Aus Dornröschenschlaf erwacht

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Erinnerungen an eine schwierige Zeit: Antonie Schmidt (rechts), die die Erlebnisse ihrer Jugendzeit aufschrieb, als sie noch Antonie Hinterwimmer hieß und Wirtstochter von St. Erasmus war.

Waldkraiburg - "Was waren die Flüchtlinge und Vertriebenen für eine Bereicherung für uns!", sagt Antonie Schmidt. Die heute 85-Jährige erlebte diese Zeit, die die Welt und ihre nähere Heimat grundlegend veränderte.

Ihre Erinnerungen an die Jugendjahre von 1938 bis 1948 hat die Tochter des ersten Nachkriegsbürgermeisters von Fraham aufgeschrieben.

Die Schreie ihrer Nachbarin Anna Hufnagel, als diese die Nachricht vom Tod ihres 18-jährigen Sohnes erhielt, hört Antonie Schmidt heute noch. Willi Hufnagel, "mein Spiel-, Schul- und Jugendkamerad", starb im Sommer 1941 "beim Russlandfeldzug den Heldentod". So hieß das damals. Auch sein Bruder kam nicht aus dem Krieg zurück. "Wenn ich mir meine Enkelsöhne ansehe und an diese Zeit zurückdenke, da kann man unendlich glücklich sein, dass ein so schrecklicher Krieg den Menschen erspart bleibt."

Für ihre Enkelkinder hat die Waldkraiburgerin ihre Erinnerungen aufgeschrieben. "Ich finde es so wichtig, dass nachfolgende Generationen über die Vergangenheit Bescheid wissen." Gerade auch darüber, dass manches, was heute so selbstverständlich zu sein scheint, nicht selbstverständlich ist. "Ich wollte auch dokumentieren, was es für ein Glück ist, in die Schule gehen zu können."

Antonie hatte dieses Glück nicht. Nach der 7. Klasse musste sie daheim in der Gastwirtschaft eine Arbeitskraft ersetzen. Es war das letzte Friedensjahr 1938.

Erinnerungen an eine schwierige Zeit: Antonie Schmidt (rechts), die die Erlebnisse ihrer Jugendzeit aufschrieb, als sie noch Antonie Hinterwimmer hieß und Wirtstochter von St. Erasmus war.

Wenig später setzen ihre ersten Erinnerungen an das Rüstungswerk droben im Hart ein. Die ersten Arbeiter kommen ins elterliche Gasthaus zum Essen. Bald sickert durch, dass die "Schokoladenfabrik", wie Lästerzungen verbreiten, eine Pulverfabrik werden soll. Das rasch wachsende Gelände bleibt nicht zugängliche Tabu-Zone. "Nur zwei eiserne Kamine ragten aus den Waldwipfeln." Bei Fliegeralarm wurden die Kamine der hochmodernen Heizungskesselanlage, die mehrere Stockwerke in die Tiefe gebaut war, versenkt.

Antonie Schmidt schildert die entbehrungsreichen Kriegsjahre. Die Lebensmittel waren rationiert. Das Bier wurde immer dünner, am Ende "hatte es nur mehr einen Stammwürzgehalt von 2,5 Prozent". "Warme Winterschuhe, die uns vor der Kälte etwas geschützt hätten, kannten wir nicht."

Vom Versuch der Nazis, die Kreuze aus den Schulen zu beseitigen, und dem Entfernen der Kirchenglocken im Jahr 1942 zu Rüstungszwecken berichtet sie. Vom wachsenden Misstrauen zwischen verbohrten Nazis und der zunehmenden Zahl derjenigen, die nicht mehr an den Sieg glaubten. Der Wirt vom Bräustüberl in Jettenbach wird ins KZ Dachau gebracht. Ein geistig behinderter Mann, der als Kind Gehirnhautentzündung hatte, wird im Zuge des Euthanasieprogramms umgebracht. Das ganze Ausmaß der Judenverfolgung habe sie erst nach dem Krieg erfahren.

Die Fliegerangriffe auf Mühldorf am 19. März und auf das Rüstungsgelände am 11. April "werde ich nie vergessen". Bei der Sprengung der Brücken über den Inn und den Kanal kurz vor der Ankunft der amerikanischenTruppen "flogen die Steine bis zur heutigen Johann-Strauß-Straße hinauf".

"So paradox es klingt, die Feinde kamen als Befreier, die Menschen schöpften wieder Hoffnung." Die frühe Nachkriegszeit war aber eine Zeit der großen Entbehrungen. Sie bekommt von den Problemen auch deshalb sehr viel mit, weil ihr Vater im Juni 1945 von der Militärregierung zum kommissarischen Bürgermeister der Gemeinde Fraham bestellt wurde. Anton Hinterwimmer, bis 1960 mehrfach wiedergewählt, muss in dieser Zeit bei den Bauern die Ablieferungspflicht an Vieh und Getreide durchsetzen. Im Wirtshaus wird eine provisorische Kanzlei zur Entnazifizierung eingerichtet, bei der alle Deutschen über 18 in einem Fragebogen über ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus Auskunft geben müssen.

Für den Normalverbraucher gibt es "nur noch Hungerrationen. Der Schwarzmarkt blüht. Bei den Bauern häuften sich Orientteppiche und Schmuck", die die Städter für Lebensmittel eintauschten. "Das Fallobst war begehrt", erinnert sich die 85-Jährige. "Ich muss an diese Zeit denken, wenn heute das Obst an den Bäumen und am Boden verfault."

Die Jahre von 1938 bis 1948 waren nicht nur für Antonie Schmidt ein wichtiger Lebensabschnitt, sondern wegen der großen Veränderungen für ganz Deutschland und Europa. "Erasmus ist damals aus dem Dornröschenschlaf erwacht, weil so viele Menschen von auswärts kamen."

Zu den schwierigsten Aufgaben ihres Vaters zählte die Einquartierung der Vertriebenen. Die Einwohnerzahl von Fraham stieg dadurch von 550 auf 800. "Kein Haus wollte freiwillig eine Familie aufnehmen. (...) Sie konnten und wollten es nicht nachvollziehen, was es hieß, alles verloren zu haben."

Auf die junge Wirtstochter machten die Vertriebenen Eindruck. "Alles hatte man diesen genommen, aber nicht ihr handwerkliches Können, ihre Fähigkeiten, die sie nun in ihrer zweiten Heimat einbringen konnten." Unter ihnen war auch Hans Pöschmann aus Graslitz, der der jungen Frau erfolgreich den Hof macht. Im Dezember 1948 feiern sie Hochzeit. Kaum war die Beziehung bekannt geworden, begann für die Wirtstochter ein "Spießrutenlauf, der auch noch nach der Heirat andauerte". Im ganzen Dorf wird sie deshalb geschnitten. Auch der Vater redet nicht mehr mit ihr, wird sein Urteil später aber korrigieren.

Von ihm habe sie vielleicht geerbt, die Erinnerungen niederzuschreiben. Ihr Vater führte im Ersten Weltkrieg ein Kriegstagebuch und hielt auch seine Erfahrungen als Bürgermeister schriftlich fest.

Aus dem Gedächtnis hat sie ihre Jugendzeit nacherzählt. Andere Quellen habe sie dazu nicht benutzt.

Die Waldkraiburgerin wollte dadurch verhindern, dass es ihren Nachkommen so geht wie ihr selbst. "Erst wenn die Alten tot sind, kommen die Fragen." Sie ermuntert deshalb die Jungen zu fragen, wenn noch Zeit ist, und die Älteren zu erzählen und aufzuschreiben.

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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