Sozialarbeit: So ist es wirklich

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Zeit zum Zuhören nimmt sich Dagmar Greck-Fort (links). Sie macht seit 1. April aufsuchende Sozialarbeit für die Stadt, die Stadtbau und die WSGW. Bei ihren Hausbesuchen muss sie viel Geduld und Feingefühl mitbringen. Unser Bild zeigt sie bei einem Besuch bei Anneliese K. Die 76-Jährige hat Probleme mit Ruhestörungen.

Waldkraiburg - Eine ältere Frau sitzt in ihrer kalten und vollgestopften Wohnung. Seit November wurde ihr das Gas abgestellt, weil sie mit den Zahlungen in Verzug ist.

Dagmar Greck-Fort hat in der engen Wohnung Platz auf einem Hocker gefunden und hört ihr zu.

Ihre Klientin hat Lebensprobleme, finanzielle Sorgen und nun steht auch noch eine Operation an. Dass es zumindest finanziell vorwärts geht, dafür hat Greck-Fort gesorgt. In der Wohnung der Klientin stapeln sich Kartons bis unter die Decke, alles ist vollgestellt. Kaum Platz, sich zu bewegen. Dagmar Greck-Fort kennt die Wohnsituation, weiß, dass sich die Frau nicht von ihrem Sammelsurium trennen kann oder will. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.

Ihrer Klientin wurde im November das Gas abgestellt, seitdem lebt sie in der kalten Wohnung. Sie hatte Mietrückstände, konnte die Gasrechnungen nicht mehr bezahlen. Dann schaltete sich Greck-Fort ein und kümmerte sich darum, dass die inzwischen etwas verbitterte Frau Wohngeld bekommt. Sind ihre Rückstände abbezahlt, wird das Gas auch wieder freigeschaltet. Seit einem Jahr arbeitet Greck-Fort freiberuflich im Bereich aufsuchende Sozialarbeit für die Stadt, die Stadtbau und die WSGW, seit dem 1. April hat sie im Rathaus ein eigenes Büro - und wurde gleich von Hilfesuchenden oder deren Angehörigen oder Nachbarn mit Anfragen überhäuft.

"Ich arbeite sehr gerne mit Menschen. Schwere Schicksale versuche ich nicht an mich heranzulassen." Das geht aber nicht immer. Es macht sie betroffen, wenn so wenig Geld da ist, dass Kinder wenig zum Essen haben. Zwar müsse in Deutschland niemand hungern. "Aber es kommt darauf an, was die Familien aus dem Geld machen, das sie vom Staat bekommen. Kaufen sie Essen und Kleidung oder einen Flachbildschirm?" In einer Familie müsse nicht jeder alles haben, versucht sie dann zu vermitteln. "Ich kläre die Leute auf, wenn sie es zulassen", erzählt sie mit einem leichten Akzent.

Maßgeschneiderte Hilfe anbieten

Ihre schwarzgeränderte Brille verleiht ihr ein modernes, aber leicht strenges Aussehen. Streng ist sie aber nicht, sondern bestimmt. Sie hilft alten Menschen etwa beim Antrag für die Pflegestufe, lässt bei den Kranken- und Pflegekassen nicht locker. Klärt Probleme zwischen Mietern, hilft bei Ruhestörungen, schlichtet oder erklärt Bedürftigen einfach, an welche Stellen sie sich wenden können.

"Ich gewinne zuerst das Vertrauen der Leute. Wenn ich weiß, wo der Schuh drückt, kann ich ihnen eine maßgeschneiderte Hilfe zukommen lassen", erklärt sie ihre Arbeit in einem Satz. Die Stadt lasse ihr dabei einen großen Handlungsspielraum. Bürgermeister Siegfried Klika war es, der diesen Posten initiiert hat. In Waldkraiburg gebe es viele Familien und ältere Leute mit wenig Kontakten zur Außenwelt. Die Schwellenangst, Hilfe anzunehmen sei groß, obwohl es ein gut funktionierendes Sozialamt gebe.

