Ratte beißt den halben Finger ab

Wenn die Ratten wirklich zur Plage werden

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Sylvia Nützl hat  als Baby durch einen Rattenbiss den halben Finger verloren.
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Neumarkt-St. Veit - In den sechziger Jahren hat eine Ratte einem Neumarkt-St. Veiter Baby den halben Finger abgebissen. Was damals genau passiert ist:

Dass Neumarkt-St. Veit - entgegen aller Gerüchte - wohl definitiv keine Rattenplage hat, machte Bürgermeister Erwin Baumgartner in der heutigen Ausgabe des Mühldorfer Anzeigers deutlich. Was passieren kann, wenn sich Ratten tatsächlich in großer Zahl unter Menschen tummeln - und auch noch Pech sowie der Geruch nach Milch dazu kommt - zeigt ein Vorfall aus den späten sechziger Jahren.

Selbst erinnert sich Sylvia Nützl nicht mehr an die Ereignisse in der Nacht vom 20. auf den 21. November 1969, sie war einfach noch zu jung. Gerade einmal vier Monate alt, lag sie in ihrem Kinderbettchen, als ihr plötzlich eine Ratte in den Finger gebissen hat. "Ich habe zum Brüllen angefangen, mit den Armen gewedelt und mich oben und unten mit Blut beschmiert", erzählt die 44-Jährige, die die Geschichte nur allzu gut aus Erzählungen kennt. Ihre Eltern wurden freilich wach von dem Krach und erfassten schnell die Situation - allerdings wussten sie erst einmal nicht, wo die Ratte ihre kleine Tochter erwischt hatte, schließlich war alles voller Blut. "Ich hatte Glück, dass die Ratte mich nicht ins Gesicht gebissen hat", sagt Nützl.

Der Finger ist nicht wieder angewachsen

Das Nagetier hatte sich inzwischen unter dem Bett der Eltern verkrochen, wurde von Nützls Vater jedoch rasch mit einem Spaten unterm Bett hervor getrieben und erschlagen. Danach sind die Eltern mit ihrer Tochter sofort ins Neumarkter Krankenhaus gefahren. Zwei Mal hatte die Ratte zugebissen, beim ersten Mal war der halbe kleine Finger der rechten Hand ab, beim zweiten Mal gruben sich die Zähne ohne Erfolg am untersten Gelenk des selben Fingers ins Fleisch.

Im Krankenhaus war man noch optimistisch, den ganzen Finger retten zu können, indem man das abgebissene Stück einfach wieder auf den Finger setzte. "Die haben wirklich gemeint, man setzt den Finger drauf, wickelt einen Verband rum und dann wächst er wieder an", wundert sich Nützl. Leider hatten die Ärzte Unrecht und der Finger wuchs nicht mehr an, doch die 44-Jährige nimmt den Vorfall von damals nicht allzu schwer. Ratten gehörten zu jener Zeit an manchen Orten in Neumarkt-St. Veit einfach zu Alltag.

Nützl wird noch heute darauf angesprochen

Ein Grund dafür, so erinnert sich Nützl, sei die Thaler Schmiede gleich hinter dem Oberen Tor gewesen. Die "Thaler Schmiedin" habe Schweine gehalten, für die sie Essenreste aufgehoben habe. "Da haben sich die Ratten getummelt", erzählt Nützl. Wenn sich der erste Schnee ankündigte, sind die Ratten dann über die Kanalisation in die benachbarten Häuser in der Schmiedgasse gelangt, wo auch Nützl mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester wohnte. "Die Ratten haben im Gang gespielt, sind gerannt und gerutscht", erinnert sich die 44-Jährige. Man habe Ratten als Hausbewohner gehabt. "Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen."

Rattenbisse waren, soweit sich Nützl erinnern kann, allerdings eigentlich keine Gefahr für die Anwohner, jedenfalls sei ihres Wissens niemand sonst in Neumarkt-St. Veit je von einer Ratte gebissen worden. Umso größer war die Aufregung nach dem Vorfall in der Nacht des 20. November. "Ich bin noch lange Zeit darauf angeredet worden, gerade von den Alteingesessenen aus Neumarkt", erzählt Nützl. Auch heute noch wüssten einige Leute, wer sie ist, wenn sie ihr die Hand geben und merken, dass dort irgendetwas fehlt. Dramatisieren möchte die 44-Jährige den Vorfall von damals keinesfalls. Die Ratte habe sie ja eigentlich nur minimal angeknabbert, wenn man bedenke, wie klein die Finger eines Babys seien.

Ratten nicht über den Kanal "füttern"

Bei ihren Eltern war die Sorge um ihr Kind hingegen groß, eine ganze Zeit über sei sie nach dem Vorfall über Nacht zu ihrer Oma gebracht worden, erzählt die 44-Jährige. Warum die Ratte in jener Nacht im November ausgerechnet in den Finger eines Babys gebissen hat, wurde Nützl erste viele Jahre später klar. In einem Lesebuch in der Schule war ein Flugblatt aus New York abgedruckt, das Mütter darauf hinweist, ihre Babys vor dem Schlafengehen zu baden, damit ihre Kleinen nicht nach Milch riechen und Ratten anlocken.

Ratten gelten als Kulturfolger, tummeln sich also dort, wo sich Menschen aufhalten, weil sie so leichter an Nahrung kommen. Das macht Ratten in der Stadt zu einem natürlichen Phänomen. Wie Bürgermeister Erwin Baumgartner im Mühldorfer Anzeiger erläutert hat, kann der Mensch einer möglichen Ausbreitung der Ratten vorbeugen, indem er keine Lebensmittel über das WC entsorgt. Damit würde man die Ratten im Kanal "füttern", so Baumgartner.

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