Auftakt für Klimaschutzfahrplan

Waldkraiburg - Mehr als 600.000 Tonnen CO2 werden jährlich im Kreis Mühldorf ausgestoßen. Bis 2050 soll eine Reduzierung auf 165.000 Tonnen gelingen.

Diesem Ziel hat sich der Landkreis mit dem Klimaschutzfahrplan verschrieben, der derzeit mit vier Kommunen, darunter Waldkraiburg, aufgestellt wird. Die Energiewende sei "eine große Herausforderung, aber auch eine Riesenchance", so Professor Wolfgang Seiler.

Klimaforscher Wolfgang Seiler.

In einem Vortrag in der Waldkraiburger Auftaktveranstaltung zum Klimaschutzfahrplan ließ der Klimaforscher keinen Zweifel daran, dass es zu einer Energiewende keine Alternative gibt. Dieser Weg koste zwar Geld, Seiler sprach von Kosten in Milliardenhöhe alleine im Landkreis Mühldorf. So weiter zu machen wie bisher, werde aber wesentlich teurer.

Bis 2050 sollen die CO2-Emissionen weltweit gegenüber 1990 um 50 Prozent reduziert sein, in den Industrienationen sogar um 90 Prozent. Bis 2020 will die Bundesregierung bereits ein Minus von 40 Prozent erreicht haben, um den Klimawandel zu bremsen.

Anzeichen dafür gebe es längst, etwa erste Tornados über Deutschland, wie Sturm Kyrill. Selbst wenn die CO²-Reduzierung greift, wird die Hälfte der Sommer bis 2100 heißer als der so genannte "Jahrhundertsommer" von 2003, besagen Prognosen.

Wirtschaftliche Schäden durch den Klimawandel sind das eine. Kosten- und Preissteigerungen bei begrenzten fossilen Energieträgern ein anderes Problem. Sie führen zu einer weiteren Erhöhung der Sozialkosten, zu sozialen Konflikten und machen politisch abhängig von instabilen Ländern. Mehr als hundert Milliarden Euro fließen laut Seiler jährlich für Energie ins Ausland. Ein Umstieg auf erneuerbare Energien halte diese Mittel im Inland.

Der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 verschärfe die Herausforderung der Energiewende weiter, so der Klimaforscher. Den Plan der Staatsregierung, die Energielücke in Bayern durch Erdgas-Großkraftwerke zu schließen, hält er für den falschen Weg, weil wieder massenhaft CO2 emittiert werde.

Nicht an den technischen Voraussetzungen für die CO2-neutrale Energieerzeugung fehlt es laut Seiler. "Es fehlt aber an der Vernetzung." Es brauche integrierte, ganzheitliche Ansätze auf lokaler Ebene, die zusammengeführt werden. Eben diesem Ziel verschreibt sich der Klimaschutzfahrplan.

Es brauche Systemlösungen, nicht Einzelmaßnahmen. Und es brauche neue, innovative Förderansätze, so Seiler weiter. Derzeit seien die Förderstrukturen viel zu unübersichtlich.

Noch immer werde Energie vergeudet, weil etwa ein Windkraftwerk den Strom nicht einspeisen kann, weil das Netz dafür nicht ausgelegt ist. In der Umwandlung von Strom in Methangas sieht der Referent die Technologie, um die Energie durch die ganze Republik transportieren und speichern zu können.

Der Professor sprach sich für genossenschaftliche Anlagen, etwa Bürger-Kraftwerke, aus, damit die Bürger vor Ort profitieren. Er ist für eine Stärkung aller regionalen Projekte, ob Wasser, Wind, Solarenergie oder Geothermie. Nur bei der Biomasse sieht er die Grenzen bereits als überschritten an. Und er spricht sich für die Stärkung der Stadtwerke und kleinen regionalen Versorger aus.

Der Umstieg auf erneuerbare Energien schaffe Wettbewerbsvorteile im zunehmenden Wettbewerb der Regionen, Landkreise und Kommunen, ist Seiler überzeugt. Auf diesem Wege werde die Wertschöpfung vor Ort erhöht, neue Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und der soziale Frieden gesichert.

Dass in einer Energiewende großes Potenzial für die heimische Wirtschaft, Handwerk und Baugewerbe steckt, deuten auch die Ergebnisse einer Bürgerbefragung im Landkreis an, die Ralf Stappen (SP Group Beratungsagentur für Nachhaltigkeit) vorstellte. Demnach planen 22 Prozent der Waldkraiburger Haushalte, die sich an der Umfrage beteiligten, energetische Modernisierungsmaßnahmen.

Jeder Fünfte davon gibt an, in den nächsten fünf Jahren dafür 10000 bis 25000 Euro auszugeben, die meisten rechnen mit Summen zwischen 500 und 10000 Euro. Vor allem die Dämmung von Dächern und Außenwänden, Fenster mit Dreifachverglasung und Fotovoltaikanlagen werden genannt. Etwa 90 Prozent der 1206 Landkreis-Bürger (darunter 271 Waldkraiburger), die sich an der Umfrage beteiligten, sehen vorbeugende Klimaschutzmaßnahmen als wichtig oder sehr wichtig an, so Stappen.

Claudia Wendland, Energieberaterin der Energieagentur Chiemau/Innsalzach, berichtete über ihre energetische Analyse ausgewählter städtischer Liegenschaften in Waldkraiburg. Die Ergebnisse sollen Grundlage für konkrete Projekte in einigen Jahren sein, um sich dem Ziel einer CO2-neutralen Energieversorgung anzunähern.

Rein rechnerisch wäre das im Landkreis möglich. Ein Energieverbrauch von gigantischen 2000 Gigawattstunden im Jahr wurden für den Landkreis errechnet, sagt Susanne Weigand vom Fachbereich Regionalentwicklung im Landratsamt. Das Einsparungspotenzial liege bei über 1000 Gigawattstunden, das regenerative Potenzial bei über 900 Gigawattstunden.

Es gehe darum, einen Beitrag zur Lebensqualität zukünftiger Generationen zu leisten, sagte Bürgermeister Siegfried Klika. Obwohl Waldkraiburg durch große energetische Sanierungsmaßnahmen und die Erschließung der geothermalen Energie bereits Zeichen gesetzt habe, mache die Stadt beim Klimaschutzfahrplan gemeinsame Sache mit dem Landkreis und den anderen Modellkommunen Haag, Schwindegg und Buchbach.

Neben einem Lenkungskreis auf Kreisebene gibt es örtliche Energie- und Klimaschutzteams, die mittel- und langfristige Projekte von der E-Mobilität bis zum Windrad diskut ieren und festlegen sowie Lösungs- und Förderstrategien erarbeiten. In Waldkraiburg koordiniert diese Arbeit die Stadtbau GmbH.

Neben deren Vorsitzenden Hermann Karosser und Bürgermeister Klika gehören dem Team die ehemaligen und aktiven Umweltreferenten des Stadtrates, Anton Sterr, Harald Jungbauer und Gerd Ruchlinski sowie Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Weigl und die Leiterin der Stadtentwicklungsabteilung im Rathaus, Angela Hartinger-Hirn, an. Ergebnisse sollen im Sommer im Stadtrat und im Herbst nächsten Jahres öffentlich präsentiert werden.

Mühldorfer Anzeiger

Rubriklistenbild: © dpa

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