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Mann aus Landkreis Mühldorf geprellt

Bulldog-Betrug bei Ebay: Gerichtsdrama endet mit Happy End für Papa und Tochter

Kein Traktor für Betrugsopfer: Dafür konnte ein glücklicher Vater seine Tochter vom Bahnhof Traunstein mit nach Hause nehmen
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Kein Traktor (Symbolbild, links) für Betrugsopfer aus Niedertaufkirchen. Stattdessen konnte ein glücklicher Vater (rechts) seine Tochter vom Bahnhof Traunstein mit nach Hause nehmen.

Eine rumänische Staatsbürgerin aus Brüssel wird in Traunstein wegen vierfachen Cyber-Betrugs verurteilt. Doch die Angeklagte feiert das Urteil wie einen Sieg. Einer der Geschädigten kommt aus Niedertaufkirchen. Er wollte einen Traktor kaufen, der nur ein Internet-Fake war.

Traunstein/Niedertaufkirchen - Der Strafprozess wegen mehrfachen Betrugs am Montag (2. Mai) vor dem Amtsgericht Traunstein war ein ganz großes menschliches Drama. Verloren haben dabei voraussichtlich vier Opfer eines organisierten Internet-Betrugs ihr Geld - ein Mann aus Niedertaufkirchen (Landkreis Mühldorf) exakt 3.600 Euro. Er hatte einen Fendt Traktor vom Typ 309 LSA online kaufen wollen, der ein Fake Angebot war und nie geliefert werden konnte. Die Angeklagte dagegen wurde aus dem Gefängnis entlassen.

Dass der mehrfache Betrug bereits sieben Jahre zurück liegt - die Auktionen datieren von 2015 - half der 49-Jährigen. Außerdem war sie schnell umfassend geständig. Kurz kurz nach Prozessbeginn wurde die Verhandlung wegen Antrags auf ein Rechtsgespräch unterbrochen. Dieses schlug Pflichtverteidiger Julian Praun nach Verlesung der Anklage durch die Staatsanwaltschaft vor. Mirela G. war weder vor noch nach dem ominösen März 2015 in irgendeiner Weise straffällig geworden. Strafregister-Auszüge aus mehreren europäischen Ländern ergaben keinen Eintrag.

Rechtsgespräch macht schwierige Beweisfindung überflüssig

Richterin Maria Riedl und ihre beiden Schöffen, Staatsanwalt Ferdinand Hohenleitner und Rechtanwalt Julian Praun konnten sich so rasch auf ein Urteil einigen, dass milde ausfallen sollte. Und die Anklageseite ersparte sich eine komplizierte Beweisführung mit Tatnachweis. Alle Parteien plädierten für eine Aufhebung des Haftbefehls. Und Mirela G. erreichte ihr Ziel, das sie nach knapp zehn Wochen Untersuchungshaft herbeisehnte: Die Freilassung. Ihr Vater war eigens aus Brüssel per Flixbus angereist, um seine Tochter nach Hause zu holen.

Die Freiheitsstrafe beträgt 1 Jahr und 10 Monate auf Bewährung - innerhalb einer „Wohlverhaltensphase“ von drei Jahren. Über die genauen Hintergründe der Taten wird wahrscheinlich nie vollständig Klarheit herrschen. Und die Verpflichtung, die verschwundenen 11.400 Euro „zwingend einzuziehen bzw. beizubringen“, könnte verpuffen. Denn die Angeklagte verfügt laut eigenen Angaben über persönliche Verhältnisse über keinerlei Vermögen.

Kurze Erntearbeit als Lebensunterhalt - Geld vom Vater

Richterin Maria Riedl fragte die Angeklagte mehrfach, wovon sie eigentlich in Belgien oder vorher in Rumänien gelebt habe. Darauf kamen skurrile Antworten: „In Rumänien habe ich zwei Monate lang bei der Traubenernte geholfen. In Belgien habe ich zwei Wochen lang Äpfel gepflückt.“ Ansonsten sei sie „immer zu Hause“ gewesen, habe sich um Vater und Mutter gekümmert. Ihr Vater habe ihr regelmäßig Geld gegeben.

