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Bayern-Chemie stößt in neue Märkte vor

Wie ein neuer Raketenantrieb aus Aschau einen Beitrag zum Kampf gegen Krebs leisten könnte

Mit „Red Kite“ geht für Martin Vetter (links) und Raphael Esterl ein Kindheitstraum in Erfüllung: Mitarbeit bei einem Weltraumprojekt. Die ersten Tests am neuen Stahlmantel waren erfolgreich.
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Mit „Red Kite“ geht für Martin Vetter (links) und Raphael Esterl ein Kindheitstraum in Erfüllung: Mitarbeit bei einem Weltraumprojekt. Die ersten Tests am neuen Stahlmantel waren erfolgreich.

Mit „Red Kite“ entwickelt die Bayern-Chemie derzeit in Aschau am Inn einen neuen Motor für Forschungsraketen. Das stellt das Unternehmen vor ganz besonderen Herausforderungen, verspricht neue Märkte und für uns einen Beitrag zum Kampf gegen den Krebs.

Aschau am Inn – Der Raketenantrieb „Red Kite“, den die Bayern-Chemie derzeit im Schatten der Bäume von Aschau-Werk entwickelt, ist etwas Besonderes: Für Martin Vetter (62) geht damit am Ende seines Arbeitslebens und für Raphael Esterl (33) gleich zu Beginn seines Arbeitslebens ein Kindheitstraum in Erfüllung: Raketenwissenschaftler.

Für die Bayern-Chemie ist er ein Vorstoß in neue Märkte und er könnte Aschaus Beitrag zur Kampf gegen den Krebs sein.

Erste zivile Rakete seit 20 Jahren

„Red Kite“ ist ein neuer Treibsatz für Forschungsraketen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). 20 Jahre nach dem Ende der englischen Skylark ist das der erste zivile Feststoff-Raketenmotor aus europäischer Hand.

Mit „Red Kite“ sollen bis zu 400 Kilogramm schwere Kapseln bis zu 260 Kilometer hoch ins Weltall geschossen werden. In den Kapseln befinden sich Versuche, die in der Schwerelosigkeit automatisch ablaufen. Nach einer Viertelstunde sinkt die Kapsel zur Erde und landet nördlich des Polarkreises wieder in Schweden.

Das ermöglicht schneller, flexibler und vor allem wesentlich günstiger Material- und Strukturtests, Atmosphärenforschung sowie medizinische Tests – etwa zum Bauchspeicheldrüsenkrebs, so Dr. Wolfgang Rieck, Geschäftsführer der Bayern-Chemie. „Im Vergleich zur Internationalen Raumstation dazu sind das wohl Spottpreise.“

Bayern-Chemie liefert maßgeschneiderten Motor made in Germany

Unbemannte Forschungsraketen sind nicht neu. Die DLR kaufte bisher vorhandene Antriebe auf dem Weltmarkt. Das war Flickwerk. Zudem hatte der brasilianische Zulieferer zuletzt massive Qualitätsprobleme, vor allem mit den Düsen. „Die werden in kürzester Zeit 3000 Grad heiß und müssen das 15 Sekunden aushalten“, so Projektmitarbeiter Raphael Esterl.

Daher kamen die Aschauer ins Spiel. Sie bauen seit 50 Jahren Raketenmotoren – unter anderem für die Luftabwehrrakete Patriot und die Luftrakete Meteor.

Als die Aschauer zusagten, innerhalb von drei Jahren für das gleiche Geld in besserer Qualität einen maßgeschneiderten Motor inklusive Treibsatz und Düse zu entwickeln, schlug die DLR 2019 ein. Die Arbeit und die Probleme begannen.

Eine Herausforderung war, so Projektleiter Vetter, die Lieferkette: Herkunft und Preise der Rohstoffe, Sitz der Zulieferer. Vetter: „Wir bekommen jetzt alles, was geht, aus Europa.“

Schauen, ob Türen breit und Hallen hoch genug sind

Ein weiteres Problem waren die ungewohnten Dimensionen. Mit einem Durchmesser von einem halben Meter und einer Länge von 3,5 Meter ist der „Red Kite“ wesentlich größer als die militärischen. In Aschau dürfen auf den Prüfstand Treibsätze mit maximal 500 Kilogramm. Bisher reichte das leicht; „Red Kite“ hat aber 900 Kilogramm Treibstoff.

„Wir mussten erst einmal schauen, ob unsere Türen breit genug und die Hallen hoch genug sind“, so Rieck. Der Treibstoff wird nämlich senkrecht eingefüllt. „Da haben wir bis zur Decke nur noch einen Meter Luft“, so Vetter. Auch die Werkzeuge und Hilfsmittel mussten neu konstruiert werden.

Die dreieinhalb Meter lange Röhre wird später mit 900 Kilogramm Treibstoff gefüllt.

Eine weitere Herausforderung: die Außenhülle für die „Frischling“ Raphael Esterl verantwortlich war. „Ich wurde an meinem zweiten Arbeitstag auf dem Gang abgefangen und ins Büro gebeten“, so Esterl. Eigentlich sollte der Materialexperte Schadensfälle bearbeiten; nach einer halben Stunde durfte er einen neuen Stahl entwickeln. „Er sollte schweißbar sein und auf drei Meter weniger als einen Millimeter fluchten.“ Eine spannende, intensive Aufgabe. „Mei, ich wollte halt eine saubere Lösung.“

Hinzu kamen Corona und der Ukraine-Krieg. „Manchmal hat man das Gefühl, es gibt auf dem Weltmarkt keinen Stahl und keine O-Ringe mehr“, so Vetter. Lieferschwierigkeiten und Preissteigerungen sind bei allen Teilen und Rohstoffen ein Thema.

„Jetzt kommt es zum Schwur“

Trotz aller Probleme: Die Aschauer haben die Zeit- und Kostengrenzen eingehalten. Die ersten Materialtests waren erfolgreich. „Jetzt kommt es zum Schwur“, so Geschäftsführer Rieck. Bis zum Jahresende beugt sich die DLR über die Pläne, im Frühjahr kommt „Red Kite“ in Schweden auf den horizontalen Prüfstand. „Wenn der erfolgreich ist, stellen wir das Ding senkrecht“, freut sich Rieck. Zeitplan: Mitte 2023.

Dr. Wolfgang Rieck, Geschäftsführer Bayern-Chemie, freut sich auf neue Märkte.

Bayern-Chemie-Chef Rieck denkt schon weiter: Zum einen möchte die DLR über drei Jahre insgesamt mindestens 30 Raketen kaufen, zum anderen ist ein Export im Gespräch. Zum dritten eröffnen sich neue Einsatzgebiete: etwa der mobile Abschuss von Satelliten oder eine neue Generation von Hyperschallraketen. Bayern-Chemie-Chef Rieck: „Wir stoßen damit in ganz neue Klassen und Märkte vor.“

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