Bereitschaftsdienst in der Kritik

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An Erfahrungen einer Bluthochdruckpatientin entzündete sich die aktuelle Diskussion über den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Neu ist die Diskussion nicht.

Waldkraiburg - Die medizinische Grundversorgung bewegt die Menschen auch in Waldkraiburg. Ein Thema, das zuletzt regelmäßig für Diskussionen sorgte, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst am Wochenende.

In der Bevölkerung wird immer wieder Kritik laut, weil Dienste häufig getauscht würden, wie es heißt, und sich ortsansässige Ärzte verstärkt von auswärtigen Kollegen vertreten lassen.

Der Fall einer 86-jährigen Patientin sorgte erst vor kurzem für Aufregung. Die Dame war an einem Samstag mit bedenklich hohem Blutdruck von 200/100 mmHg "leicht fleckig" in eine Apotheke gekommen, um Blutdrucktabletten zu holen. Die Mitarbeiterin schickte sie allerdings gleich zum Arzt, der an diesem Tag für den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung eingeteilt war. Weil sie dort vor verschlossenen Türen stand, kam die Patientin wieder. In der Praxis erreichte die Apothekerin nur den Anrufbeantworter, ehe sie unter der Nummer 01805/191212 in der Vermittlungszentrale der Kassenärztlichen Vereinigung Rat suchte. Dabei stellte sich heraus, dass der diensthabende Arzt, der sowohl in der Zeitung wie im Internet angegeben war, von einer auswärtigen Kollegin vertreten wurde. Diese Ärztin war am Vormittag nicht in der Praxis zu erreichen, weil sie auf Hausbesuchen unterwegs war. Verärgert war die Apothekerin vor allem deshalb, weil der Blutdruckpatientin bedeutet wurde, doch zwei Stunden später in die Praxis zu kommen, was sie als nicht angemessen ansieht.

Der Seniorin ist kein gesundheitlicher Schaden entstanden. Die Bereitschaftsdienstärztin nahm am Nachmittag mit ihr Kontakt auf und untersuchte sie zu Hause. Wie aus Protokollen hervorgeht, war die Medizinerin an diesem Tag bis zum späten Abend gefordert, wurde zu neun Hausbesuchen gerufen und untersuchte, beziehungsweise behandelte neun Patienten in der Praxis.

Das sei unglücklich gelaufen, sagen Dr. Andreas Redlich, Obmann der Bereitschaftsdienstgruppe Waldkraiburg, und Dr. Malik Engelmaier zu dem aktuellen Fall. Ein Arzt aus dem Medizinischem Versorgungszentrum (MVZ) der Doktores Engelmaier hatte den Dienst mit der auswärtigen Klinikärztin getauscht.

Aus Sicht Engelmaiers liegt der Fehler vor allem darin, dass von der Apotheke aus nicht sofort die KV-Vermittlung angerufen wurde. Über diese Leitstelle werde der Dienst koordiniert, so Engelmaier. Sinnvoll sei dies auch deshalb, weil alle Anrufe unter der 01805/191212 mitgeschnitten und dokumentiert werden. Schon vor mehreren Wochen war bei dieser Stelle die Dienstplanänderung gemeldet worden.

Doch weder die Heimatzeitung, die die Bereitschaftsdienste veröffentlicht, noch den Obmann der Bereitschaftsgrupe, der den Dienstplan ins Internet stellt, hatte diese Information erreicht. Nicht zum ersten Mal gab es aus diesem Grund Irritationen wegen einer Vertretung.

Redlich will alle Ärzte in der Bereitschaftsgruppe Waldkraiburg, zu der auch Aschau und Kraiburg gehören, noch einmal auffordern, Vertretungsdienste zuverlässig an ihn weiterzugeben.

Ebenso will der Obmann in Sachen Praxiszeiten mit den Kollegen das Gespräch suchen. Zwar müssen die Ärzte laut Bereitschaftsdienstordnung "ausreichend Praxiszeiten" anbieten. Was angemessen ist, ist aber nicht geregelt. Eine feste, für alle Ärzte geltende Praxiszeit ist nicht vorgegeben. So wie viele seiner Kollegen hält Redlich selbst Praxiszeiten von 10 bis 12 Uhr und 16 bis 18 Uhr vor.