Und was passierte mit den ergaunerten 11.400 Euro? 2015 sei leider ihre „Mutter nach einer schweren Krankheit gestorben“. Die Überführung des Leichnams nach Rumänien sei 6.000 Euro teuer gewesen und die „im großen Stil organisierte Beerdigung“ habe „mehrere tausend Euro verschlungen“, so Mirela G. unter Tränen. Dafür habe sie das Geld verwendet. Sie sei zudem Mutter einer „22-jährigen Tochter, die psychische Probleme hat“ und pflege „ihren krebskranken Vater“.

Vermutete Hintermänner konnten Ebay-Käuferschutz vortäuschen

Die gesamte Angelegenheit wurde trotz Rechtsgespräch vor Gericht aufgerollt. Laut Prozessakten war der Internet-Betrug professionell organisiert - mit mehreren gefälschten Identitäten und E-Mail-Adressen. Die Betrügerin bzw. ihre vermuteten Cybercrime-Hintermänner agierten geschickt und variantenreich. Sie schafften es sogar in drei von vier Fällen, einen Ebay-Käuferschutz mit Geld-Zurück-Garantie glaubhaft vorzutäuschen. Staatsanwalt Hohenleitner sprach in seinem Schlussplädoyer auch von „Straftaten, zu deren Verübung allem Anschein nach ausgeprägte Hacker- bzw. EDV-Kenntnisse notwendig sind“. Diese habe die Angeklagte „kaum allein vollbringen können“.

Zeugenaussage von Kriminalhauptkommissarin Brigitte Dandl von der Kripo Traunstein

Brigitte Dandl sagte vor Gericht aus, dass sie die „Cybercrime-Ermittlungen zu diesem Fall begleitete“. Die Anzeige wegen Warenbetrugs sei „bei der Polizeiinspektion Mühldorf eingegangen“. Eine Firma sei als Verkäufer mit dem Namen „PDL / Racing“ aufgetreten. Ein Verantwortlicher mit Namen „Mateus Michalsky“ habe seine E-Mail-Adresse angegeben - wobei alle Angaben gefälscht waren. Die gesamte Abwicklung habe „plausibel gewirkt“, es seien „sogar Rechnungen ausgestellt worden“. Scheinbar sei zudem ein Ebay-Konto von Kriminellen gehackt worden. Insgesamt seinen bayernweit „zehn ähnliche Fälle aufgetreten“.

Gegenüber chiemgau24.de warnte sie zudem eindringlich vor der „Falle Bitcoin-Trading bzw. Cyber-Trading“, in die viele ahnungslose Internet-User tappten: „Das verursacht einen Millionenschaden in Deutschland“.

Auch die Richterin sah einige Ungereimtheiten in der Beweisführung, die dafür sprechen, dass Mirela G. nicht alleine kriminell aktiv war: „Wie sollen Sie das alles so perfide geplant, online eingestellt haben, wenn Sie keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung haben und auch sehr mangelhaft Deutsch sprechen und schreiben?“ Screenshots der fingierten Online-Verkaufsangebote beeindruckten die Richterin: „Das sind Baumaschinen, die richtig gut aussehen. Aber bei Baggern bin ich leidenschaftslos“, so die Richterin.

Geschädigte werden wahrscheinlich ihr Geld verlieren

So bleibt es für die vier geschädigten Parteien - aus Niedertaufkirchen, Roth, Püchersreuth und Sachsenbrunn - bei einem teuer bezahlten Trugbild. Zwei Schlepper - der Marken Fendt und John Deere - sowie zwei Bagger waren kein Eigentum der vermeintlichen Verkäuferin und konnten erst recht nicht geliefert werden.

Die Untersuchungshaft in der JVA Aichach hatte die Angeklagte sichtlich zermürbt, was ihr bereits als Strafe angerechnet wurde und auch ein Aussetzen der Freiheitsstrafe auf Bewährung förderte. Richterin Riedl sprach von einer „günstigen Sozialprognose“ mit voraussichtlich „keinen weiteren kriminellen Handlungen“. Das Ende der Untersuchungshaft zauberte Freudentränen in die Augen von Mirela G. und in die ihres Vaters. Gemeinsam verließen sie das Gerichtsgebäude mit allen Habseligkeiten. Sie kauften sich am Bahnhof ein Ticket nach Brüssel. „Wir sind frei und wollen nach Hause“, so der Vater von Mirela G. zu chiemgau24.de.

-rok-

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