Vom alten Reichsdorf in die junge Stadt

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Freuen sich auf ihre neue Aufgabe in Waldkraiburg: das Pfarrerehepaar Gerhild und Christian Peiser vor dem Glockenturm der Bunkerkirche.

Waldkraiburg - Ein stolzes ehemaliges Reichsdorf in Franken, traditionell geprägt von einem starken evangelischen Selbstbewusstsein. Das ist Sennfeld.

Acht Jahre arbeiteten Gerhild und Christian Peiser dort als Pfarrer.

Waldkraiburg ist anders, nicht nur weil es im katholischen Oberbayern liegt. Das wissen die Peisers, die nun die erste Pfarrstelle der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in der Stadt übernehmen.

Am 1. September standen die Umzugswagen am Martin-Luther-Platz. Seitdem ist Familie Peiser dabei, sich im Pfarrhaus einzurichten. So gut es geht. Denn das Gebäude ist Baustelle, die energetische Rundum-Sanierung steht vor dem Abschluss, noch wird an der Fassade gearbeitet. Und Christian Peiser hatte kaum Zeit, beim Einzug mitzuhelfen. Der Pfarrer muss bis Ende der Woche in seiner ehemaligen Gemeinde in Nordbayern Vertretungsaufgaben übernehmen. Aus diesem Grund war, von einem kleinen Empfang durch Kirchenvorstand und Mitarbeiter abgesehen, bislang nicht viel Gelegenheit, Gemeinde, Stadt und Menschen kennenzulernen. Völliges Neuland betreten die beiden 44-jährigen evangelischen Theologen in Waldkraiburg allerdings nicht. Sie kennen die Region, hatten schon Kontakte mit der Kirchengemeinde Waldkraiburg. Das war in den 90er-Jahren, als sie auf ihrer ersten Pfarrerstelle in Traunreut arbeiteten, einer Vertriebenenstadt mit ähnlicher Geschichte, Struktur und Entwicklung. Sie haben dort „eine große Offenheit der Menschen erlebt. Viele haben nach dem Krieg beim Nullpunkt angefangen. Viele Dinge sind nicht eingefahren. Da kann Neues entstehen.“ Gerhild und Christian Peiser, die am Sonntag, 18. Oktober, offiziell in ihr Amt eingeführt werden, freuen sich darauf, gemeinsam mit den evangelischen Christen in Waldkraiburg Gemeinde zu entwickeln, Neues aufzubauen, Bestehendes fortzuführen.

Ein „Jahr des Sondierens“ werde wohl nötig sein, um zu sehen, was hier wichtig ist, wo es Lücken gibt. „Das wissen die Menschen in der Kirchengemeinde am besten“, sagt Gerhild Peiser. Und ihr Mann ergänzt im Blick auf die laufende externe Beratung der Gemeinde, bei der es um Stärken, Schwächen und Potenziale geht: „Wir springen auf einen fahrenden Zug.“ Die Gemeinde sei gut aufgestellt. Mit der Ankunft des Pfarrerehepaars sind jetzt auch wieder – nach mehr als einem halben Jahr Vakanz seit dem Abschied von Hanna Wirth – beide Pfarrstellen besetzt. Lars Schmidt-Lanzerath, der in der Übergangszeit vertretungsweise auch die Pfarramtsführung übernahm, ist auf der zweiten Pfarrerstelle für Waldkraiburg-Süd und benachbarte Gemeinden zuständig, das Pfarrerehepaar Peiser teilt sich die erste Pfarrstelle, ist zuständig für Waldkraiburg-Nord und Aschau und die Pfarramtsführung. Die Aufgaben sind klar verteilt. Er leitet Pfarramt und Gremien, hat Stimmrecht und vertritt die Gemeinde nach außen. Sie arbeitet „gerne in der zweiten Reihe“. Zu ihren Aufgabenschwerpunkten gehören Gottesdienste, Besuche, Kasualien wie Taufe, Trauungen, Beerdigungen, Religionsunterricht in der Realschule.

