Zurück zu den Wurzeln

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Waldkraiburg - Barbara Schulte-Rief räumt ihr Büro. Nach vier Jahren als Leiterin der städtischen Kulturabteilung ist die 33-jährige Rheinländerin den Verlockungen Unterföhrings erlegen.

Schon am 1. Oktober wird sie dort ihre neue Stelle als Kulturamtschefin und Leiterin des neuen Bürgerhauses antreten.

Oh ja, sie lässt manches in Waldkraiburg zurück, was sie vermissen wird: "Das Team, die gute Zusammenarbeit, ganz besonders mit den Fachbereichen Museum und Veranstaltungen"; auch das Publikum, das sie als "total wohlwollend und aufgeschlossen" erlebte, über dessen Rückmeldungen, positiven wie kritischen, sie sich am Morgen nach der Vorstellung freute; nicht zuletzt natürlich "das Haus". Das vielversprechende Haus der Kultur prägte vor vier Jahren ihren ersten Eindruck von Waldkraiburg. "Ich dachte mir, wenn es ein solches Haus gibt, dann kann man hier bleiben."

Vier Jahre ist sie geblieben. Zu den Höhepunkten dieser Zeit zählt sie die Kulturtage 2007 und 2009. "Sie waren eine Insel der Kreativität." Zur größten logistischen Herausforderung wurde zweifellos der Auftritt von Peter Maffay. "Das war wahnsinnig spannend."

"Vieles war im Kulturbereich möglich", sagt Schulte-Rief und setzt hinzu: Aufgrund der finanziellen Misere der Stadt wurden zuletzt Innovationen "aber auch arg gebremst". Die Kürzung im Kulturbudget und vor allem die vorangegangenen Diskussionen sieht sie als Tiefpunkt der Zeit in Waldkraiburg an. Gestört habe sie die Erwartung, dass finanzielle Gewinne herausspringen. Vermisst habe sie das Verständnis, welche Impulse Kulturarbeit auslösen kann. "Eine Kultureinrichtung kann kostendeckender arbeiten, kostendeckend aber nie."

Dem Ergebnis kann sie noch eine positive Seite abgewinnen: Mit den Budgetvorgaben könne die Kulturabteilung umgehen. Inhaltliche Eingriffe in das Programm seien ausgeblieben. Mit Ausnahme eines späteren Saisonbeginns habe man das Veranstaltungsprogramm fast halten können, auch deshalb weil viele Künstler und Agenturen aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Kulturamt "zu finanziellen Zugeständnissen bereit waren", die allerdings zeitlich begrenzt seien.

Während fast alle Kommunen wie Waldkraiburg die Etats herunterschrauben, investiert Unterföhrung verstärkt in die Kultur. Die finanzstarke 10000-Einwohner-Gemeinde vor den Toren Münchens hat ein neues Bürgerhaus mit Veranstaltungssaal für 700 Menschen, Mittelbühne, Ausstellungsbereich, Platz für die Musikschule und Gemeindebücherei gebaut. Schon jetzt stehen dort laut Schulte-Rief 40 Prozent mehr Mittel für Veranstaltungen zur Verfügung als in Waldkraiburg. Dabei soll das Kulturamt erst aufgebaut und der Veranstaltungsbereich ausgebaut werden.

"Natürlich ist das extrem verlockend", sagt sie. Allein ausschlaggebend war es nicht für den Wechsel. Auch private Gründe - ihr Mann lebt und arbeitet in München - haben eine Rolle gespielt. Besonders reizvoll sei, dass sie in Unterföhring wieder mehr inhaltlich arbeiten könne. In Waldkraiburg war ihre Tätigkeit bei insgesamt 49 Mitarbeitern der Kulturabteilung (davon 18 Musikschule und elf Bücherei) weitgehend von organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Aufgaben, der Koordination der Fachbereiche und Personalführung geprägt. An der künftigen Stelle wird sie nicht nur Strukturen für das neue Kulturamt entwickeln, auch die Programmgestaltung liegt in ihren Händen.

Die Theaterwissenschaftlerin, die nach dem Studium in München an den Theatern in Bonn und Göttingen arbeitete, freut sich darauf. Sie kehrt damit gewissermaßen "zurück zu den Wurzeln". Sie will ihre guten Kontakte zu Künstlerkreisen aus Studienzeiten nutzen, um gemeinsame Projekte zu entwickeln, etwa in der zeitgenössischen Tanzszene. Dieser Bereich sei im Umland von München, wo viele Kulturhäuser stehen, noch nicht besetzt.

Wachsende Konkurrenz unter Veranstaltern und Häusern, das kennt Barbara Schulte-Rief. In ihren vier Jahren in Waldkraiburg nahm das Kulturangebot in der Region noch einmal deutlich zu. Und: "Es wird immer schwieriger, die Leute zu mobilisieren." Waldkraiburg zehre von seinem treuen Stammpublikum. Doch die 33-Jährige fürchtet, dass sich das Abonnenten-System "völlig auflösen wird". Keiner wolle sich noch langfristig auf Termine festlegen. Die Veranstalter stehen vor großen Herausforderungen, müssen über neue Wege nachdenken bis hin, die Leute von daheim abzuholen.

Das Theater hat eine Zukunft, davon ist die scheidende Kulturamtsleiterin fest überzeugt. Theatersterben gab es schon immer, ausgestorben ist das Theater nie. "Der Live-Charakter wird die Leute immer faszinieren."

Ab 1. Oktober ist Schulte-Rief in Unterföhring. An einzelnen Tagen wird sie danach aber noch ins Haus der Kultur zurückkehren, um für eine geregelte Übergabe an die neue Kulturamtsleitung zu sorgen. Die Entscheidung über die Besetzung der Stelle wird im Hauptausschuss am Dienstag fallen.

Was sie der nachfolgenden Leitung wünscht? "Dass nicht mehr an der Finanzplanung für die nächsten vier Jahre gerüttelt wird. Dass es keine politischen Eingriffe in das Kulturprogramm gibt, sondern die inhaltliche Verantwortung in der Abteilung bleibt, und dass die Zusammenarbeit im Team so gut bleibt wie bisher."

hg/Mühldorfer Anzeiger

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