Krebs-Medikamente aus Supermarkt?

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Will sich für die "freien Heilberufe" einsetzen und für die Apotheker und die medizinische Versorgung am Land eintreten: Gesundheitsstaatssekretärin Melanie Huml.

Waldkraiburg - Josef Hecken darf nicht Bundesgesundheitsminister werden! Das forderten die Apotheker beim Apothekerforum in Waldkraiburg.

Beim Forum anwesend waren Staatssekterärin Melanie Huml aus dem Gesundheitsministerium und Dr. Ulrich Grötsch, Präsident der Bayerischen Landesapothekenkammer. Die Begründung für ihre Forderung: Hecken steht für Versand- und Internetapotheken, Pick-up-Stationen im Supermarkt. Ein Dorn im Auge der Apotheker.

Beim Apothekerforum, zu dem MdB Stephan Mayer geladen hatte, konnten sich die Apotheker aus den Landkreisen Mühldorf und Altötting den Frust von der Seele reden. Sie schimpften über die Rabattverträge der Krankenkasse mit den Pharmakonzernen, Internet- und Versandapotheken und Pick-up-Stationen im Supermarkt. Aber auch die medizinische Versorgung im ländlichen Bereich macht ihnen Sorgen. Speziell in Waldkraiburg bestehe hier Handlungsbedarf. "Hier ist die flächendeckende Ärzteversorgung ein Problem", sagte Willi Engelmann. Seit die Doppelpraxis Mühlfellner im Frühjahr schließen musste, sei kein Nachfolger gefunden worden. Daher bestehe ein Versorgungsproblem für die Bürger. Die Kassenärztliche Vereinigung sehe das nicht so, schließlich habe man im Landkreis eine 110-prozentige Überversorgung.

"In Mühldorf treten sich die Ärzte auf die Füße, in Waldkraiburg gibt es zu wenige", pflichtet ihm seine Frau Susanne Engelmann bei. Man dürfe hier nicht den Landkreis im Allgemeinen betrachten.

Gesundheitsstaatssekretärin Melanie Huml nickte. Sie werde die Kassenärztliche Vereinigung auffordern, sich die Situationen vor Ort kleinräumiger anzuschauen. "Die Versorgung im Landkreis hilft dem kleinen Dorf nichts", so Huml. Sie brachte es auf den Punkt: Wo kein Arzt mehr ist, werde sich eine Apotheke auch nicht mehr lange halten können.

Um die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich zu verbessern, müsse die Politik laut über einiges nachdenken. Man könnte Medizin-Studenten aufs Land locken, indem man ihnen etwa Studiengebühren erlässt. "Im Gegenzug müssten sie sich verpflichten, später in unterversorgten Gebieten zu praktizieren", schlug Huml vor.

Eine Region müsse den jungen Leuten aber auch etwas bieten können. Außerdem sei sie der Meinung, dass der Numerus Clausus, also die Zugangsbeschränkung nach Abiturnoten, nicht das einzige Kriterium für ein Medizinstudium sein dürfe. Besser wären intensive Auswahlgespräche oder Eignungstests.

Natürlich wurde beim Apothekerforum auch Wahlkampf gemacht. Stephan Mayer warb dafür, das gesamte Mehrwertsteuer-System auf den Prüfstand zu stellen und nicht nur über eine reduzierte Mehrwertsteuer im Bereich Gastronomie und Hotellerie nachzudenken, sondern etwa auch bei Medikamenten. "Die CSU nimmt es sich für die nächste Legislaturperiode vor, den Versandhandel für verschreibungspflichtige Medizin zu verbieten", versprach Mayer.

Damit rannte er bei den Apothekern offene Türen ein. Medikamente seien schließlich keine x-beliebige Ware, die man sich an einer Pick-up-Station im Supermarkt oder gar an der Tankstelle holen sollte. Huml spitzte es sogar noch weiter zu. "Wir brauchen keine Krebs-Medikamente aus dem Supermarkt zwischen Schokolade und Schuhcreme." Sondern von einem Apotheker, dem man vertraut, der einen berät und der dafür akademisch ausgebildet wurde und Tag und Nacht im Notdienst da sei. Der Freistaat trete ein für die bewährte Apothekenstruktur. Er sage Nein zu internationalen Apothekenkonzernen, in denen Finanzinvestoren das Sagen haben. Der Europäische Gerichtshof habe glücklicherweise entschieden, dass der Betrieb und Besitz von Apotheken den Apothekern vorzubehalten sei. Und auch dafür setze sich die Staatsregierung ein.

Dr. Krötsch, Präsident der Bayerischen Apothekenkammer, sprach auch die Rabattverträge der Krankenkassen mit Pharmakonzernen an. Eine richtige Beratung des Patienten sei nicht mehr möglich, man müsse sich an die Verträge halten, sonst gehe man leer aus.

Die bayerische AOK sei da eine Ausnahme, warf Pharmazierat Dr. Johannes Huber aus Ampfing ein. "Die sind auf unserer Seite, wir können unsere pharmazeutischen Bedenken einbringen und das in unseren Augen besser verträgliche Medikament ausgeben", so Huber.

Andere Kassen würden "schwachsinnige Verträge" aushandeln, fand Christian Huschka aus Neuötting. "Da muss ich dann Tabletten rausgeben, statt ein wasserlösliches Medikament, obwohl der Patient nicht schlucken kann", ärgerte er sich.

Laut Huml würden Rabattverträge mit großen Konzernen auch die mittelständische Pharmaindustrie in der Region gefährden und damit auch Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Gefährlich sei auch, so Susanne Engelmann, dass manche Patienten nicht mit einem Medikament in einer anderen Verpackung klar kommen, wenn sie jahrelang etwas anderes gewohnt waren. "Eine alte Dame schluckte dreifach Beta-Blocker, weil sie drei verschiedene Schachteln daheim hatte." Sowas ende schnell tödlich.

Dass es die Rabattverträge nicht aus Jux und Tollerei gebe, betonte der Mühldorfer AOK-Direktor Karlheinz Stangl. Eine andere Einsparmöglichkeit sei, die Mehrwertsteuer zu senken. So aber habe die Pharmaindustrie großen Spielraum. Und genau diese müsste mehr an die Zügel genommen werden, so Bernhard Barbarino aus Altötting.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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