schwarzen Madonna". Heidi Aigner umrahmte die Einführung mit ihrer Harfe.

In einem Zwiegespräch führten Museumsleiterin Elke Keiper und Kurator Dr. Stephan Bachter in die Materie ein. Bachter hat die Ausstellung mit Dr. Claudia Preis initiiert. Die Ausstellung der beiden Volkskundler lebe von spannenden Objekten einer Sammlung von Originalgegenständen eines "echten Hexenbanners", der diese Dinge bis in die 1970er Jahre nutzte, so Roller.

Elke Keiper fragte Bachter nach einer schnellen, griffigen Definition von "Aberglaube". Laut Bachter handle es sich um falsch verstandenen Glauben, allerdings verwendeten Volkskundler diesen Begriff nicht gerne. Man umschreibe lieber: Hantieren mit Gegenständen und Sachverhalten, die man nicht richtig verstanden hat.

Die Gegenstände in der Ausstellung dienen zum Teil der pragmatischen Funktion der Wunscherfüllung des Menschen. Wie etwa heutzutage auch noch der Horoskop- und Edelsteinglaube, der sich damit beschäftige, wie man sich die verborgenen Kräfte des Kosmos zu Nutze machen kann, so Keiper.

Die Artefakte stammen zum Teil aus dem ländlichen Bereich. "Die Menschen mussten das Böse von ihrem Hof und den Stallungen fernhalten und bedienten sich der Abwehrmittel", erklärte der Volkskundler. Ein Drudenfuß (Pentagramm) oder tote, mumifizierte Tiere an der Stalltüre genagelt sollten vor Hexen schützen. Die Hexe stehe symbolisch für Unheil und Krankheiten, die über Mensch und Tier kommen können, so Bachter.

Keiper lenkte das Gespräch auf die Volksfrömmigkeit und fragte nach dem Unterschied zwischen Magie und Religion. "In der Magie sagte man: Mein Wille geschehe. Wogegen man sich in der Religion an Gott wendet und sagt: Herr, dein Wille geschehe". In der Praxis im Volksgebrauch verwischen die Grenzen.

Kurios wurde es, als der Volkskundler von der Hexenbanner-Familie Schroth berichtete.

Es ist heute hinlänglich bekannt, dass die Hexenverfolgung ein Phänomen der Neuzeit und nicht des Mittelalters war. Dass aber Hexenbanner, also Männer, die gerufen wurden, um vermeintlich übernatürliche Ursachen für Krankheiten oder Unglück auszumachen, bis in die 1970er-Jahre tätig waren, ist erstaunlich. Auch für Pfarrer Martin Garmaier, den die Neugier in die Ausstellungseröffnung trieb.

Das Hinzuziehen eines Hexenbanners setzt einen intakten Glauben an die Macht von Hexen voraus. Das erfährt man am Schaukasten, der einen Hexenbanner-Koffer zeigt.

Auch das "Sechste und Siebente Buch Mosis" aus dem Jahr 1950 ist zu sehen. Es ist das Regelwerk der Hexenbanner für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Volkskundler und Juristen konnten belegen, dass Anleitungen aus dem Buch wortwörtlich in die Tat umgesetzt wurden.

Stephan Bachter hat Erklärungsansätze für den praktizierten Aberglauben bis in die jüngste Vergangenheit. Er stellt eine Verknüpfung zu den Heimatvertriebenen her. Flüchtlinge, die auf Höfen in Dörfern unterkamen, seien oft beschuldigt worden, etwa an Viehseuchen schuld zu sein. "Dann rief man den Hexenbanner." Im Gesprächskreis am 2. Dezember um 15 Uhr hofft er zu erfahren, ob es in Waldkraiburg ebenfalls Heimatvertriebene gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Damit die Ausstellung nicht zu düster endet, gibt es auch Kleeblätter, Marienkäfer und Hufeisen, schloss Keiper die Einführung.

Denn bei Volksfrömmigkeit und Aberglauben geht es auch um Talismane, Glücksbringer und natürlich auch Devotionalien der Heiligen- und Marienverehrung.

In einer Vitrine liegen mumifizierte Tiere und Versteinerungen. Darunter "Teufelszehen", eine jurazeitliche Austernart. Oder versteinerte Seeigel-Corpi. Auf ihrem Rücken ist ein Stern zu erkennen. "Das Pentagramm geht möglicherweise auf die Seeigel zurück; sie wurden schon in der Steinzeit als Zaubermittel verwendet", erklärte Dr. Stephan Bachter an der Vitrine. Interessiert schaute sich Pfarrer Garmaier die Exponate an und staunte, "was es so alles gegeben hat". Bachters Unterscheidung zwischen Magie und Religion habe ihm gut gefallen, wie er auf Nachfrage erklärt. Er selbst kenne keine extrem abergläubischen Menschen, allerdings welche, die sich Weihwasser zum Kochen und Backen besorgen. "Das gehört dann wohl auch hierher."

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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