„Wir sind glückliche Stellenteiler. Wir profitieren von dieser Regelung. Wir können uns gut absprechen“, sagt sie. Ihre Zusammenarbeit ist seit 14 Jahren erprobt. Beide haben das Gefühl, auf diese Weise ihre Stärken gut zur Geltung bringen zu können. „Er kann gut mit Menschen umgehen, vor allem in schwierigen Situationen und Krisen. Er ist super organisiert, arbeitet sehr effektiv“, sagt sie über ihn und ergänzt: „Er vergisst nichts.“ Er über sie: „Meine Frau kann gut motivieren für Projekte und den Einsatz in der Kirchengemeinde. Und sie hat große Stärken in der Verkündigung.“ Ein großes Anliegen ist den Pfarrersleuten die feierliche Gestaltung der Gottesdienste, die sie als zentrales Element im Gemeindeleben ansehen. Auch für Sondergottesdienste wie es sie in Waldkraiburg mit den Hauskreis-Gottesdiensten, dem Gottesdienst in besonderer Form oder dem Taizégebet bereits gibt, sind sie offen. Wer wie Christian Peiser in Kempten geboren ist, kennt die Diaspora-Situation. In ihrer Tätigkeit als Seelsorger machten die neuen Pfarrer ganz unterschiedliche Erfahrungen in Sachen Ökumene, erlebten Vorbehalte und Widerstände auf beiden Seiten, aber – zuletzt in Sennfeld – einen katholischen Pfarrer mit „einer großen ökumenischen Weite“, wie Gerhild Peiser sagt.

Martin Garmaier, ihr katholischer Kollege in Waldkraiburg, hat das Ehepaar bereits mit einem Blumenstrauß willkommen geheißen. Ein Ausdruck für das gute Verhältnis, das die beiden Kirchen in Waldkraiburg pflegen. Er freue sich auf Gespräche und eine Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ mit der katholischen Kirche, so Christian Peiser, der überzeugt ist, dass die Kirchen in Zukunft „ganz selbstverständlich näher zusammenrücken“. Die Herausforderung durch die wachsende Verbreitung atheistischer, ungläubiger, gleichgültiger Einstellungen, aber auch durch andere Religionen werde dazu führen. Wenig Berührungspunkte, von Moscheebesuchen mit Schulklassen abgesehen, hatte der evangelische Pfarrer bislang mit islamischen Gemeinden. Er freue sich auf Begegnungen und Kontakte, sagt Peiser. Das regelmäßige „ökumenische Gebet“ der christlichen Kirchen mit der islamischen Gemeinde bezeichnet er lieber – theologisch exakt – als „interreligiöses Gebet“. „Man kann gemeinsam beten, jeder zu seinem Gott. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Der Islam ist eine andere Religion. Da sollte man nicht alles verwischen“, meint dazu seine Frau. Entscheidend sei, dass man gut miteinander zurecht kommt. Christian Peiser wird vormittags nicht immer in der Kirchengemeinde präsent sein können. Der 44-Jährige hat als Religionslehrer an den Gymnasien in Waldkraiburg und Mühldorf zusätzlich eine halbe Stelle. Die Familie Peiser ist groß. Vier Kinder zwischen sechs und 13 Jahren müssen versorgt werden.

Musik spielt eine wichtige Rolle im Pfarrhaus. Im Umzugswagen waren mehrere Streichinstrumente. Gerne gehen die Peisers ins Konzert, in ein Museum oder in die Oper. Das Waldkraiburger Kulturprogramm sollte ihnen da entgegenkommen, so wie das sportliche Angebot in der Stadt. Die ganze Familie ist gerne in Bewegung. Die Kinder spielen Handball und Fußball – die große Tochter möchte weiter im Fechtsport aktiv bleiben und sucht nach einem Club. „Zu allen Jahreszeiten“ treibt es die Peisers ins Wasser. „Im Waldbad waren wir schon. Herrlich, Familienkarte für sechs Euro, Wellenbecken und Sprungturm“, schwärmt Gerhild Peiser. „In den nächsten Wochen werden wir die Infrastruktur der Stadt erobern.“

hg/Mühldorfer Anzeiger

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