Zweimal einen Neustart gewagt

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Andreas Klusch mit seinem Meisterstück. 160 Arbeitsstunden stecken in dem Leiterwagen aus Eschenholz.

Neumarkt-St. Veit - Andreas Klusch musste viele Hürden nehmen, bis er sein Ziel erreichte. Als der Handwerker vor 20 Jahren nach Deutschland kam, stand er vor einem Neubeginn.

Die Behörden erkannten den Gesellenbrief des Rumänen nicht an, also machte er erneut erst die Gesellenprüfung, als Meister darf der 48-Jährige mittlerweile sogar ausbilden.

Wir schreiben das Jahr 1991. Andreas Klusch kommt mit zwei Koffern und 500 Mark in der Tasche in Deutschland an. Wie so viele andere auch verlässt der Mann aus Siebenbürgen (Rumänien) seine Heimat, um in Bayern neu anzufangen. Seine Schwester hatte es ihm ein Jahr zuvor bereits vorgemacht. "Zuerst war der Pfarrer weg, dann folgte einer nach dem anderen. Die Betriebe schlossen, die Schulen waren zu. Das ging einfach nicht mehr", erinnert sich Andreas Klusch, "ich musste ja auch an meine Familie denken, vor allem an meine Tochter." Das Mädchen ist zu diesem Zeitpunkt knapp ein Jahr alt, die zweite Tochter wurde 1999 schon in Deutschland geboren.

"Arbeit habe ich gleich gefunden", erzählt er. Zuerst war die Familie drei Wochen in Nürnberg, wo Andreas Klusch in einer Schreinerei Arbeit bekam. "Die wollten sogar, dass ich bleibe, aber ich habe abgelehnt. Wir wollten nach Neumarkt-St. Veit, wo meine Schwester wohnte."

Schnell gewöhnte er sich in seinem neuen Umfeld ein, nahm eine Stelle in einer Töginger Schreinerei an, wechselte dann in einen Neumarkter Betrieb und arbeitete ab 2000 bei einer Firma in Aich, bis auch er ein Opfer der großen Ausstellungswelle im vergangenen Jahr wurde. "Ich war zu der Zeit in der Meisterschule. Als ich nach zwei Wochen zurückkam, fand ich die Kündigung im Briefkasten", sagt Klusch und schüttelt den Kopf. "Am Anfang verstand ich die Welt nicht mehr, aber es hatte doch auch etwas Gutes, das weiß ich heute. Denn sonst hätte ich meinen Traum wohl nie verwirklicht." Und dieser Traum heißt Selbstständigkeit.

Schon in der alten Heimat hatte er seinen eigenen kleinen Betrieb, war sein eigener Herr gewesen. In Deutschland ging das plötzlich nicht mehr. Die Behörden erkannten das Gesellenzeugnis des fleißigen Mannes nicht an. "Die wollten eine Note auf dem Papier sehen. Auf meinem Gesellenbrief stand aber nur eine Bewertung." Andreas Klusch schrieb Briefe und telefonierte mit seiner Schule in Rumänien. Doch auch von dort bekam er nur ernüchternde Worte zu hören: "Die sagten, sie würden die Unterlagen nicht mehr finden."

Und so entschloss sich Andreas Klusch zu einem weiteren Neustart in seinem Leben. 2008 machte er die Gesellenprüfung erneut und ging auf die Meisterschule. Seit November vergangenen Jahres darf er offiziell Lehrlinge ausbilden, einen Betrieb führen und auch sonst alles, was dazugehört. "An den ganzen Papierkram musste ich mich erst gewöhnen", lacht er.

"Anfangs war ich enttäuscht, immerhin hatte in meiner Heimat auch schon jahrelang in dem Beruf gearbeitet. Aber ich habe gelernt, dass alles auch immer eine gute Seite hat", erklärt Klusch, "ich bin somit wieder ins Lernen hineingekommen. Hätte ich gleich den Meister gemacht, hätte ich mir sicherlich schwerer getan."

In der Adelsteinerstraße in Neumarkt-St. Veit hat er sich zwei Werkstatträume eingerichtet, mit allem was dazu gehört: in gewisser Weise urig, so wie man sich Handwerksstätten vorstellt. An den Wänden hängen Werkzeuge, Maschinen, größere und kleinere, der Staub von Sägespähnen bedeckt, in einer Ecke Bretter und Holzteile und in der Mitte der Werkstatt steht Andreas Kluschs ganzer Stolz: sein Meisterstück. Es ist ein Leiterwagen, so wie man ihn aus vergangenen Zeiten kennt. 160 Arbeitsstunden stecken in diesem Stück aus Eschenholz. Selbst die Beschläge aus Edelmetall hat er gemacht. Tagelang hat er getüftelt, gedrechselt und gehobelt und das manchmal bis tief in die Nacht hinein. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Dass er ein unglaublich geschickter Mann ist, der sein Handwerk perfekt versteht, hat Andreas Klusch nicht nur mit dem Leiterwagen bewiesen. Bilder von früheren Arbeiten bestätigen diesen Eindruck. Ob nun Hobelbank, Ochsenkarren oder Treppengeländer - für Andreas Klusch alles kein Problem. Hinzu kommt, dass er viele seiner Maschinen, die er für die Werkstatt braucht, selbst gebaut hat, was beweist, dass er nicht nur ein besonders ausgeprägtes Gespür für Holz hat, sondern auch für andere Materialien.

Das Schreinerhandwerk liegt ihm im Blut. Der Vater und der Großvater sind seine Vorbilder. "Manche dieser Werkzeuge sind schon knapp 150 Jahre alt", sagt er und deutet auf die alten Bohrer, Feilen und Sägen, die an der Wand hängen, "aber ich finde immer, dass es sich mit denen am besten Arbeiten lässt."

Mit seinem Betrieb will er eher in Richtung Wagnerei gehen: "Ich will keine Massenproduktion machen. Fenster und Türen. Das macht jeder. Ich will das Besondere machen, was die anderen nicht wollen und nicht können", sagt er.

Ob er denn nie bereut hat, aus Siebenbürgen weggegangen zu sein? "Ich habe immer noch Heimweh", und schon spürt man die Melancholie, die in seiner Stimme mitschwingt, "aber ich sage immer, da wo man sich eingewöhnt hat, da soll man bleiben. Und eingewöhnt, das bin ich hier." Seit zehn Jahren war er nicht mehr in Rumänien, aber heuer will er endlich den lange aufgeschobenen Besuch bei den Zurückgebliebenen nachholen.

alx/Neumarkter Anzeiger

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