Hypo macht Frühstück

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Gerichtsshows, Kochduelle und Krimis - weil Hildegard Obermaier (rechts) so oft alleine ist, bleibt ihr meist nur der Fernseher. Daher genießt sie die Treffen in der Frühstücksgruppe des Gerontopsychiatrischen Dienstes. Auch Helene Keimeleder (links) und Maria Ruhland kommen regelmäßig. Heute werden sie von der Bankangestellten Bettina Vorportner (stehend) bedient und unterhalten. Das ist Teil der ungewöhnlichen Jubiläumsaktion der Hypovereinsbank zum 50-jährigen Bestehen.

Waldkraiburg (WN) – Mit einer wirklich ungewöhnlichen Aktion feiert die Hypovereinsbank Waldkraiburg 50-jähriges Bestehen. Statt Geld für eine Party auszugeben, wurden die Ärmel hochgekrempelt und eine ehrenamtliche Aktion ins Leben gerufen.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus den Waldkraiburger Nachrichten:

Budget reichte zum Glück nicht

Seit 50 Jahren gibt es die Filiale der Hypovereinsbank (HVB) bereits in Waldkraiburg. Ein rundes Jubiläum ist immer ein Grund zum Feiern mit Sekt und Lachshäppchen bei einer Party mit Kunden. Das hat die Zweigstelle nicht gemacht. Ihr Jubiläum feierten die Waldkraiburger Mitarbeiter ungewöhnlich und leise: mit einer Sozialaktion, die Mut macht.

Das Budget und die Finanzkrise hätten ohnehin keine würdige Kundenveranstaltung zugelassen. "So schenkten wir der Stadt die Jubiläums-EC-Karte mit dem W-Logo", erklärt Filialdirektorin Sonja Punzmann. Für sieben Euro sei die Motivkarte zu haben, zwei Euro gehen davon an den Gerontopsychiatrischen Dienst, für den sich die Filiale ehrenamtlich engagiert.

Ihre Mitarbeiter seien berührt von den Lebensgeschichten der teilnehmenden Senioren. "Jedes Mal wenn sie vom Frühstücksdienst zurück kommen, sind sie euphorisch und aufgekratzt", erzählt Punzmann ganz begeistert.

"Jeden könnte ein Schicksalsschlag treffen"

"Wir könnten alle durch einen Schicksalsschlag in ein Loch fallen", so die Filialleiterin. Sie und ihr Team wollten etwas bewegen, alle würden doch daraus was lernen, in einer hektischen Zeit für andere da zu sein, sagt sie in Aufbruchstimmung. So könne man etwas zurückgeben. Sie und ihr Team hoffen, vielleicht einen Stein ins Rollen zu bringen und andere Firmen zu animieren, etwas Ähnliches zu machen.

Die Idee sei mit dem Filialjubiläum gereift. Ein Grundgedanke ging von der Uni Credit aus, zu der die Hypovereinsbank gehört. Wenn Mitarbeiter sich für eine Einrichtung ehrenamtlich engagieren, schießt die Uni Credit dafür eine Spende zu. Die Spende sei bereits zugesichert.

Seit Juli begleiten die zehn Angestellten der Hypovereinsbank Waldkraiburg zwei Frühstücksgruppen des Gerontopsychiatrischen Dienstes. Zweimal pro Monat nimmt sich ein Banker Zeit - Freizeit oder abzubauende Überstunden - und betreut das Frühstück von depressiven und dementen älteren Menschen im AWO-Zentrum. Das Frühstück wird vorbereitet und die Senioren verwöhnt.

Heute ist Bettina Vorportner zum ersten Mal dabei. Normalerweise ist sie in der Bank für die Kundenbetreuung zuständig. Hier sind andere Talente gefragt: Schicksalsgeschichten hören, nachfragen, aufmuntern, die ein oder andere Hand tröstend drücken. Heute hat sie mit älteren Leuten zu tun, die an Depressionen und unter Einsamkeit leiden.

Denen begegnet sie auch in der Bank, sie wüsste einige Kunden, denen so eine Gruppe gut tun würde.

