Als Warenlieferant quer über den Globus

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Flexibler Vielflieger: Stefan Reinold aus Waldkraiburg arbeitet als "Onboard Courier" und zeigt hier 29 Boardkarten aus den letzten sechs Wochen.

Waldkraiburg - Stefan Reinold weiß am Morgen nicht, wo er abends ins Bett geht, ob er schläft, oder ob er schon wieder rund um den Globus fliegt, um wichtige Ware persönlich abzuliefern.

Für Stefan Reinold ist das Sommerloch rum. Der Waldkraiburger liefert als "obc" innerhalb 48 Stunden wichtige Waren, wie etwa Flugzeugersatzteile, Schrauben und Kleinteile für Schiffsmotoren oder Fertigungsbänder der Automobilindustrie quer über den Globus.

Seine Kunden lassen sich diesen Service viel Kosten - auch wenn der Warenwert, etwa für metrische Schrauben - die gibt es in Amerika nicht - manchmal nur bei 40 Euro liegt. "Aber der Auftraggeber betreibt natürlich eine Kostenminimierungskalkulation. Eine Minute Bandstillstand kann in der Autoindustrie rund 2000 Dollars kosten", so der 43-Jährige, der seit einem halben Jahr selbstständig und seit 1997 im Auftrag für eine Agentur mit Zweigstelle in München arbeitet. Also immer eine Kosten-Nutzen-Abwägung, wenn es gilt Produktionsausfälle zu verhindern.

Zu dem ungewöhnlichen Job kam er nach einer Umschulung vom Schreiner - er hatte eine Holzstauballergie - zum Speditionskaufmann. Damals arbeitete er für eine internationale Spedition und der "obc"-Service war gefragt.

In den vergangenen drei Wochen hatte er sechs Einsätze mit 29 Flugverbindungen. Bisher hat er eilige Waren in 33 verschiedene Länder gebracht, etwa nach Honduras, Südafrika, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ukraine, USA und Sri Lanka. Viele Aufträge führen ihn nach Asien.

Für diesen Job muss der Waldkraiburger sehr flexibel sein. Dafür hat er immer Gepäck für zwei oder mehrere Tage im Auto, trägt Telefon-, Straßen- und U-Bahn-Karten der verschiedensten Länder mit sich herum, ebenso Mp3-Player zum Zeitvertreib, mehrere Handys mit Ladegeräten und Ersatz-Akkus sowie Dauer-Visa, ausländische Devisen und mehrere Reisepässe. Ein zweiter Pass ist ein Muss, beim Beantragen musste er dies gut begründen. "Wenn ich zum Beispiel einen arabischen Stempel im Pass habe, darf ich aus politischen Gründen eine zeitlang nicht nach Israel einreisen und könnte keine Aufträge für dieses Land annehmen", so Reinold.

Mit 105 Kilos nach Johannesburg. In 48 Stunden erreicht Stefan Reinold fast alle Destinationen der Welt.

Er muss verdammt flexibel sein. Für sein Privatleben ist das nicht einfach, denn er kann seine Freizeit nicht planen, kann keinen Urlaub im Voraus buchen, keine Zusage zur Grillparty geben oder Karten für die Oper kaufen. Verabredungen muss er oft kurzfristig sausen lassen. Schließlich ist er 24 Stunden und sieben Tage die Woche abrufbereit.

Wenn sein Handy klingelt und die Agentur anruft, muss er meist eine Stunde später am Flughafen in München sein. Falls er ein wichtiges Flugzeugteil transportieren muss - und wenn es auch eine noch so kleine Schraube ist - sitzt irgendwo auf der Welt ein Flugzeug fest und kann nicht starten. Dann bestückt er sein Handgepäck mit dem Schild "A.O.G." für "Aircraft on Ground" (Flugzeug am Boden, Anm. d. Red.), dadurch wird er am Check-in bevorzugt behandelt.

"Da helfen alle Airlines zusammen, schließlich sind irgendwo auf der Welt ihre Kollegen betroffen", so Reinold, der sich überall mit Englisch verständigen kann.

Er fliegt auch quer durch die Welt, um Teile in Empfang zu nehmen und sie irgendwo hinzubringen. Per Mietwagen, Taxi oder, wenn es gar nicht anders geht, mit dem Limousinen-Service. Schließlich wartet der Empfänger und sitzt auf Kohlen. Schickt man die Ware als Luftfracht, ist sie mit dem Verzollen bis zu zehn Tage unterwegs.

Manchmal geht es um die Eröffnung von riesigen Einkaufszentren in einer Metropole oder großen Bauwerken, die viele Millionen kosten. Bei der feuerschutztechnischen Abnahme wird etwas bemängelt, behoben werden kann es nur, wenn ein "obc" schnellstens das fehlende Teil liefert.

Die Ware ist in Kartons verpackt. Bis 240 Kilo - Übergepäck muss er extra bezahlen - kann er mit sich führen und kümmert sich ums Einchecken und am Ende auch ums Verzollen. Ware bis zu zwei Tonnen wird als "begleitetes Gepäck" transportiert. 80 Prozent der weltweiten Luftfracht werde in Urlaubsflieger verladen.

Kriegt Reinold keinen Direktflug, dann weicht er auf andere Flughäfen in Deutschland, Österreich oder Italien aus, düst mit einem Leihauto dorthin. "Wenn nichts anderes frei ist, muss ich First Class fliegen."

Wie kürzlich nach Chile. Dort wurden eine spezifische Pumpe und Dichtungsringe gebraucht. Das Ticket kostete knapp 9700 Euro. Seine Agentur legte das Geld aus und rechnete mit dem Auftraggeber ab. Die Airlines mögen Kunden wie ihn. Er bucht oft zwei Stunden vor Abflug. "Da wissen die, das ist was ganz Eiliges und das kostet dann." Von den Destinationen kriegt er selten was mit, der nächste Auftrag wartet meist schon. www.worldwideonboardcourierservice.com

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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