Der gute Ruf

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Der Journalist Rainer Stadler liest am 23. April im Haus des Buches.

Waldkraiburg - Wie konnte es passieren, dass in einem Klosterinternat jahrzehntelang Schüler misshandelt und missbraucht wurden, ohne dass jemand etwas unternahm? Gibt es ein System dahinter?

Das sind die Fragen, die Rainer Stadler in einer Lesung aus dem Buch "Bruder, was hast du getan?" am 23. April in Waldkraiburg beantworten möchte.

Zusammen mit seinem Kollegen Bastian Obermayer recherchierte der Journalist mehr als ein Jahr zu den Vorwürfen gegen das Internat Ettal. Gegen anfänglichen Widerstand des Klosters setzten sie durch Gespräche mit über 60 ehemaligen Schülern nach und nach ein Gesamtbild zusammen. Eines, in dem Gewalt an der Tagesordnung ist, unter Erziehern und Schülern wie auch unter Schülern. Und wo Mönche, die sich an Kindern vergehen, keine Konsequenzen zu fürchten haben.

Die Übergriffe eines Paters, im Schlafsaal, im Schwimmbad und auf seinem Zimmer, werden außerhalb des Klosters nicht thematisiert. Man kann die Zahl der Schüler, die er immer wieder belästigte, die er wiederholt missbrauchte, nur schätzen. Von Mitte der 60er- bis Anfang der 80er-Jahre war er als Erzieher tätig.

Ein anderer Pater schlägt einen Schüler mit einem Bambusstock - so hart, dass dieser zerbricht. Danach geht es mit einem Skistock weiter. Nach einem Daumenbruch glauben die Eltern dem Buben endlich, dass er geschlagen wird, nehmen ihn trotzdem nicht vom Internat. Auch für den prügelnden Erzieher hat die Beschwerde keine Folgen. Damit der gute Ruf gewahrt bleibt, vertuscht das Kloster systematisch. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die das Buch dokumentiert.

In Lesungen trifft Stadler oft auf Besucher, die in ähnlichen Institutionen wie Ettal zur Schule gingen und die gleichen Geschichten von Brutalität oder Missbrauch erzählen. Häufig sind Verwandte von Opfern unter den Zuhörern, deren Angehörige sich noch Jahrzehnte nach den Vorfällen nicht damit auseinander setzen können. "Wir versuchen zu erklären, dass solche Dinge nicht nur weit entfernt passieren, und auch nicht nur in kirchlichen Einrichtungen", sagt Stadler. Verhängnisvoll sei das Zusammentreffen einer abgeschotteten Institution und ein blindes Vertrauen der Eltern in diese. Wenn eine Einrichtung als das Allerbeste angesehen wird, dann kann in ihr alles geschehen. "So war das auch in der Odenwaldschule."

In Ettal waren alle diese Voraussetzungen gegeben. "Zusätzlich kam noch eine Art gegenseitiges Stillhalteabkommen dazu - das Kloster ließ sich von niemandem reinreden und wurde nicht stark von den Behörden angegangen. Das verleitet."

Eltern sollten stets misstrauisch und wachsam bleiben, gerade gegenüber Einrichtungen mit hohem Prestige, so Stadler. Diese Lehre sei aus den Missbrauchsfällen zu ziehen. Stadler liest am Montag, 23. April, 19 Uhr, im Haus des Buches. Der Eintritt ist frei.

ber/Waldkraiburger Nachrichten

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