Neumarkter radelt 3000 km bis nach Spanien

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Familie und Freunde winken Hans Windhager bei seiner Abfahrt am 23. Mai 2011 noch nach. Zu diesem Zeitpunkt liegen rund 3000 Kilometer vor dem Neumarkter, der allein in dieses Abenteuer startet.

Neumarkt-St. Veit - Hans Windhager aus Neumarkt-St. Veit fuhr knapp 3000 Kilometer bis nach Spanien. Ganz alleine hat er sich mit dem Fahrrad auf die Tour auf dem Jakobsweg gemacht.

Der 23. Mai 2011 war ein sonniger Tag. In der Einfahrt von Familie Windhager haben sich Freunde, Nachbarn und Bekannte versammelt. Sie alle wollen Hans Windhager noch einmal Glück wünschen. Gegen 9.30 Uhr bricht er dann auf. Ganz allein. Nur er und sein Fahrrad. Radtouren hat er schon unzählige hinter sich, doch diese soll eine ganz besondere werden, alle bisherigen Dimensionen sprengen: Hans Windhager will nach Spanien auf den Jakobsweg. Er will es den rund 270.000 Pilgern gleichtun, die im vergangen Jahr den Weg, den Camino de Santiago, nach Santiago de Compostela in Galicien gegangen sind.

Am Morgen seiner Abfahrt erbittet er nach einem Gottesdienst schließlich den Segen von Diakon Walter Rothlehner. Dann setzt sich Hans Windhager aufs Radl und fährt los. Vor ihm liegen knapp 3000 Kilometer, die ihn durch unbekanntes Land führen werden, steile Anstiege, Bergketten, endlose, teilweise vielbefahrene Straßen und einsame Tage. Es ist eine Reise ins Ungewisse. Ein Abenteuer.

Die größte Unbekannte war das Wetter. "Körperlich habe ich mich gut gefühlt. Konditionell hatte ich keine Probleme. Aber das Wetter hat mir manchmal ganz schön zugesetzt." Die ersten Etappen führten ihn in Richtung Bodensee. Dort öffnete der Himmel ein erstes Mal seine Schleusen. Windhager musste vor dem Regen in eine Unterkunft fliehen. Dann ging die Tour weiter am Rhein entlang in Richtung Basel, weiteren Flüssen folgend durchquerte er Frankreich bis er vor den Pyrenäen stand: Anstiege, die so manchem Radprofi Ehrfurcht einjagen. Nicht so Hans Windhager, denn der war nicht unter Zeitdruck: "Ich habe mir keinen Stress gemacht. Zu meiner Frau hatte ich gesagt, zwischen drei Tagen und sieben Wochen ist alles drin." Passend zu seinem Pilgerdasein hatte er sich jedoch die Zahl 40 vorgenommen. 40 Tage bis zum Ende des Weges, das war sein angestrebtes Ziel von Beginn an. "Es kann so viel passieren. Man muss ja nur krank werden, stürzen oder sich den Fuß verknaxen und aus ist's", meint er, "Ich wusste bei meiner Abfahrt nicht, ob ich überhaupt unten ankommen würde."

Sein Tagespensum war stark wetterabhängig. Einmal hat er aufgrund des Regens nur 38 Kilometer geschafft. An richtig guten Tagen an die 140 Kilometer sein. Erst am 24. Tag seiner Reise gönnte er sich den ersten Ruhetag. Insgesamt waren es deren auch nur zwei.

Nach einigen Tagen traf er auf zwei gleichgesinnte Pfälzer und schloss sich ihnen an. Die drei Rad-Pilger fuhren dann alle übrigen Etappen gemeinsam bis zum Ziel. "Das tat schon gut. Nach 21 Tagen, an denen man vollkommen allein war, wieder jemanden zum Reden zu haben."

Zwei Jahre lang hatte er sich auf diese große Tour vorbereitet. "Damals hat mich das Virus 'Jakobsweg' einfach gepackt.", erinnert sich Hans Windhager. Mit der Zeit nahm der Wunsch dann konkrete Formen an. Er schaffte sich Pilgerführer und entsprechende Karten an, ermittelte eine Route, die ihn an sein Ziel bringen sollte. "Ja, und irgendwann ist dann der Punkt, an dem man sich ein Datum setzt und aufbricht", lacht er. In der Vorbereitung verbachte er unzählige Stunden auf seinem Radl. 80 bis 110 Kilometer am Tag war das normale Pensum. Kurz vor dem großen Aufbruch war er noch vier Tage am Neusiedlersee, um dort bereits mit Gepäck und in voller Montur den "Ernstfall" zu erproben. 28 Kilogramm Gepäck hatte Hans Windhager Tag für Tag auf jedem einzelnen dieser fast 3000 Kilometer, auf seinem Rad und seinem Rücken mit dabei.

Endlich angekommen am "Ende der Welt" in Fisterra. Jener Punkt, der bereits für die Römer das Ende ihrer damals bekannten Welt markierte, ist auch der Endpunkt von Hans Windhagers Reise.

"Der Weg war das Ziel", das stellt Windhager ganz klar heraus. Und auf diesem Weg gab es auch noch andere Dinge als die Stunden im Sattel. Dem Neumarkter blieb Zeit, die herrliche und vielfach wechselnde Landschaft zu bewundern und zu genießen. Zwischenstopps an bedeutenden Monumenten, bekannten Kirchen oder vielbesuchten Pilgerstätten gehörten nahezu zu jedem Tag. "Meistens bin ich so um halb neun aufgebrochen und dann bis Nachmittag um drei oder vier gefahren.", erzählt er, "Dann blieb noch genügend Zeit eine Unterkunft zu suchen und sich etwas anzuschauen." Aber auch ein Zelt gehörte zu seiner Ausrüstung, damit er, wenn einmal keine Bleibe auffindbar war, nicht direkt unter freiem Himmel schlafen musste.

Einen Durchhänger? Den hatte Hans Windhager auch; und zwar auf einer kleinen, einsamen Burg am Montverdun in Frankreich: "Da war die Herberge untergebracht und ich war da ganz allein.", schildert er, "wenn da ein größerer Bahnhof in der Nähe gewesen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich umgedreht." Heute ist er froh, es nicht getan zu haben.

Als er dann am Ende seines Weges angekommen war, da spürte Hans Windhager erst mal gar nichts: "Es war seltsam. Aber da war nichts. Erst als wir dann vom Leuchtturm aus zurückgekommen sind, in einer kleinen Kirche einen Gottesdienst besucht haben und ich diesen Chor singen gehört habe, da habe ich mich 'angekommen' gefühlt." "Hier gibt es zahlreiche Stellen, wo Pilger Socken oder andere Dinge verbrennen oder einfach ihre Kleider ins Meer werfen.", sagt er weiter. Wohl um ein Zeichen, einen Schlusspunkt zu setzen.

Hans Windhager hatte es also geschafft, in 39 Tagen, in der Zeit, die er sich zum Ziel gesetzt hatte. 2921 zurückgelegte Kilometer zeigte das Navi an. Er war angekommen in Fisterra oder wie es heute noch offiziell heißt und wie es schon die Römer nannten Finesterre: Das Ende der Welt. Für Hans Windhager war dieser Punkt der letzte seiner Reise auf dem Jakobsweg. Für andere ist er, wo sich auch der Kilometerstein Null befindet, erst der Anfangs- und Ausgangspunkt dieser Erfahrung.

alx/Neumarkter Anzeiger

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