"Die Mittelschicht bricht weg"

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"Um die Stammkundschaft tut es mir leid", sagt Norbert Fath. Mitte Juni gibt er sein Geschäft in der Berliner Straße nach 54 Jahren auf. Fath war eine Institution in Sachen Herrenmode in Waldkraiburg. Den Grundstein hatten die Eltern mit der Geschäftsgründung in der Graslitzer Straße (unten) gelegt.

Waldkraiburg - Viele Stammkunden wollten es nicht glauben, als die Geschäftsaufgabe bekannt wurde. Doch längst ist es nicht mehr zu übersehen: Räumungsverkauf bei Herrenmode Fath. Das Bekleidungsgeschäft wird in Kürze für immer schließen.

 Sein erster Anzug war natürlich von Fath. Wie Willi Engelmann, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Handel und Handwerk in Waldkraiburg, so geht es so manchem alteingesessenen Waldkraiburgern. Als Buben und Jugendliche wurden sie hier für Kommunion oder Firmung eingekleidet und blieben später dem Bekleidungsgeschäft treu. Mit großem Bedauern nahmen sie die Nachricht von der Geschäftsaufgabe auf.

Institution geht verloren

Mit Fath geht Waldkraiburg "eine Instituition" in Sachen Herrenmode verloren. "Das höre ich jetzt öfter", sagt Norbert Fath. "Um die Stammkunden tut es mir leid. Sie müssen sich neu orientieren." Am Entschluss, den Laden in der Berliner Straße aufzugeben, können die positiven Rückmeldungen natürlich nichts mehr ändern.

Mitte Juni werden 54 Jahre Geschäftsgeschichte zu Ende sein. Norbert Fath war vier Jahre alt, als seine Eltern Hans und Erika von Emertsham, wo sie nach der Vertreibung eine Bleibe gefunden hatten, nach Waldkraiburg kamen. In der Graslitzer-/Ecke Reichenberger Straße eröffneten sie ein Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft.

Über mangelndes Kundeninteresse mussten sich die Existenzgründer damals nicht beklagen. Die Pakete mit der Bekleidung, die Hans Fath in den 50er-Jahren mit dem Radl von der Post abholte, wurden sofort im Laden ausgepackt. "Die Leute haben schon auf die Ware gewartet", erinnert sich Sohn Norbert.

Wirtschaftswunder: großer Bedarf

Die 50er- und 60er-Jahre, das war die Zeit nach dem Krieg, die Zeit des Wirtschaftswunders. "Die Leute haben etwas gebraucht. Der Bedarf war groß."

1975 kehrte der Juniorchef, der seine Ausbildung bei Adelmayer in Rosenheim machte, in das Geschäft zurück, das sich nun in einem 350 Quadratmeter großen Laden im Zentrum befand und nur noch Herren anzog. "Für Männer ab 30 aufwärts waren wir immer eine gefragte Adresse." Auch aus dem Umland kam die Stammkundschaft von Fath, der den Betrieb Mitte der 80er-Jahre mit seiner Frau Margit übernahm.

54 Jahre im Textileinzelhadel. Fath hat viele Moden kommen und gehen sehen. "Früher war alles steifer. Schrille, bunte, mutige Farben gab es in den 70er-Jahren auch schon. Die Trends haben damals aber länger angehalten."

Nicht nur das hat sich geändert, sondern die Situation im Einzelhandel insgesamt. Die Kunden sparen, "am meisten an der Kleidung". Auf diesen Nenner bringt der Geschäftsinhaber seine Erfahrungen. Vor allem billig muss es sein.

Nachfolgeregelung keinen Sinn

Geschäfte mit sehr hochwertiger und hochpreisiger Ware seien von dieser Entwicklung weniger betroffen als das mittlere Preissegment, für das auch Fath immer stand. In dieser Entwicklung spiegelt sich nach seiner Meinung ein gesellschaftliches Phänomen wider: "Die Mittelschicht bricht weg."

"Aus diesem Grund gibt es kaum noch Herrenmodegeschäfte in kleinen Städten wie Waldkraiburg." Für eine Geschäftsübergabe an einen Nachfolger habe er deshalb überhaupt keine Chance gesehen. "Das tut sich keiner an."

Lieber nach vorne schauen

In wenigen Tagen wird der Waldkraiburger zum letzten Mal das Licht im Laden ausmachen. Dabei wird - wie er sagt - nicht das Gefühl der Wehmut bei ihm überwiegen. Norbert Fath schaut lieber auf den neuen Lebensabschnitt, freut sich auf mehr Zeit fürs Radeln oder fürs Malen. Zu tun gibt es für ihn und seine Frau auch dann noch eine Menge.

Das Wohnhaus in Waldkraiburg-Süd soll renoviert werden. Und für den Laden muss eine neue Nutzung gefunden, gegebenfalls ein Umbau organisiert werden. Wer auch immer einzieht, eine Lücke wird Herrenmode Fath mindestens bei den Stammkunden hinterlassen. hg

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