Hoffen auf eine Zukunft ohne Krieg

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Kickern gehört mittlerweile zu Rawzat Farooqis (rechts) Hobbys. Der 18-jährige Afghane ist einer von 22 "unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen" die derzeit im Berufsbildungswerk Waldwinkel leben. Als er wegen des Krieges aus seiner Heimat über die Türkei nach Deutschland fliehen wollte, wurde er von seinen Angehörigen getrennt. Er weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Der junge Mann ist kürzlich volljährig geworden und hofft auf einen positiven Bescheid seines Asylantrags. Unser Bild zeigt ihn zusammen mit dem "umF"-Leiter Bernhard Dietzel (Zweiter von rechts) und Heilerziehungspfleger Philipp Schoberth (Zweiter von links).

Aschau - Rawzat Farooqis weiß nicht, was aus seiner Familie geworden ist. In seiner Heimat Afghanistan herrscht Krieg. Die Geschichte eines Asylbewerbers (18):

Zusammen mit seiner Familie wollte er nach Deutschland fliehen; die Gruppe wurde auseinandergerissen. Nun lebt der 18-jährige Asylbewerber im Berufsbildungswerk Waldwinkel und hofft mit 21 weiteren jungen Flüchtlingen auf eine Zukunft.

Als die 22 jugendlichen Flüchtlinge im Berufsbildungswerk Waldwinkel ankamen, hatten sie eine Odyssee hinter sich. Die 16- bis 18-Jährigen sind traumatisiert von ihren Erlebnissen. Manche haben Familienangehörige durch Unruhen, Kriege oder auch Naturkatastrophen verloren, wurden von Schleusern aus ihrem Heimatland gebracht, kamen in Gemüselastern hier an oder erlitten auf Flüchtlingsbooten Schiffbruch.

14 von ihnen kommen aus Afghanistan und dem Iran, zwei aus Somalia, zwei stammen aus Nigeria, einer aus Kamerun, einer aus Uganda, einer aus Sierra Leone und einer aus Guinea Bissau. "Oft stehen riesige Familiendramen im Hintergrund", sagt Pater Stiegler, stellvertretender Einrichtungsleiter im BBW. Gerade in Afrika wollen die Eltern oft ihre Kinder via Schleuser aus dem Land bringen lassen, um sie vor dem sinnlosen und meist tödlichen Dienst an der Waffe für eine der Bürgerkriegsparteien zu bewahren, so der Salesianer. Es werden Fluchtgelder bezahlt. Schafften es die Kinder nach Europa, stünden sie unter großem Druck, ihre Familien in der Heimat finanziell zu unterstützen.

In Waldwinkel arbeitet ein Psychologe mit ihnen wegen posttraumatischer Belastungsstörungen, drei werden in Haidhausen therapeutisch begleitet.

In Deutschland werden sie als "umF", unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge, bezeichnet. Häufig werden "umF" auf der Autobahn, an Bahnhöfen oder am Flughafen ohne Papiere von der Bundespolizei aufgegriffen und kommen zum sogenannten Clearing nach München in die Bayernkaserne. Das Clearing übernehmen etwa die Salesianer Don Boscos. Dabei werden die jungen Leute versorgt, ihre Situation und die Perspektiven sind zu klären; es gibt eine sozialpädagogische Diagnostik und anschließend eine Unterstützung und Begleitung im Rahmen des Asylverfahrens.

Das Stadtjugendamt München suchte eine Einrichtung, die sich der jungen Männer annahm und fand im Berufsbildungswerk Waldwinkel den passenden Partner, weil der Unterricht und die Berufsausbildung Perspektiven bieten. 14 von ihnen haben amtlich bestellte Vormunde in Mühldorf, zwei, die volljährig sind, haben keinen und sechs Vormundschaften liegen in München.

Die Leitung der beiden umF-Wohngruppen, die es nun in Waldwinkel gibt, hat Bernhard Dietzel, früherer Wohnbereichsleiter, inne. Die behördliche Arbeit sei sehr zeitintensiv, wie er erklärt. Bei den Entscheidungen seien verschiedene Ämter und Personen beteiligt, etwa die Jugendämter in München und Mühldorf, die Ausländerbehörde und das Einwohnermeldeamt. Dolmetscher werden eingesetzt.