Malik Engelmaier ist kein Befürworter der festen Sprechzeiten. Er verweist auf den fraglichen Samstag, an dem die Ärztin zwischen 10 und 12 Uhr allein bei fünf Hausbesuchen in Waldkraiburg Patienten behandelte, die ansonsten hätten warten müssen.

Dass Patienten den Bereitschaftsarzt nicht in der Praxis antreffen, weil er einen dringenden Hausbesuch macht, der keinen Aufschub duldet, lasse sich nicht verhindern, weiß auch Dr. Redlich. Er habe mit der festen Sprechzeit aber insgesamt gute Erfahrungen gemacht und den Eindruck, dass das auch die Patienten schätzen, so Redlich.

Der Obmann kann appellieren, empfehlen, dass möglichst viele Ärzte sich diesen Praxiszeiten anschließen. Dazu verpflichten kann er niemanden. "Es ist freie Entscheidung jedes Arztes, wie er das organisiert."

Für Bürgermeister Siegfried Klika ist eine einheitliche Praxiszeit nicht das einzige Problem im Zusammenhang mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst, dem in einer Stadt mit 24000 Einwohnern und ohne Krankenhaus naturgemäß eine große Bedeutung zukomme. Immer wieder werde er von Bürgern auf das Thema angesprochen, so Klika. Bürger bemängeln nach seinen Worten, dass oft kurzfristig getauscht werde, dass zu wenige der Waldkraiburger Ärzte Bereitschaftsdienst leisten und sich von auswärtigen, ortsunkundigen Kollegen vertreten lassen, die zum Teil in wechselnden Räumen praktizierten. Das sorge für Verunsicherung.

Ohne auswärtige Ärzte geht es nicht

In einem Fall soll ein externer Mediziner sogar in einem Appartement in einer Pension Sprechstunden abgehalten haben. Das wurde laut Dr. Redlich schon vor längerer Zeit abgestellt, sobald er davon erfahren habe. Jeder externe Kollege habe mittlerweile feste Praxisräume in der Stadt. Und mangelnde Ortskenntnisse "sollten im Zeitalter von sehr guten Navigationsgeräten kein Problem sein".

Der Anteil der Dienste, den auswärtige Ärzte übernehmen, halte sich in Grenzen, meint Redlich. Im Februar waren es nach seinen Informationen vier Vertretungen, davon drei am Wochenende.

Der Obmann der Bereitschaftsdienstgruppe, der rund 30 niedergelassene Ärzte und Fachärzte angehören, glaubt nicht, dass sich an dieser Situation etwas verändern kann, im Gegenteil: "Auf Dauer werden wir den Bereitschaftsdienst nur mit auswärtigen Ärzten aufrechterhalten können." Redlich verweist auf die Altersstruktur. Über zehn Ärzte sind bereits vom Dienst aufgrund von chronischen Erkrankungen entbunden oder weil sie die Altersgrenze erreicht haben. Die Dienstgruppe schmelze. In jüngster Zeit habe Waldkraiburg mit der Praxis Matejka und der Doppelpraxis Mühlfellner drei KV-Sitze verloren, Ärzte, die auch für den Bereitschaftsdienst nicht mehr zur Verfügung stehen. Immer schwieriger werde es aufgrund der Bedingungen im Gesundheitswesen, Nachfolger für eine Praxis zu finden.

Mancher Patient erinnert sich mit Wehmut an die Bereitschaftspraxis zurück, die Dr. Bernd Herfort vor einigen Jahren mit mehreren Kollegen zu etablieren versuchte, die aber letztendlich an administrativen Widerständen scheiterte. Eine Bereitschaftspraxis sei wegen der hohen Auflagen nur in Großstädten realisierbar.

Den Wunsch, wenigstens Praxiszeiten in einem festen Raum in der Stadt anzubieten, damit sich die Patienten besser zurecht finden, kann Redlich verstehen. Die Ärzte seien aber nicht bereit, in einen solchen Raum zu investieren. "Den müsste die Stadt zur Verfügung stellen."

hg/Waldkraiburger Nachrichten

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