Jurijs Weg zu Stipendium

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Vor 13 Jahren schaffte er wegen seiner Deutschkenntnisse nicht den Sprung aufs Gymnasium. Heute ist Jurij Vilisov, 1,0-Abiturient, Student der Raumfahrttechnik und Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Rudolf Geier, der Leiter der Beruflichen Oberschule, ist mächtig stolz auf seinen ehemaligen Musterschüler.

Waldkraiburg -Als Bub hat sein Deutsch nicht für den Übertritt ans Gymnasium gereicht. Jurij Vilisov aus Waldkraiburg hat sich seitdem nicht nur sprachlich verbessert.

Der junge Russlanddeutsche studiert nach einem 1,0-Abitur an der BOS als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes an der TU. "Ein Paradebeispiel dafür, wie Integration gelingen kann", sagt sein Direktor.

Integration - Monate lang schien es in Deutschland nach Thilo Sarrazins Buchveröffentlichung nur noch dieses eine Thema zu geben. Geprägt war diese Diskussion vom Blick auf gescheiterte Beispiele von Integration. Die positiven Beispiele wurden da oft übersehen, eine Geschichte, wie die des jungen Waldkraiburgers etwa.

Rudolf Geier, Leiter der Beruflichen Oberschule Inn-Salzach, ist stolz auf den 23-jährigen Musterschüler. Ein Abitur mit 1,0, das ist an der Beruflichen Oberschule "außergewöhnlich". Seit Geier vor sechs Jahren Direktor wurde, gelang das nur einem Schüler, eben Jurij Vilisov. Was den Schulleiter besonders freut: Der bescheidene junge Mann wurde auf Vorschlag der Schule als Stipendiat von einer der bedeutendsten Studienstiftungen in Deutschland angenommen.

Als Jurij vor 13 Jahren mit seiner Familie aus Kasachstan nach Waldkraiburg kam, war dieser Weg sicher nicht vorgezeichnet. "Ein wenig umgangssprachliches Deutsch" habe man in Kasachstan in der Familie gesprochen, erzählt der junge Mann, dessen Mutter deutschstämmig ist. Für die Schule in Deutschland hat es nicht gereicht. Trotz eines Sprachkurses schaffte der intelligente Bub in der vierten Klasse den Übertritt auf das Gymnasium nicht, ging auf die Hauptschule und wechselte dann auf die damals noch vierjährige Realschule. Seinen Abschluss bewertet er aus heutiger Sicht als "mittelmäßig".

In der dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Fluggerätemechaniker bei der Luftwaffe in Erding platzte der Knoten: Jurij hatte in allen Fächern ein "sehr gut" und entschied sich, das Abitur nachzuholen. "Ich habe gemerkt, dass ich in Theorie und Praxis bessere Leistungen bringen kann", erinnert er sich.

Seine Durchschnittsnote von 1,5 im ersten Jahr verbesserte er im zweiten noch. Im Zeugnis für die allgemeine Hochschulreife steht eine lupenreine "1,0". Und nicht nur in den naturwissenschaftlichen Fächern erreichte er ein "Sehr gut", auch in den Sprachen, in Deutsch und Englisch. Jetzt studiert er im ersten Semester Luft- und Raumfahrttechnik an der TU in München und hat große Pläne. Ingenieur möchte er werden und an einer Weltraummission arbeiten oder auch in der zivilen Luftfahrt.

Der junge Mann hat beste Aussichten. Für Schulleiter Rudolf Geier ist er ein Beispiel dafür, dass es "der richtige Weg ist, dass junge Leute mit Migrationshintergrund möglichst früh Deutsch lernen. Da müssen wir investieren." Nicht intensiv genug könne die Unterstützung sein. Denn die mangelnde Sprachkompetenz ist für viele intelligente und fleißige Schüler die entscheidende Hürde.

Etwa ein Fünftel der Schüler der beruflichen Oberschule Inn-Salzach haben nach seinen Worten Migrationshintergrund. Ein vergleichsweise hoher Anteil, aber "ganz typisch", wie Geier sagt. Denn viele der jungen Spätaussiedler oder Ausländer "kommen über unseren Weg zu guten Ergebnissen", sobald sie sich die Sprachkompetenz erarbeitet haben. Auch Jurijs Zwillingsbruder Andrej zählt zu ihnen, der im vergangenen Jahr ein Abitur mit der Note 1,4 baute.

Für Rudolf Geier sind das gute "Beispiele, wie Integration gelingen kann, durch sozialen Aufstieg, in der Regel durch Bildung". Um die Bedeutung von Bildung und Ausbildung weiß man in der Familie Vilisov. Auch Jurijs Mutter hat einen Hochschulabschluss in Ökonomie. Arbeiten kann sie in ihrem Beruf freilich nicht. Das Diplom wird in Deutschland nicht anerkannt. Ein Bundesgesetz, dass diese Problematik regelt und dafür sorgt, dass Qualifikationen von Menschen mit Migrationshintergrund für den deutschen Arbeitsmarkt nicht brach liegen, lässt nämlich noch immer auf sich warten.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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