Ein Schritt der Annäherung

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Typisch für das Adlergebirge: Die Fertigung von Spanschachteln in Heimarbeit zeigt dieses Foto aus den 1920er-Jahren. Es gibt neben vielen anderen Bildern und Objekten aus der Waldkraiburger Adlergebirgsstube Zeugnis von der Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in dieser Region im Nordosten Böhmens.

Waldkraiburg - Zum ersten Mal seit ihrer Gründung in den 60er-Jahren ist die Waldkraiburger Adlergebirgsstube, ein Heimatstube mit Erinnerungsstücken von Vertrieben, Gast in einem tschechischen Museum.

In einer Sonderausstellung stellt das Stadtmuseum Králiky, ehedem Grulich, die Sammlung und das dazu gehörige Archiv vor. Die Heimatstube kehrt damit nach Nordostböhmen zurück, dorthin, wo ihre Bestände herkommen.

Das Leben im Adlergebirge um 1900, das Arbeiten und Wirtschaften, Landwirtschaft und Heimarbeit wie Weberei und Spanschachtelherstellung, das Vereinswesen und die Wallfahrt zum Muttergottesberg in Grulich - das sind Themen, die die Sonderausstellung unter dem Titel "Das Adlergebirge in Bayern" widerspiegelt. Am 2. Juli wird sie im Stadtmuseum Králiky eröffnet. Bis 28. August kann sie von interessierten Besuchern, der tschechischen Bevölkerung wie der wachsenden Zahl von deutschen Urlaubern, besichtigt werden.

Elke Keiper, die Leiterin des Stadtmuseums Waldkraiburg und Stadtarchivar Konrad Kern haben mit Unterstützung und in Zusammenarbeit mit Karl Mück, Obmann des Adlergebirgsvereins, und der Leiterin der Adlergebirgsstube, Elisabeth Pischel, und anderer die Ausstellung vorbereitet, konzipiert, Objekte und Fotos ausgewählt und Schrifttafeln verfasst. Familiäre Erinnerungsstücke erzählen von vergangenen Tagen und von der Sehnsucht nach dem einst verlorenen Zuhause. Es gehe "um persönliche Erinnerungskultur", so Elke Keiper. Das ist es, was die Heimatstube ausmacht, nicht ein herausragender wissenschaftlicher oder kunsthistorischer Wert einzelner Objekte.

Wie kommt es, dass ein solches Museum in einer Stadt - Waldkraiburg - entsteht, die Hunderte von Kilometern vom Ort des Geschehens entfernt ist? Dieser eigentümliche Umstand muss den Besuchern erklärt werden. Er wird erklärt. Ausdrücklich wird die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus dem Adlergebirge nach 1945 in der Ausstellung wie im Katalog angesprochen. Auch Informationen zur Geschichte der Stadt Waldkraiburg als erste Vertriebenen-Gemeinde der Bundesrepublik Deutschland und zum Adlergebirgsverein liefern die Ausstellung und der zweisprachige Katalog.

Die kleine Heimatstube und die große Politik: Noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, sich mit der deutschen Geschichte und dem Thema Vertreibung auseinanderzusetzen. Wie sensibel dieses Thema bis heute ist, wird deutlich, wenn wieder einmal hitzige deutsch-tschechische Debatten auf politischer Ebene aufflammen.

Die Ausstellung lässt sich auf diese Ebene gar nicht erst ein. "Wir benennen die Situation, wie sie war", sagt Elke Keiper über die Schau, die nach ihren Worten aber ganz bewusst keine zeitgeschichtliche Dokumentation sein will.

Themen und Inhalte wurden mit dem Museum in Králiky abgestimmt. Es gehe um den Austausch geschichtlicher und regional-geschichtlicher Informationen, stellen Museumsleiter Ivo Pechátschek und seine Kollegin Aneta Filipová fest. Die Geschichte der Deutschen und Tschechen im heutigen Tschechien "war eine lange Zeit gemeinsam. Die Bewohner und ihre Kulturen haben sich gegenseitig beeinflusst." Und weiter: "In diesem Zusammenhang fühlen wir uns als Partner, nicht als Tschechen oder Deutsche." Die Ausstellung sehen Pechátschek und Filipová als "willkommenen Beitrag", die Besucher des Museums "mit der regionalen Geschichte bekannt zu machen und zwar so, wie sie abgelaufen ist".

Ausgesprochen positiv, konstruktiv und vertrauensvoll werten alle Beteiligten die Zusammenarbeit zwischen den Museen und dem Verein. Erst vor zwei Jahren hatte sie begonnen. Karl Mück hatte den Kontakt bei Aufenthalten in der alten Heimat geknüpft. Der Wunsch des Vereins, dort die Adlergebirgsstube vorzustellen, fiel auf tschechischer Seite auf fruchtbaren Boden. Ende 2009 besuchte Žaneta Filipová Waldkraiburg und die Adlergebirgsstube.

Das dortige Stadtmuseum arbeitet seit vielen Jahren mit ausländischen Partnern, vorwiegend Künstlern, zusammen. Auch die Auseinandersetzung mit der deutsch-tschechischen Geschichte ist nichts Neues für das Museum.

Schon vor fünf Jahren war dort eine Ausstellung des Vereins "Antikomplex" aus Prag, einer Bürgerinitiative von Schülern und Studenten zu sehen. Thema der Wanderausstellung, die vor einigen Jahren auch in Waldkraiburg gezeigt wurde: "Das verschwundene Sudetenland".

Die bevorstehende Ausstellung ist also längst Teil einer breiteren Bewegung in Tschechien. Es gebe ähnliche Projekte, so Pechátschek und Filipová.

Viele junge Tschechen seien sehr an der Zeitgeschichte interessiert, meint auch Elke Keiper, die in der Ausstellung "einen Schritt der Annäherung" sieht. Da öffne sich eine Tür.

Das Weiterbestehen und Nutzen des Museums empfinden viele Vereinsmitglieder, die am Aufbau der Adlergebirgsstube mitwirkten "als Lohn und Dank für diese Aufbauarbeit", meint Karl Mück. Seine Erfahrung, die er bei Besuchen in der alten Heimat immer wieder mache: Nur wenige kennen Details der 800-jährigen gemeinsamen Geschichte Böhmens. Viele Themen könnten durch die Zusammenarbeit und den Austausch von Dokumenten und Materialien der beiden Museen erst umfassend bearbeitet werden. Seine Hoffnung: Die gemeinsame Beschäftigung mit der gemeinsamen Geschichte bringt uns der geschichtlichen Wahrheit näher."

Die Bedeutung der Ausstellung zeigt sich auch darin, dass das Ausstellungsprojekt nicht nur von der Stadt Waldkraiburg, sondern auch vom Adalbert Stifter Verein, vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und von der Stiftung der Ackermann Gemeinde Stuttgart unterstützt wird.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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