5 Jahre schuften und hoffen

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Fünf Jahre waren sie als Zwangsarbeiter in ukrainischen Kohlegruben: Katharina Müller, Franz Adam Christmann und Katharina Reiser (von links). Mit schwarzen Schutzanzügen und einer Lampe um den Hals fuhr Christmann (rechtes Foto/links) in die Grube ein.

Waldkraiburg - Es war der 14. Januar 1945, der sich unauslöschlich ins Gedächtnis von Franz Adam Christmann, Katharina Reiser (geb. Laubert) und Katharina Müller (geb. Kandler) eingebrannt hat.

Als Zwangsarbeiter mussten sie fünf Jahre in den Kohlegruben des Donbassgebietes rund um die ukrainische Stadt Donezk arbeiten. Die drei Waldkraiburger Bürger - 86, 87 und 85 Jahre alt - erinnern sich noch heute an diese "schreckliche Zeit".

An einem Sonntagmorgen wurden die Banater Schwaben vom rumänischen Militär aus ihren Häusern geholt. "Sie hatten genaue Listen dabei und haben uns ins Gemeindehaus gebracht", erinnert sich Katharina Müller. Dabei wurden gezielt Männer zwischen 16 und 45 Jahren, Frauen zwischen 18 und 30 Jahren ausgesucht. Keine Rücksicht wurde auf die Zurückgebliebenen genommen, auch wenn das Kinder waren, die elternlos blieben. Es gab unzählige Fälle, wo Kinder den Großeltern überlassen wurden oder von fremden Familien aufgenommen werden mussten.

Manche versuchten, sich zu verstecken. Doch ein paar Tage später kamen die Soldaten wieder und drohten, Eltern oder Verwandte als Geiseln zu verhaften, so dass sich viele "freiwillig" stellten.

In Viehwaggons wurden 40 bis 45 Personen unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengepfercht und in Richtung Osten transportiert. Die Waggons waren nicht isoliert, am Boden lag ein bisschen Stroh, die meisten hatten noch nicht mal ein Loch, um die Notdurft zu verrichten.

Zehn bis zwölf Tage waren sie in den Waggons unterwegs. "Hin und wieder wurde angehalten, damit wir Wasser holen konnten. Zu Essen gab es nichts. Da mussten wir das essen, was wir von zu Hause mitnehmen konnten", so Katharina Reiser. Gerade die Älteren waren von dem Transport so geschwächt, dass sie bereits krank in den Lagern im Donezkbecken ankamen. So starb Katharina Reisers Vater im März 1945. Wo er begraben wurde, weiß sie nicht. Die Verstorbenen wurden so lange "gesammelt", bis ein Lastwagen voll war und dann abtransportiert.

In den Lagern waren jeweils rund 1500 Zwangsarbeiter notdürftig untergebracht. Kurz nach der Ankunft ging es dann bereits in die Kohlengruben zum Arbeiten. "Im ersten Jahr mussten wir zwölf Stunden täglich arbeiten, danach wurde nur noch acht Stunden, dafür aber im Dreischichtbetrieb gearbeitet", sagt Franz Adam Christmann. Dabei mussten auch die Frauen in den Gruben die Kohle fördern. "Wir haben im Liegen werkeln müssen", so Katharina Müller. Einmal pro Woche hatten sie einen Tag frei. Frei bedeutete aber, dass dann so Dinge wie Stubendienst oder Lagerreinigung auf der Tagesordnung standen. Erst in den letzten Jahren durften sie die umzäunten Lager auch verlassen und sich relativ frei bewegen.

Für alle Grubenarbeiter gab es pro Tag 1,2 Kilogramm Brot, am Abend bekamen sie Suppe. Diejenigen, die nicht in der Grube arbeiteten, hatten kleinere Rationen. Bereits im September wurden die ersten Kranken wieder nach Hause verfrachtet. "Mit ihnen schickten wir Nachrichten an unsere Lieben", erinnert sich Katharina Reiser.

Sie und Katharina Müller haben auch die große Kälte noch sehr gut in Erinnerung. "Wir haben ständig gefroren." Dabei war es in den Kohlegruben nicht ganz so kalt, aber in den Wintern waren Temperaturen von minus 40 Grad keine Seltenheit. "In den Gruben haben wir geschwitzt, bis wir dann im Lager waren, waren wir eingefroren", so Müller. Aufgrund der mangelhaften Hygiene und der unzureichenden Ernährung waren Krankheiten an der Tagesordnung. So erinnern sich die beiden Frauen noch daran, dass es in ihrem Lager auch Typhus gegeben hatte.

Aus den Erzählungen der drei Betroffenen wird aber auch deutlich, dass die Zustände in den Lagern und die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wurde, stark von dem jeweiligen Lagerkommandanten abhingen. So erzählt Franz Adam Christmann davon, dass sie nach etwa zwei Jahren Zwangsarbeit für ihre Tätigkeit bezahlt worden waren. 420 Rubel wurden von Haus aus für Kost und Logis abgezogen, der Rest richtete sich danach, wie viel Kohle man gefördert hatte. Katharina Müller und Katharina Reiser hatten niemals Geld bekommen. So verdiente sich Katharina Müller in ihrer "Freizeit" etwas, weil sie bei einer Professorin putzte. Während Christmanns Lagerkommandant von Anfang an sagte, dass sie fünf Jahre hier arbeiten müssten, wurden die Damen immer wieder mit einem "bald" vertröstet und bei Laune gehalten. "Alleine die Hoffnung hielt uns am Leben", zitierte Katharina Müller den Titel eines Buches, das sich mit dem Alltag der Zwangsarbeiter auseinander setzt. Wenn jemand die Flucht versuchte und erwischt wurde, musste er fünf weitere Jahre Zwangsarbeit leisten.

Im Dezember 1949 war es dann aber tatsächlich soweit: Die Zwangsarbeiter aus dem Banat durften wieder in ihre Heimat zurückkehren. Wieder ging es mit Viehwaggons auf die lange Reise. Allerdings sei man dieses Mal mit wattierter Kleidung besser vorbereitet gewesen. An der Grenze zu Rumänien durften sie dann sogar in ganz normale Züge umsteigen. Rund 5000 der Zwangsarbeiter aus dem Banat haben diese fünf Jahre nicht überlebt.

Der Soziologe Georg Weber bewertet diese Ereignisse so, dass "Churchill und Roosevelt in Jalta einem Vorgehen zugestimmt hätten, das bis dahin nur dem Dritten Reich nachgewiesen werden konnte und das einige Monate später beim Nürnberger Gerichtshof als "Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit" geahndet werden sollte." hsc

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