In Waldwinkel lernen die Flüchtlinge Deutsch in der BVJ-Kooperationsklasse. Die Lehrer von der Berufschule I in Mühldorf kommen ins BBW. Deutsch zu lernen ist schwer, "aber wenn die was erreichen wollen oder mit Mädchen flirten wollen, können sie sich schon ausdrücken", schmunzelt Pater Stiegler.

Die Bildungsvoraussetzungen bei den 22 seien sehr unterschiedlich; manche hätten eine achtjährige Schulzeit hinter sich, andere nur zwei Jahre. Bei manchen weiß man nicht, ob sie nur auf der Koranschule waren. Dietzel und Pater Stiegler schätzen, die 22 "umF" entstammen der Mittelschicht. Sie zeigen Manieren, haben Kultur. "Die Ärmeren schaffen es erst gar nicht hierher", glaubt Pater Stiegler.

Bernhard Dietzel spricht von einem "bunten Haufen", der an ein normales Internatsleben gewöhnt wird, mit Müll-, Spül- und Bettwäschedienst. Auch wenn sie nicht alle die gleiche Sprache sprechen, so haben sie eine große Gemeinsamkeit: die Vorliebe für Sport. Fußball und Kraftraum verbindet alle.

Sie haben in Waldwinkel die Möglichkeit, die deutsche Kultur kennenzulernen, sollen sich wohlfühlen, Freundschaften aufbauen und sich in einen Beruf einfinden.

Ein geregelter Alltag mit einem gemeinsamen Frühstück und den anschließenden Berufspraktika gibt ihnen eine Struktur. Sie können verschiedene Berufe ausprobieren und ihre Möglichkeiten ausloten. Die Jobs im Don-Bosco-Hotel seien laut Pater Stiegler sehr gefragt. "Die Jungs tragen ihre Dienstkleidung mit Stolz."

Heiß begehrt sind in den Wohngruppen die Intenet- zeiten. "Wer noch Familie hat, versucht sie via Internet oder per Handy zu erreichen", berichtet Dietzel. Schwierig wird es, wenn einer von ihnen einen Handyvertrag möchte, der Vormund aber dagegen ist.

Das ist nicht das einzige, was für Probleme sorgt. Schwierig sei auch das Asylrecht; für alle 22 laufen Asylanträge, sie dürfen also nicht straffällig werden, sagt ihr Gruppenleiter. Die Anträge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bearbeitet. Bei der Anhörung werden die jungen Männern in Begleitung ihres Vormundes und eines Dolmetschers zu ihrer Lebensgeschichte, ihrer Familie und der Flucht befragt. Die Entscheidung, ob der Jugendliche Asyl bekommt, zeichnet seinen weiteren Weg vor. "Wenn einer politisch verfolgt wurde oder es etwa humanitäre Gründe gibt, wird eine Abschiebung zum Schutz des jungen Menschen erst einmal ausgesetzt", so Pater Stiegler.

Gemäß dem Dubliner Übereinkommen werden die Flüchtlinge gefragt, in welchem Land sie die EU erstmals betreten haben und dorthin ausgeliefert. "Hat einer einen festen Ausbildungsplatz, ist das immer ein gutes Argument gegen eine Abschiebung", erklärt Dietzel, der von einer Ohnmachtserfahrung seitens der Betreuer spricht. "Wir stecken Liebe und Engagement rein, dennoch ist die Zukunft unserer Schützlinge ungewiss - wie in allen Flüchtlingseinrichtungen."

Und die Akzeptanz in der Bevölkerung? "Die Aschauer haben Vertrauen in uns, die tragen das mit. Wir hatten schon immer schwierige Jugendliche", sagt Pater Stiegler. Und mittlerweile kennt man sie, sie arbeiten im Don-Bosco-Markt mit oder sind etwa im SV Aschau integriert.

kla/Waldkraiburger Nachrichten

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