Guido N.: "Ich hatte keine andere Wahl"

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Guido N.s Aussage zu den ihm vorgeworfenen Taten war umfangreich.

Leipzig/Groitzsch/Kraiburg - Guido N. erzählte viel und lang: Seine Aussage zu den ihm vorgeworfenen Taten vor der Strafkammer des Landgerichts Leipzig war umfangreich.

Zweieinhalb Stunden redete Guido N. Eine Dreiviertelstunde jammerte er über jeden einzelnen Schaden an den in Groitzsch untergestellten Fahrzeugen. In dem Verfahren ist dem Kaufmann aus Bayern bitter aufgestoßen, dass sein Eigentum "als ein Haufen Schrott" bezeichnet wurde. Den durch Schrottdiebe verursachten Schaden, schätzte er selbst auf 21.000 Euro. Seine Bestürzung über die "sinnlose Gewalt" war unüberhörbar.

Dann richtete sich der 41-Jährige an den Sachverständigen, der seine volle Schuldfähigkeit festgestellt hatte. Dass er sich gegenüber dem psychiatrischen Gutachter, Professor Norbert Leygraf nur bedingt offenbart hatte, entschuldigte N. auf skurrile Weise: "Ich hatte Angst davor, von der wissenschaftlichen Koryphäe, als die mir Professor Leygraf angekündigt wurde, wegen Schizophrenie in die Psychiatrie eingewiesen zu werden." Eine Schizophrenie hatte Leygraf ausgeschlossen.

Sein Vortrag wurde mehrfach unterbrochen, als der Angeklagte während seiner Erzählungen zu den Tatnächten immer wieder in Heulkrämpfe ausbrach. Eine Träne vergoss er dabei nicht. Zu den Taten selbst erklärte er, dass er von Tino L. im April 2009 angegriffen worden sei und ihm angedroht hätte zu schießen. "Als er nach einem Warnschuss nur höhnisch - ja höhnisch lachte und rief ,Mutti, Mutti - der schießt' und mich abermals traktierte, schoss ich wieder." Die beiden Opfer der Todesnacht im August 2010 will er nicht gesehen haben. Dafür sah er "übergroße weiße Mäuse und graue Gestalten an den Wänden. Das kam oft vor." Dieses Phänomen war auch "das einzig Neue" für den Sachverständigen Leygraf, das er so kommentierte: "Dass man weiße Mäuse sieht, deutet auf eine organische Psychose hin. Diese psychiatrische Symptomatik, die der Angeklagte da konstruiert, steht allerdings in keinem Zusammenhang mit dem geschilderten Tatgeschehen."

In Kampfsportlermanier hätte das Opfer dem schlacksigen Bayern Schläge und Tritte verpasst. "Ich hatte keine Wahl. Ich musste doch mein Leben schützen", schluchzte er. Dass Tino L. an den Schussverletzungen gestorben ist, habe er "irgendwann aus einer Fernsehsendung erfahren".

Knapp anderthalb Jahre später kehrte er nach Groitzsch zurück. "Ich parkte das Auto. Habe den Revolver geladen - wie immer. Ich wollte den Kranausleger reparieren und ging in die Halle. Da sah ich die aufgebrochene Tür und dass mehrere Metallteile zum Abtransport zurechtgelegt waren. Ich bekam wieder Angst und dachte, dass mich jemand erschlagen würde." Irgendwann "erschien dann plötzlich eine Gestalt" in der Lagerhalle. Als das Opfer auf die Warnungen des Schusswaffengebrauchs angeblich nicht reagierte, schoss N. "ins Dunkel". Auch als er mit einem Baugerüstfuß auf Patrick B. einschlug, will er nicht gesehen haben, worauf er schlägt. Rechtsmediziner Vladimir Wenzel sagte: "Es waren gezielte Schläge auf Kopf und Gesicht." Denis H. hätte ihn - nachdem er bereits Schussverletzungen erlitten hatte - "von hinten umklammert. Da wollte ich mich befreien und habe mit dem Revolvergriff zugeschlagen."

Erinnerungen an das, was danach bis zur Festnahme in Kraiburg passierte, hatte er nicht mehr. Erinnerungslücken traten auch auf, als N. gestern von Staatsanwaltschaft und Sachverständigen zu seinen Ausführungen befragt wurde. Wie viele Schüsse er abgegeben hat? Warum er Verletzungen an sich nicht dokumentiert hat? Wie schnell er geschossen hat? N. konnte kaum eine Frage beantworten. Außer, dass er nie wieder "in diesen fürchterlichen Ort zurückkehren" will. Und dass er nie wieder eine Waffe führen will - außer vielleicht bei der Sauenjagd. "Die einzige Schuld, die ich trage, ist die, dass ich Groitzsch gekauft habe. Ich hätte nie gedacht, dass es solche Orte gibt, wo Vandalismus und Gewalt so präsent sind", so N.s (frei nach Goethe) Drama letzter Teil.

Thomas Lieb (Mühldorfer Anzeiger)

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