Die Bedeutung der Zeit

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Momo (Melanie Schlesinger) berät sich mit der Schildkröte Kassiopeia (Katharina Schelles) und Meister Hora (Tanja Springer).

Waldkraiburg - Wer kennt es nicht, das kleine Mädchen Momo mit dem schwarzen Wuschelkopf, sei es aus Michael Endes Buch oder aus der bekannten Verfilmung?

In diesem Stück ist das Kernproblem die Bedeutung der Zeit, wie Konrektor Manfred Brodschelm vor der Aufführung durch die Schultheatergruppe der Realschule einführend betonte. Und diese Zeit haben sich die Schulspieler, vorwiegend der Unter- und Mittelstufe, unter der Regie von Sabine Groß reichlich genommen: Wie viel Zeit kostete es zum Beispiel, diesen 300 Seiten starken Jugendbuchklassiker mit 23 Darstellern auf die Bühne zu bringen? Wie viele Stunden gingen alleine für die Gestaltung des Bühnenbildes, die Anfertigung der Kostüme, für die technische Ausstattung verloren, wie viele freie Nachmittage für die Proben von "Momo"?

Überall, wo dieses bezaubernde Wesen auftaucht, kann es Harmonie herstellen, Freundlichkeit und Versöhnung verbreiten. Melanie Schlesinger strahlt einfühlsames Zuhören-Können ganz natürlich aus. Stationen ihres Einwirkens sind zum einen die Kinder, die alle Zeit der Welt haben, zum anderen die Erwachsenen, vom Friseur über den Maurer bis hin zum Wirtsehepaar. Im Kontrast dazu die Zeiträuber, die vier Grauen Herren, welche die Harmonie brechen und Stress und Hektik verbreiten. Eindrucksvoll ihre Auftritte bei bedrohlich-dumpfer Musik im Trockennebel, Starre und Kälte verbreitend. Diszipliniert und engagiert werden sie gespielt von Jennifer Montag, Lisa Weber, Vanessa Weichhart und Larissa Dietrichsbruckner. Gekonnt karikieren sie die rein wirtschaftlich denkende Unternehmergarde und die Rationalisierer, für die Zeit ausschließlich Geld bedeutet.

Sie haben offensichtlich in ihrem Tun Erfolg, denn die Menschen beginnen Zeit zu sparen: Die Eltern haben weniger Zeit für ihre Kinder, bieten technisches Spielzeug als Ersatz, ja stecken sie sogar in ein Depot, denn selbst Spielen ist verlorene Zeit; anfangs wehren die sich noch in einer imposanten Kinder-Demo - vergeblich. Selbst Beppo, der Straßenkehrer, lebensnah verkörpert von Aylin Beydemir, und Gigi, der Fremdenführer (Angelina Künzel), werden von der Zeitersparnis angesteckt. Das Leben wird steril: Der Friseur verpasst nur mehr lieblose Haarschnitte, die alten Herren werden aus der Gaststätte geworfen - wäre da nicht Meister Hora, den Tanja Springer als weisen, liebevollen Zeitverwalter erstehen lässt. Er will mit Hilfe Momos die Macht der Grauen Herren brechen. Dabei werden beide unterstützt von der langsamen, über allen Dingen stehenden Schildkröte Kassiopeia (Katharina Schelles). Als verhaltener Lacherfolg erweist sich Saba Caracani, die sprachlich exakt die Barbiepuppe Bibigirl imitiert. Auch der resolute Polizist, selbstsicher dargestellt von Lena Niederreiter, bringt heitere Züge in die ernste Handlung. Schließlich lässt Meister Hora die Zeit stillstehen, Momo knackt den Speicher der gefrorenen Zeitersparnisse mit ihrer Stundenlilie, die Grauen Herren versinken im Nebel, die alte gemütliche Zeit kehrt wieder ein.

Sehnsuchtvoll empfindet der Zuschauer, wie schön es wäre, die Zeit zu haben, die er ja eigentlich hat. Beinahe beängstigend wird dieses Problem der heutigen Gesellschaft beleuchtet. Die Theatergruppe zeigt in ihrem Spiel jedoch auch auf, dass man auf solch bezaubernde Wesen wie Momo tatsächlich immer wieder treffen kann.

Es ist das gelungene Zusammenspiel von treffend eingesetzter Musik, melancholisch- sanft oder tänzerisch- leicht, von faszinierenden Projektionen von Zahlen, Häusern, Straßen oder Blumen auf eine Gaze-Wand und dem munteren Spiel der Darsteller, das diese Aufführung so sehenswert macht.

Eine letzte Aufführung findet am heutigen Mittwoch um 19 Uhr in der Aula der Realschule (ehemaliges Stadttheater) statt.

fis/Waldkraiburger Nachrichten

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