Für ältere Menschen Gespür entwickeln

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Die Auszubildende Anastasija Zhukova (links) mit Sophie Scheibert schminkte die kleine Flohmarktbesucherin Emily.

Waldkraiburg - Bei einem Sozialprojekt in Zusammenarbeit mit der Freiwilligenagentur sind sich junge Auszubildende der Sparkasse und Senioren aus dem Adalbert-Stifter-Wohnheim näher gekommen.

Strahlender Sonnenschein beherrscht das gepflegte Gartenareal hinter den Hochhäusern des Adalbert-Stifter-Wohnheimes am Münchener Platz. Kaffee, leckere Kuchen und andere kulinarische Spezialitäten sowie ein Flohmarkt locken Bewohner wie Gäste an.

Zwar sind es nach dem Mittagessen noch nicht allzu viele, die da zu Fuß, mit Rollator oder Rollstuhl kommen, doch die wenigen schauen neugierig auf die Auslagen der verschiedenen Stände. Zwischen ihnen huscht die junge Katrin Kahle umher. Gerade beugt sie sich zu der 91-jährigen Standbetreuerin Friederike Lerch mit ihren selbstgefertigten Ketten und fragt: "Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen oder Kuchen?"

Kaum ist sie mit dem Gewünschten zurück, eilt sie schon weiter zu Gerda Krippner (86), die sich auf einem Stuhl neben dem Stand mit den handgestrickten Socken, Schuhen, Mützen und anderen Arbeiten der Handarbeitsgruppe des Heimes niedergelassen hat. Sie ist dankbar für das Stück Obsttorte von Katrin. Einen Stand weiter freut sich die Hildegard Strätz (82) - ein Profi im Sockenstricken - auf ihrem Rollator über das Glas Apfelschorle, das Katrin ihr bringt.

Die Auszubildenden Kenan Kansiz und Maximilian Hickerseder waren mit dem 75-jährigen Heimbewohner Erwin Wagner unterwegs.

Wie alle Mitarbeiter im Stifterheim trägt die 16-Jährige ein Namensschild mit dem fünfblättrigen Rosenlogo. Zum Stammpersonal gehört sie nicht. Die junge Frau engagiert sich wie fünf weitere Auszubildende des ersten Ausbildungsjahres der Sparkasse Altötting-Mühldorf freiwillig bei einem gemeinnützigen Projekt. Dabei geht es unter anderem um die Organisation dieses Flohmarktes.

Im Schatten eines Sonnenschirmes schminkt indessen Sparkassenlehrling Anastasija Zhukova eine kleine Flohmarktbesucherin. Neben Emily setzt sich die 88-jährige Sophie Scheibert, schaut ein bisschen zu und unterhält sich mit den beiden.

Ob Katrin, Anastasija oder die vier männlichen Auszubildenden, alle grüßen stets freundlich vorbeikommende bekannte und unbekannte Heimbewohner. Da sind keine Berührungsängste zu spüren.

Für den Heimleiter Hubert Forster passen Jugendliche und Senioren gut zusammen. Der Einsatz der Banklehrlinge sei für ihn der beste Beweis. So lobt er ihre Ernsthaftigkeit, mit der sie das Projekt von der Idee bis zur vollständigen Umsetzung betrieben hätten. Schließlich werde mit dem Erlös des Flohmarktes eine Einbauküche für die Tagesbetreuung mit finanziert. Damit helfen die jungen Leute ganz praktisch die Betreuung zu verbessern.

Die Ausbildungsleiterin der Sparkasse, Marianne Ecker, freut sich sichtlich über "ihre" Azubis: "Ihr habt wirklich fleißig gearbeitet. Bin richtig stolz auf Euch!"

Die Initiative für das Projekt sei von Cornelia Wagner, Geschäftsführerin der Freiwilligenagentur "Ehrensache" im Landkreis Mühldorf, ausgegangen. Sie habe deswegen bei der Sparkasse nachgefragt.

Dort fand man die Idee gut, denn, so erklärt Marianne Ecker die Absicht: "Unsere Auszubildenden lernen dadurch viel besser, für ältere Menschen ein Gespür zu entwickeln, damit sie in der Sparkasse, im Kundenservice und bei Beratungen, besser auf deren Bedürfnisse eingehen können."

Im Kanon mit den alten Leuten

Die Jugendlichen selbst erinnern sich noch gern an den Kaffeenachmittag mit den Senioren, bei dem der erste Kontakt geknüpft wurde. Felix Hahnsteiner berichtet, dass die Leute an seinem Tisch ihm anfangs nur zugehört hätten. Erst ein bisschen später wollten sie von ihm genau wissen, warum er dieses Projekt mache. Die Gesprächspartner des 20-jährigen Maximilian Hickerseder interessierten sich für die Sparkasse, wo sie früher gewesen sei und wie sein Arbeitsplatz heute aussehe.

Am meisten überrascht waren die Projektteilnehmer davon, wie gut viele alte Menschen über das Hier und Jetzt informiert sind. So auch Kenan Kansiz, der unaufgefordert aufsteht, um gemeinsam mit Maximilian den 75-jährigen Rollstuhlfahrer Erwin Wagner an einen Tisch im kühlen Schatten zu schieben.

Am späten Nachmittag sind alle Plätze an der Kaffeetafel draußen dicht besetzt, auch viele Flohmarktartikel haben den Besitzer gewechselt. Da probt die Ausbildungsleiterin Marianne Ecker noch mit ihren Schützlingen den mehrstimmigen Kanon "Froh zu sein bedarf es wenig". Der ehemalige Musiklehrer Josef Schnörch (89) begleitet sie dabei auf dem Klavier im Speisesaal und freut sich, dass alle mitsingen. Das ist bestimmt nicht die letzte Begegnung zwischen Alt und Jung, denn die sangesfreudigen Auszubildenden und auch Marianne Ecker haben sich ausnahmslos in einer Datei für weitere derartige Projekte registrieren lassen.

kch/Waldkraiburger Nachrichten

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