Musikpädagoge geht in Ruhestand

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In seiner langen Tätigkeit als Musikpädagoge hat Franz Christmann sicherlich einige tausend Schüler beim Erlernen eines Instruments begleitet. Der sechsjährige Fabian Schuster ist einer seiner letzten Schüler an der Musikschule.

Waldkraiburg - "Mir ist immer noch jede Unterrichtsstunde zu kurz", sagt Franz Christmann und klingt in diesem Moment wie einer, der noch eine Menge vor hat an seinem Arbeitsplatz.

Dabei ist er nur noch wenige Tage im Dienst. Dann räumt der 62-Jährige sein Büro, nach mehr als 16 Jahren als Leiter der städtischen Sing- und Musikschule. Mehr als 27 Jahre, seit es die Schule gibt, war er hier als Lehrer tätig.

Seit seiner Jugend gibt Franz Christmann Instrumentalunterricht. Schon als Gymnasiast, als er dem Sohn der Köchin im Internat das Akkordeonspielen beibrachte, hat er sich damit nebenher Geld verdient, später auch als Musikpädagogikstudent in Temeschburg. Neben Akkordeon, das bis heute ein Schwerpunkt geblieben ist, unterrichtete er Tasten- und Blechblasinstrumente, Gitarre, Klavier, E-Orgel und zuletzt auch Keyboard. Bis heute hat er wohl "einige tausend Schüler" beim Erlernen eines Instruments, in Ensembles und Orchestern begleitet.

Zehn Jahre unterrichtete Franz Christmann Musik an einer Schule in Rumänien, nach der Ausreise in die Bundesrepublik wurde aus dem Musiklehrer ein Musikschullehrer; zuerst in Erding und Grafing, dann - 1985 - an der neuen Sing- und Musikschule (SMS) in Waldkraiburg. Das Haus Hotzenplotz und die Goetheschule waren die erste Heimat der SMS mit damals 250 bis 300 Schülern. Diese Zahl wuchs nach dem Umzug in das neue Haus der Kultur auf bis zu 700 an, die von mehr als 20 Lehrkräften begleitet wurden. Heute hat sich die Zahl bei etwa 500 Schülern eingependelt, 17 Lehrkräfte geben Unterricht.

1996 übernahm Christmann die Leitung der Schule. Er habe sich bemüht, gute Bedingungen für eine gute Arbeit zu schaffen, sagt er. Das war nicht immer leicht, vor allem in Zeiten, in denen Ausgaben gedeckelt und Einsparungen vorgenommen werden mussten.

Schon um die Kosten für den Steuerzahler und die Politik zu rechtfertigen, muss eine Musikschule Präsenz zeigen. Die SMS Waldkraiburg hat deshalb großen Wert darauf gelegt, bei vielen Veranstaltungen der Stadt mitgewirkt, Feiern von Institutionen und Vereinen mitgestaltet.

Franz Christmann kann auf viele schöne Momente als Lehrer und Leiter der Schule zurückschauen. Es freut ihn, dass eine ganze Reihe von ehemaligen Schülern Musik studiert und einen musikalischen Beruf gewählt hat. Er ist stolz auf die vielen "Jugend musiziert"-Preisträger bis zur Bundesebene hinauf, die die Schule hervorgebracht hat. Und er denkt gerne an herausragende Veranstaltungen zurück, wie zuletzt die Aufführung der Kinderoper oder das Partnerschaftskonzert mit Sartrouville vor einigen Jahren.

"Am wichtigsten war für mich immer der Schüler", betont er freilich. Die persönliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen und der Beitrag, den dazu die Musik und der Musikunterricht leisten können, stehe im Vordergrund. Was Musikmachen bei jungen Menschen bewirken kann, ist kaum zu überschätzen. Der erfahrene Musikpädagoge sieht sich von vielen wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt. Die positiven Auswirkungen auf Intelligenz, soziale Fähigkeiten, motorische Fertigkeiten, Konzentrationsfähigkeit seien unbestreitbar, und heute wichtiger als je zuvor.

Denn auch die Musikschulen haben immer öfter mit auffälligen Kindern zu tun, mit Schülern, deren Leistungsbereitschaft und -vermögen nachgelassen hat, die sich schwerer konzentrieren können als vorangegangene Schülergenerationen. Franz Christmann, der neben seinem beruflichen Engagement vor kurzem die Weiterbildung zum zertifizierten Erziehungsberater im Fernstudium abgeschlossen hat, beobachtet diese Entwicklung seit einigen Jahren. Die Musikschule muss diese Herausforderung annehmen und trägt ihr zum Beispiel mit einem Fortbildungstag für die 17 Lehrkräfte der Schule Rechnung, den Christmann noch wenige Tage vor seinem Ausscheiden angesetzt hat. Es geht um inklusive Musikpädagogik und Musikunterricht für Menschen mit Defiziten.

Bis zum letzten Arbeitstag gibt der scheidende Schulleiter Unterricht, hat in den letzten Wochen und Monaten für eine nahtlose und geordnete Übergabe der Schulleitung an seinen Nachfolger Ferenc Selim Bene und dessen Stellvertreter Raimund Burger gesorgt.

Am 1. Dezember beginnt die Freistellungsphase der Altersteilzeit. Christmann freut sich darauf, "sich nicht mehr Tag für Tag beweisen zu müssen" und mehr Zeit zu haben für gute Bücher und schöne Musik, für Bergsteigen und Radfahren. Auch der Ahnenforschung, zuletzt ein vernachlässigtes Steckenpferd, will er sich wieder widmen und die Weiterbildung im Fernstudiumgang "Praktische Psychologie" fortsetzen.

"Ich habe vorgesorgt, ich habe viel zu tun", sagt er. Denn er weiß bei aller Vorfreude auf den Ruhestand: "In fünf, sechs Wochen kommt die Zeit, wo mir die Schule und die Arbeit fehlen werden. Irgendwie war es ja meine Musikschule gewesen."

Franz Christmann hat sich deshalb vorgenommen, viele Veranstaltungen "seiner" Musikschule zu besuchen, so wie die Angebote des städtischen Kulturprogramms, das er bislang nur sehr eingeschränkt wahrnehmen konnte. Dass der Kontakt zur SMS nicht abreißt, dafür wird schon seine Enkelin sorgen. In Zukunft hat der Opa nämlich Zeit, sie zur musikalischen Früherziehung in die Musikschule zu bringen. hg

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