Erdgas: Erste Haushalte vor Anschluss

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So sah es vor der Baumaßnahme aus: das Betriebsgebäude der Firma Baczkiewicz und der Weg, aus dem nach einem Beschluss des Bauausschusses die Prager Straße werden sollte.

Waldkraiburg - 1959, das ist das Jahr, in dem in Waldkraiburg das Erdgaszeitalter begann. Kaum eine Woche, in der die Zeitung nicht darüber berichtete, in der letzten Augustwoche unter der Schlagzeile: "Ende Oktober brennt Erdgas in den Haushaltungen."

Waldkraiburg und die Welt - Erdgas-Vorkommen in Ampfing, das ist die Energie, auf die die Gemeinde Waldkraiburg damals setzte. Die Prognosen sind bestens. Die Industriegemeinde hat einen enormen Bedarf an Brennmaterialien, deren Qualität für nahezu jeden Industriezweig anders beschaffen sein muss. "Das Erdgas wird seine Verwendbarkeit überall unter Beweis stellen und darüber hinaus einen wertvollen Beitrag zur Rationalisierung der Produktion leisten", heißt es in dem Bericht vor 50 Jahren. "Es wird den Dampfkessel genauso sicher versorgen wie den Schmelzofen."

Auch die Privathaushalte sollen profitieren. Schon im Oktober sollen in den ersten Haushaltungen die Gasherde in Betrieb genommen werden, so die optimistische Einschätzung, die sich auf den "reibungslosen und raschen Fortgang" der Verlegung der Erdgasarbeiten stützt.

Außeres Zeichen für diesen Fortschritt: Die von der Gemeinde mit dem Projekt beauftragte Aktiengesellschaft für Licht- und Kraftversorgung, Gasversorgung Waldkraiburg, Vorläufer der Erdgas Südbayern, kann von den provisorischen Büroräumen in die neuen Geschäftsräume in der Glashüttenstraße 10 umziehen.

Straßenbaumaßnahmen mit einem Gesamtkostenaufwand von 300000 Euro beschließt der Bauausschuss der Gemeinde: Unter anderem zählt dazu die Neuanlegung der Prager Straße vom Marktplatz bis zur Peter-Rosegger-Straße, mit einer neun Meter breiten Fahrbahn, beiderseits zwei Meter breiten Fußwegen und - einseitig - entlang des Grundstückes der Firma Baczkiewicz zwei Meter Grünstreifen.

Vertreter der Sudetendeutschen Landsmannschaft, des Schlesierverbandes und des Verbandes der Südostdeutschen schließen sich auf Ortsebene zum Bund der Vertriebenen zusammen und schaffen damit die Voraussetzung für die Bildung eines Kreisverbandes des Bundes der Vertriebenen.

Ein Unfall, "der allen Eltern und Erziehungsberechtigten eine ernste Mahnung sein muss", ereignet sich in der Kirchenstraße: In einem unbeaufsichtigten Moment stürzt ein eineinhalb Jahre altes Kind vom Balkon einer Wohnung zwölf Meter in die Tiefe und wird mit Knochenbrüchen und inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

In der Jahreshauptversammlung des rasch wachsenden Kleintierzuchtvereins B 80 Waldkraiburg wird ausführlich über die Voraussetzungen zur Haltung von Kleintieren berichtet. Der Vorsitzende berichtet von einer - erfolglosen - Aussprache mit der Führung der Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft "hinsichtlich der Kaninchenhaltung auf den Grundstücken" der Genossenschaft.

Für das A-Klassen-Auswärtsspiel des VfL Waldkraiburg bei der SpVgg wird "für die Schlachtenbummler ein Sonderomnibus" eingerichtet.

Rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres werben die Schreibwarengeschäfte im Landkreis mit einer großen Auswahl an Lehrmitteln, neben Heften, Malblöcken, Kugelschreibern und Füllern gehören 1959 dazu auch Tafeln, Griffelkästen, Schwämme, Federn und Tafellappen.

Erschreckende Nachricht: "Auf den Bauernhöfen lauert der Tod": Nicht weniger als 398 Landwirte starben 1958 in Bayern bei der Ausübung ihres Berufes. Diese Zahl ist rückläufig, stellt der Berichterstatter überrascht fest. Wegen der Technisierung der Landwirtschaft und der damit verbundenen Gefahren etwa durch Traktoren und Schlepper war eine Steigerung der tödlichen Unfälle befürchtet worden.

Jeder fünfte Haushalt lässt anschreiben

Auch die Kinderlähmung fordert ihre Opfer: Bis zum Sommer 1959 starben in Bayern 20 Menschen. Im Landkreis Mühldorf registrierte das Gesundheitsamt bereits acht Fälle, einer davon verlief tödlich.

Die Zeitung warnt vor den Gefahren des Herztodes. Die Häufung dieser Fälle "sind zum guten Teil Folgen unseres Lebens- und Arbeitstempos, unserer Technisierung, Mechanisierung und überspezialisierung...".

Auch das ist offensichtlich kein ganz neues Phänomen: die Verschuldung von Privathaushalten. Nicht weniger als 20 Prozent der Haushalte in der Republik lassen bei ihrem Lebensmittelhändler anschreiben. Die Außenstände der Kunden betragen im Durchschnitt allerdings vergleichsweise geringe Summen zwischen zehn und 25 Mark. Anfang der 50er-Jahre war der Anteil der Haushalte, die beim Kramer in der Kreide standen, noch höher, ist seitdem aber wegen der Einkommensverbesserungen stetig gesunken.

Neuheit aus Amerika: SB-Restaurants

Eine Neuheit aus den Vereinigten Staaten wird bei der Bundesfachschau für das Hotel- und Gaststättengewerbe ausgerechnet von einem französischen Unternehmen vorgestellt: Selbstbedienungsrestaurants!

Der Politikteil der Zeitung wird in diesen Tagen vom ersten Besuch eines befreundeten US-Präsidenten auf deutschem Boden bestimmt: Dwight D. Eisenhower wird in Bonn triumphal empfangen. Mehr als 30000 Menschen jubeln dem Politiker zu. Schwerpunkt der Gespräche mit Bundeskanzler Konrad Adenauer ist das Thema Abrüstung.

Wie halten es die Bundesbürger 1959 mit der Arbeit? 49 Prozent sehen ihre Arbeit als befriedigende Tätigkeit und Erfüllung einer Aufgabe an, 34 als notwendig, weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und wollen. Und 17 Prozent der Deutschen empfinden sie als schwere Last beziehungsweise notwendiges übel. So das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Sommer 1959. Wie diese Erhebung wohl heute ausginge?

hg/Mühldorfer Anzeiger

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