Ruhe bewahren ist das Wichtigste, wenn ein Kind einen Unfall erleidet

Was tun, wenn mein Kind einen Unfall hat?

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Die Herz-Lungen-Wiederbelebung entscheidet im Falle eines Herzkreislaufstillstandes über Leben und Tod. Anita Baumert erklärt hier einer Kursteilnehmerin die lebensrettenden Handgriffe. Die aktuelle Erste-Hilfe-Regel besagt: 30-mal auf den Brustkorb drücken und 2-mal Mund zu Mund beatmen im Wechsel. Bei Kindern sollte man vor dem ersten Drücken bereits 5-mal beatmen, um wieder Luft in den Körper zu bringen, die man anschließend durch den Druck verteilt.

Niederbergkirchen - Es ist der Albtraum aller Eltern, das eigene Kind verunglückt oder verletzt aufzufinden. Jeder schiebt die Angst bei Seite - mit dem Gedanken "uns kann das nicht passieren".

Und dabei passieren Unfälle mit Kindern oft schneller als man denkt, sagt Anita Baumert vom Malteser Hilfsdienst. Manchmal reicht schon ein Augenblick der Unachtsamkeit und das Kind ist gestürzt, hat sich gestoßen oder irgendwie anders verletzt. Um in solchen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen, und wissen was zu tun ist, gibt Anita Baumert regelmäßig Erste- Hilfe-Kurse, die speziell auf Kindernotfälle ausgelegt sind.

"Der Kurs gliedert sich in zwei Großbereiche", erklärt die Ausbilderin, "ein Schwerpunkt ist die Versorgung des verunfallten Kindes, der andere die Prävention." Vor allem Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und engagierte Eltern mit Kindern im betreffenden Altern nahmen nun in Niederbergkirchen die Gelegenheit wahr ihre Kenntnisse in der Ersten Hilfe aufzufrischen und kindgerecht umzumünzen. Anita Baumert ging speziell auf die Bedürfnisse der Teilnehmer ein: "Mir ist es wichtig, dass die Leute auch etwas persönlich für sich selber mit nach Hause nehmen." Nicht zuletzt deswegen wurde die Herz-Lungen-Wiederbelebung an der Puppe so lange geübt, bis jeder Teilnehmer sie sprichwörtlich wie im Schlaf beherrschte. "Sie sollen die Sicherheit bekommen, dass sie es wirklich können. Nur dann haben sie im Ernstfall keine Angst und trauen sich zu handeln.", sagt Anita Baumert.

Detailiert und Schritt für Schritt ging Anita Baumert mit den Kursteilnehmern am ersten Abend den Notruf durch. An wen soll man sich in welchem Fall wenden. Welche Nummer ist zu wählen. Was muss man der Stimme am anderen Ende alles sagen. "In der Hektik vergessen viele Menschen beim Notruf entscheidende Dinge", sagt Anita Baumert, "deswegen ist es wichtig, dass man nicht von sich aus auflegt, sondern auf Rückfragen wartet."

Das erste Gebot der Ersten Hilfe sei das Schwierigste, meint die Ausbilderin: Ruhe bewahren. Das erscheint einem oftmals leichter gesagt als getan, wenn man ein verunglücktes Kind vor sich hat. "Dem Kind hilft es aber am allerwenigsten, wenn man selbst in Panik gerät und schreit", erklärt Baumert. Der Hilfeleistende solle sich einen Überblick verschaffen und dann weitere Schritte einleiten. Wichtig wäre, dem Kind einen "kleinen Seelentröster" zu bringen, sei es Kuscheltier, die Schmusedecke oder etwas anderes, das es gerne hat. Auf keinen Fall aber solle man das Kind in dieser Situation allein lassen. Zudem sei es wichtig mit dem Kind zu sprechen, erstens, weil es beruhigt, und zweitens, weil man so die Reaktionen des Kindes erkennt.

Auch Hautfarbe und Augen können wichtige Indikatoren sein. Eine Pupillenveränderung lässt beispielsweise auf eine Schädelverletzung oder eine Vergiftung schließen. Nach Stürzen sei es unerlässlich einen sogenannten Body-Check zu machen, das heißt, das Kind von oben bis unten an beiden Körperhälften parallel abzutasten und dabei genau zu beobachten. Fühlt sich der Bauch eines verunfallten Kindes bretthart an, so muss dies ein Zeichen sein, unverzüglich weitere Hilfe zu holen. "Bauchdeckenspannung bei verunfallten Kindern kann auf eine Blinddarmentzündung hindeuten", erläutert Baumert, "aber auch innere Verletzungen äußern sich so. Es handelt sich hier also um ein akutes Notfallzeichen."

Die erfahrende Ausbilderin, selbst Mutter zweier Kinder, rät von einem Eigentransport ins Krankenhaus ab. "Auch wenn die Fahrzeit nur wenige Minuten betragen würde", sagt sie bestimmt, "ist es besser den Rettungswagen zu rufen." Man stehe in solch einer Situation selbst zu sehr unter Stress, als dass man sich wirklich auf die Straße konzentrieren könnte.

In ihrem Kurs sprach Anita Baumert alle Faktoren an, die zu Unfällen mit Kindern führen könnten und gab den Teilnehmern wertvolle Tipps, wie sie solche vermeiden können. Das Spektrum reichte von der Behandlung offener Wunden, über Vergiftungen, Verschlucken, Kinderkrankheiten, Ertrinkungsunfälle bis hin zu Sonnenstich und Tierbissen.

Jeder zweite Kinderunfall sei ein Sturzunfall. Anita Baumert gab praktische Tipps, wie man gefährlichen Situationen vorbeugen und die Kinder schützen könne. So sei ein Fahrradhelm Pflicht, Fenster ab der ersten Etage gehören gesichert und Laufräder oder Ähnliches dem Alter des Kinders und seinen motorischen Fähigkeiten angepasst. Als Faustregel könne man festhalten, so Baumert, fällt ein Kind aus einer Höhe, die in etwa seiner Körpergröße entspricht oder darüber liegt, dann sollte man das Kind zum Arzt bringen.

Der zweite Kurstag stand schließlich hauptsächlich im Zeichen des Einübens. Zwar wurden auch weitere theoretische Dinge besprochen, doch im Zentrum stand die Praxis. So konnten sich alle Teilnehmer an der stabilen Seitenlage versuchen sowie die Herz-Lungen-Wiederbelebung an der Puppe ausprobieren. Die Teilnehmer sind nun für den Notfall gewappnet - doch der sollte idealerweise niemals eintreten.

alx/Mühldorfer Anzeiger

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