Auch junge Menschen brauchen manchmal ihre Hilfe. Dabei ist es ihr wichtig, dass gerade die ihre Selbstständigkeit behalten. "Ich helfe, aber ich werde es nicht für die jungen Leute erledigen", betont sie. Genauer: "Ich nehme sie an der Hand, gehe ein Stückchen auf dem Weg mit, aber marschieren muss jeder selber." Manche Menschen brauchen einfach Begleitung und das Gefühl, dass sie nicht alleine sind. Es kommt auch schon mal vor, dass Klienten sie ausnutzen wollen. Da schiebt sie schnell einen Riegel vor. Manchmal muss sie auch Tränen oder Berührungen zulassen und viel Geduld haben. Vor allem wenn alte Menschen einsam sind. Das berührt sie auch und sie nimmt sich Zeit. Wie bei einer 76-Jährigen, die in einer Stadtbauwohnung allein lebt und sich von den Nachbarn gestört fühlt. Die Musik sei in der Nacht oft zu laut.

"Manchmal kann ich es nicht mehr aushalten", erzählt sie Dagmar Greck-Fort bei einem Hausbesuch. Für solche Fällen gibt es Mieterkonferenzen, bei denen zwischen den Parteien geschlichtet wird. Die nette kleine Frau mit der Löckchenfrisur ist quirlig und spricht sehr schnell. Zum Tanzen geht sie gern und einen Freund hat sie, wie sie erzählt. Manchmal ist ihr schwindlig und der Kreislauf spielt verrückt. Greck-Fort will, dass sie zum Arzt geht, schlägt vor, einen Termin zu vereinbaren und sie zu begleiten. "Also gut", sagt die alte Dame und lächelt.

Der nächste Besuch ist kein leichter. Die mobile Sozialarbeiterin klingelt bei einer 87-jährigen Frau. Einfach mal nachschauen, wie es ihr geht. Und dann muss Greck-Fort länger bleiben, Geschichten über schwere Schicksalsschläge immer wieder hören. Die alte Frau weint, ihre Stirn liegt in Furchen, sie ringt die Hände. Auch sie lebt allein und kommt damit nicht gut zurecht. Wie gut, dass auch der gerontopsychiatrische Dienst regelmäßig vorbeischaut, denn Dagmar Greck-Fort kann weder Familie ersetzen, noch Depressionen behandeln. Aber sie kann da sein und zuhören. Das gibt einsamen Menschen oft wieder ein bisschen Auftrieb. Auch eine junge Kosovo-Albanerin freut sich, als es klingelt und Greck-Fort in der Tür steht. Die beiden haben einen Termin. Die 28-jährige Asylbewerberin hat Unterlagen vorbereitet. Es geht um einen Umzug, weil in ihrer Wohnung weder Heizung noch Warmwasser aufgrund einer Gasexplosion im Mietshaus funktionieren.

Keine Berührungsängste

Ein kleines Mädchen, etwa ein Jahr alt, krabbelt auf Greck-Fort zu, während die mit der Mutter am Wohnzimmertisch alle bespricht. Sie könne Antrag auf Umzugskosten stellen, rät die Sozialarbeiterin und erklärt sich bereit, ihr dabei zu helfen. Die neue Wohnung sei billiger und besser isoliert. Arbeiten kann die junge Frau nicht, ihr Kind ist noch zu klein.

"Diese Frau ist gewillt, ihr Kind in ordentlichen Verhältnissen aufwachsen zu lassen, das merkt man", stellt sie fest und hat dabei das kleine Mädchen mit den großen braunen Augen auf dem Schoß. Sie kitzelt sie, die Kleine spielt mit ihrer Kette. Sehr einfühlsam geht sie mit der Situation um. Ihre Klientin spricht noch nicht so gut Deutsch. Sie möchte es schnell lernen, schon wegen des Kindes, aber der Kurs wird nicht bezahlt. "Ich schau mal, was ich da machen kann", verspricht Greck-Fort und verabschiedet sich. In ihrem Büro warten noch viele Anrufe und Papierkram. Es ist ihre Stärke, sie einzusetzen und nicht locker zu lassen, bis sie für ein Problem eine Lösung gefunden hat. Tut sie das nicht, verfolgen die Gedanken sie bis nach Hause, wo sie anstatt zu schlafen weiter an den Problemen brütet. kla

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