Burnout-Prozess als Unternehmerbremse

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Referent Dr. Matthias Braun sprach über die Stadien des Burnout und Präventionsstrategien.

Waldkraiburg - Im Rahmen eines Vortrags im Haus der Kultur ging Referent Dr. Matthias Braun auf die Kosten, den Verlauf und Strategien zur Bekämpfung des Burnout-Syndroms ein.

Dabei richtete er sein Hauptaugenmerk auf die Situation selbständiger Arbeitnehmer.

Auf Einladung des Bundes der Selbständigen sprach am Dienstagabend Matthias Braun, promovierter Jurist sowie Gründer und Coach der Vereinigung BurnoutWatchers, über den Burnout-Prozess als Unternehmerbremse. Vorgestellt wurde der Referent durch den Vorsitzenden des Gewerbeverbandes Waldkraiburg, Andreas Holzapfel.

Holzapfel betonte in seinen einführenden Worten, dass das Erscheinungsbild Burnout vor einigen Jahren noch als "amerikanische Erfindung" abgetan worden sei - obwohl es die ersten Studien bereits Mitte der 70er-Jahre gebe. Mittlerweile aber gelte Burnout als ernsthaftes Krankheitsbild, das von der Weltgesundheitsorganisation mit einer eigenen ICD-Nummer ausgestattet worden sei. (ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems"; Anm. d. Red.)

In der Tat hat sich die Sensibilität gegenüber dem Thema in den vergangenen Jahren auf Unternehmerseite deutlich gesteigert - nicht zuletzt deswegen, weil Arbeitsausfälle aufgrund von Burnout-Erscheinungen eine massive Kostenbelastung für Betriebe darstellen.

Mit diesem Gedanken begann auch Matthias Braun seinen Vortrag und stellte zunächst die Krankheitskosten in Folge von Ausfallerscheinungen durch Burnout dar. Ganze 28,7 Milliarden Euro habe das Burnout-Syndrom allein im Jahr 2009 in Deutschland verursacht. Und betroffen von dem Thema seien die allermeisten: "Burnout bedroht jeden zweiten Angestellten. Und dann kann man sich vorstellen, dass es eigentlich auch jeden Selbständigen betreffen muss."

Dabei sei Burnout keine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern ein Prozess. Das Gute daran sei, dass man in einen Prozess selber eingreifen könne.

Die Ursache für Burnout ist Dauerstress. An das Publikum richtete Braun die Frage, was denn Stress eigentlich sei. Nach einer Reihe stressauslösender Faktoren, die vom Publikum genannt wurden ("übervoller Zeitplan"), beschrieb Braun den Stress als ein "Anpassungssyndrom bei Gefahr und Flucht": "Das ist von Mutter Natur in uns hineinprogrammiert für Situationen, in denen man zum Beispiel einem Löwen begegnet", so der Referent. "In solchen Situationen entwickelt man übermenschliche Kräfte."

Das Problem der heutigen Zeit sei aber, dass man sich ein dauerhaftes "fight-or-flight"-Syndrom gönne: "Wir haben den Löwen durch die Autobahn und den Bären durch den Chef ersetzt."

Die Einstellungen, mit denen dem Stress begegnet werde, täten ihr Übriges: "Stress ist unvermeidlich", "Stress habe ich im Griff" oder "Nur wer Stress hat, ist wirklich wichtig" seien gängige Standard-Sätze, mit denen Betroffene das Problem wegzureden versuchten. Braun bemängelte die Praxis in manchen Unternehmerkreisen, sich Beta-Blocker auf den Schreibtisch zu stellen, "um wichtig zu wirken".

Anschließend beschrieb Braun die Stadien des Burnout nach den Psychologen Herbert Freudenberger und Gail North. Vom Zwang, sich zu beweisen, führe das Syndrom über die Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse bis zur Depression und zum "energetischen Totalzusammenbruch". Besonders problematisch sei hierbei auch die Umdeutung der eigenen Werte, welche die Betroffenen durchmachen: "Aus der Einstellung 'Ich arbeite, um zu leben' wird 'Ich lebe, um zu arbeiten', an die Stelle der Familie rückt das Bankkonto." Männer neigen in solchen Situationen zudem häufig dem Alkohol zu, Frauen nehmen eher Tabletten.

"Es ist erschreckend, mit welcher Leichtigkeit man heutzutage beim Arzt alles Mögliche verschrieben kriegt", führte Braun aus. Dem pflichtete ein Zuschauer bei, der in seiner 30-jährigen Praxis als Apotheker noch nie so viele Rezepte für Beruhigungsmittel gesehen habe wie seit etwa einem Jahr: "Das geht bei den Kindern mit Ritalin schon los."

Zur Bewältigung eines Burnouts in den Anfangsstadien stellte Braun die Konzepte des instrumentellen, des kognitiven und des regenerativen Stressmanagements vor. Von außen kommende Stressfaktoren (etwa durch den Beruf oder auch die Familie) müssten identifiziert und geändert oder beseitigt werden (instrumentell). 90 Prozent der Heilung hänge aber davon ab, seinen "Innenbereich" in Ordnung zu bringen (kognitiv), etwa indem man die ungesunden Bewältigungsstrategien bei Stress erkennt und situativ beseitigt. Dies könne man zum Beispiel dadurch erreichen, dass man sich "Steuersätze" für besonders stressige Situationen, etwa im Straßenverkehr, zurechtlegt ("Wenn auf der Autobahn jemand auf der linken Spur vor sich hinschleicht, dann atme ich tief aus, lege meine Lieblingsmusik ein und freue mich über die gute Musik."). Zudem lohne es sich, regenerative Techniken wie etwa Yoga zu erlernen.

In besonderem Maße seien Vorgesetzte in der Pflicht, gegenüber Erschöpfungsanzeichen bei ihren Mitarbeitern wachsam zu sein.

Nach dem Vortrag ging der Referent auf Publikumsfragen ein. Da fragte beispielsweise ein Teilnehmer nach dem Einfluss der Beschleuningung der Welt durch Computer und Internet. Braun stellte heraus, dass in einer sich verschnellernden Umgebung Eigenverantwortung immer wichtiger werde.

Als abschließende Worte richtete der Referent einen schlichten Appell an das Publikum: "Entspannen Sie sich! Und zwar nicht mit Bier, sondern indem sie bewusst etwas Entspannendes in ihren Ablauf integrieren. Die Benefits, die man daraus kriegt, sind gigantisch."

mlo/Waldkraiburger Nachrichten

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