"Ich will, dass in Kraiburg was vorwärts geht"

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Kraiburg - 30 Jahre stand das Haus am Marktplatz 2 leer. Es musste einige Wasser- und Frostschäden erleiden und schlummerte vor sich hin. Jetzt soll sich was tun.

Altbausanierung in Kraiburg: Nun hat Architekt Josef Anglhuber das Haus erworben und will es in einem guten Jahr sanieren und zu einem Schmuckkästchen ausbauen. Drei Wohnungen und Räume für sein Architekturbüro sollen entstehen. Die Eisdiele wird bleiben.

Risse auch im Rathaus entstanden

„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, lacht Josef Anglhuber, als er die Waldkraiburger Nachrichten durch sein neuestes Sanierungsprojekt führt. Einst gehörte das vierstöckige Gebäude der Familie Hardt, die das ursprüngliche Haus, das dort stand, 1845 weggerissen und mit höheren Räumen neugebaut hat. Das Haus wird flankiert vom Rathaus und dem baugleichen Haus Marktplatz 3, das der Familie Forster gehört. Es war zuletzt in die Schlagzeilen geraten, weil der Anbau am Rückgebäude am Hang einsturzgefährdet ist und abgestützt werden musste. Risse waren bereits in den beiden Nachbargebäuden – auch im Rathaus – entstanden.

Haus am Marktplatz 2 wird saniert

Nun gibt es einen Sanierungsvorschlag für die drei Häuser und die Familie Forster denke über einen Teilabbruch an der Rückseite nach, wie der Kraiburger Anglhuber mitteilt. Nun seien vernünftige Rahmenbedingungen geschaffen. Der Grund für die Instabilität der Anbauten an den Hang sei der Untergrund: Bauschutt – kein gewachsener Boden. „Damals war das eine Geldfrage; man musste Höhenunterschiede ausgleichen.“ Weil die Entwässerung der Gebäude nicht richtig funktionierte, sickerte etwa Regenwasser in den Boden und schwemmte Feinteile aus dem Schutt und die Stabilität schwand mit den Jahren, erklärt der 38-Jährige, der auch als Bauaufsicht fungiert; Bauherrin ist seine Frau. Die Setzungen hätten erst die vergangenen zehn bis 15 Jahre begonnen. Die alten Gebäude am Marktplatz seien zum Großteil leicht in Bewegung. Jedes Jahr kämen bei den Rissen in den Mauern wieder ein Zehntel Millimeter dazu, was in der Summe große Spalten verursachen könne.

"Kraiburg kann so eine Initialzündung vertragen"

Die Sanierung erfolgt in zwei Schritten: die Generalinstandsetzung des Baudenkmals nach Denkmalkriterien und die statische Sicherung des Hangs. Hierbei werden die Fundamente mit einem Spezialverfahren auf einen tragfährigen Boden gestellt. Ein gutes Jahr sollen die Maßnahmen dauern. Es eilt. Anglhubers Architekturbüro am Nussbichl platzt aus allen Nähten, die neuen Räumlichkeiten werden dringend gebraucht. Bisher hat er bereits zwölf Baudenkmäler für Dritte saniert. „Und Kraiburg kann so eine Initialzündung vertragen, wenn Gebäude am Ort belebt werden. Mit jeder Wohnung verbessert sich auch die Infrastruktur“, ist er überzeugt.

Vor dem Winter soll die Gebäudehülle dicht gemacht werden, damit der Innenausbau beginnen kann. Natürlich müsse man behutsam vorgehen, daher sei ein Jahr Bauzeit nur ein ungefährer Plan. Im Erdgeschoss bleibt die Eisdiele bestehen. Zu deren Saisonende im Oktober legen die Handwerker in diesen Räumen so richtig los, damit der Eisverkauf im Frühjahr schon „im neuen Gewand“ beginnt. Außerdem werden drei Wohnungen entstehen und im dritten Stock sowie im Dachgeschoss wird der Architekt künftig seine Entwürfe machen und Kunden beraten.

Doch erst einmal gibt es viel zu tun. Derzeit werden die schadhaften Putze entfernt, Teilbereiche, in denen giftiger Hausschwamm sitzt, werden freigelegt, um den Ausmaß des Schadens sehen zu können. Sitzt das Mycel im Holz, zerfällt dieses in sogenannten Würfelbruch, wie Anglhuber an einem alten Türrahmen zeigt. An einer geschwärzten Decke vermutet er den gesundheitsgefährdenden Pilz auch; der sei vermutlich durch einen unentdeckten Wasserschaden entstanden. Um den Schwamm abzutöten, wird das Mauerwerk geflammt. Solange der Hausschwamm trocken ist, ist er harmlos. Wenn es aber feucht wird, kann er auch nach 40 Jahren wieder aktiv werden. In manchen Räumen werden Gewölbe und Gebäudetrennungsfugen (hier wurde angebaut) freigelegt, Trennwände entfernt und weitere „Sondierungsöffnungen“ im Mauerwerk gemacht, um zu sehen, wie tief etwa Risse gehen, oder wo alte Fundamentbereiche zum Vorschein kommen. Daran könne man sehen, worauf die Familie Hardt 1845 aufgebaut habe. An manchen Stellen kommen hinter dem Putz verschiedene aneinander gestückelte Baumaterialien zum Vorschein. Da war vielleicht eine Mauerwerksöffnung zum Rathaus, die nachträglich geschlossen wurde, mutmaßt der Kraiburger. Verwendet wurde zum Teil auch Tuffstein, vermutlich von der Kraiburger Burg auf dem Schlossberg, die man früher als Steinbruch gebrauchte.

Auch eine Zeitreise

So eine Altbausanierung ist eine Abenteuerreise und auch eine Zeitreise. Auf dem ältesten Plan, den Anglhuber vom Marktplatz kennt – von 1812 – ist das Haus am Marktplatz in seiner Urversion schon eingezeichnet. Aufgrund der Ortsgeschichte – die Bebauung hier ist ursprünglich mittelalterlich – vermutet er die Entstehungsgeschichte seines Projektes etwa im 17. Jahrhundert. In einem Raum steht eine Schrankbadewanne zum Ausklappen, hinter Putz und Tapeten kommen Bordüren oder Sockelmalerei zum Vorschein. Kleine Details will er unbedingt erhalten. Manche Befunduntersuchungen will er offen sichtbar lassen, als „Schaufenster in die Vergangenheit“. Er will die alten Dielen und Türen, den vorhandenen Stuck und etwa Kastenschlösser instand setzen und belassen. Die Verbundfenster werden mit dünnen Isolierscheiben ausgestattet und zu Kastenfenstern umgebaut. Eine Trittschalldämmung oder Fußbodenheizung ist nicht möglich. Alternativ kommen Wand- oder Deckenheizungen in Frage, die „energetisch geschickt“ seien. Auf dem Dachboden fand er viele Sternsingermarkierungen aus dem 19. Jahrhundert, die er konservieren will.

"Ich will, dass in Kraiburg was vorwärts geht"

Diese Substanz habe einen Wert für ihn und ein altes Gebäude sei ihm lieber als ein Neubau, sagt Josef Anglhuber auf die Frage, warum er sich so eine 380-Quadratmeter-Altbausanierung antut. Durch den Steuervorteil funktioniere die Sache auch wirtschaftlich, ein Neubau komme nicht unbedingt billiger.

„Alles hier drin erzählt eine Geschichte, das reizt mich. Und ich will, dass in Kraiburg was vorwärts geht.“

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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