Abwechslung für depressive Senioren

Die 22-Jährige hat einen Blechkuchen gebacken, schenkt drei Damen Kaffee nach und unterhält sich zwei Stunden mit den Anwesenden. Kein Schalter, der sie vom Menschen trennt. Berührungsängste hat sie dennoch nicht. "Ich glaube, die Menschen hier genießen es, wenn mal ein neues Gesicht kommt, und sich um sie kümmert", so die junge Frau.

"Ich esse sonst keinen Kuchen, aber der hier schmeckt mir", sagt eine Dame in der Runde und deutet auf den Selbstgebackenen mit Schokoüberzug. Ihr Mann sei vor seinem Tod ein großer Kuchengenießer gewesen. Sie habe viel für ihn gebacken. Jetzt mache sie das nicht mehr, sagt sie still und traurig.

"Wenn der Lebenspartner stirbt, ist es oft so, dass die Hinterbliebenen plötzlich bestimmte Dinge nicht mehr können", erklärt Irmgard Linz, Leiterin des Gerontopsychiatrischen Dienstes, die sich über das Engagement der Bank freut. "So eine Fürsorge ist ganz wohltuend im Alter", so Linz. Wer zur Frühstücksgruppe kommt, lebt meist noch in der eigenen Wohnung. Unterstützt durch den Gerontopsychiatrischen Dienst können die Menschen möglichst lange selbstständig bleiben. Viele haben Depressionen, angehende Demenz oder andere Erkrankungen. Wenn sie nicht selbst herkommen können, werden sie abgeholt. Viele finden so Halt in der Tagesstruktur, weil mal etwas los ist, sie sich austauschen können.

Ehrenamt statt Geldgeschäfte

Manche Senioren rufen sich auch einfach mal gegenseitig zu Hause an, um zu ratschen. Manche haben nur den Fernseher als Abwechslung und schauen kitschige Liebesserien - ihre einzige Freude.

Siegfried Hartmann kommt seit drei Jahren in die Gruppe, zusammen mit seiner Frau. Der 75-Jährige war depressiv und wurde im Bezirkskrankenhaus Gabersee medikamentös eingestellt. Durch die Gruppenbesuche nimmt er an der Gesellschaft teil, berichtet er der jungen Bankangestellten. Sie hört ihm aufmerksam zu, fragt, wie es ihm jetzt geht. Wenn es so bleibe, sei er zufrieden.

Drei ältere Damen stecken die Köpfe zusammen und erzählen vom gemeinsamen Ausflug im Sommer mit den Bankern auf die Fraueninsel. Den Bus hat die Filiale gesponsort.

"Wir waren im Wirtshaus und es hat geregnet, also sind wir alle mit dem Regenschirm spazieren gegangen", berichtet die 75-jährige Hildegard Obermaier. Es sei schön, wenn mal etwas passiere und man neue Leute treffe. Und die von der Bank seien total nett gewesen. Etwa Andreas Steiner, der seine Gitarre mit in den Bus nahm und für Unterhaltung sorgte.

"Die Senioren bestellten Liadl bei mir", erzählt der stellvertretende Abteilungsleiter, der mit den rund 35 Leuten eine "ziemliche Gaudi" hatte. Aus seinem Privatleben kennt er die Demenzproblematik nur zu gut. Den Betreffenden im Bus jedoch habe man die Erkrankung nicht angemerkt.

Mit dabei waren auch seine Kolleginnen Annelies Haider und Monika Höcker, die manche der Teilnehmer auch später zu Hause besuchten. "Diese Erfahrung brachte mir auch persönlich was", sagt Haider im Nachhinein, die mittlerweile auch schon ein paar Mal beim Frühstück dabei war. Nächste Woche ist ihre Chefin Sonja Punzmann dran mit Frühstückmachen.

Die ungewöhnliche Aktion läuft nun erstmal bis Ende des Jahres, wie es weiter geht, werde sich zeigen. Bei der Weihnachtsfeier des Gerontopsychiatrischen Dienstes am 10. Dezember im Haus der Kultur übergibt die HVB Waldkraiburg den Spendenscheck.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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