FIFA-WM auf der Playstation

Daniel ist Deutschlands virtuelle Hoffnung

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Daniel Butenko kämpft an der Playstation um den WM-Pokal

Neumarkt-St. Veit - Daniel Butenko greift nach dem WM-Pokal - an der Spielekonsole. Bei der FIFA-WM in München ist der Neumarkt-St. Veiter der einzige deutsche Teilnehmer.

Deutschland gegen Indien – eigentlich eine klare Sache an der Playstation, wenn man das Kräfteverhältnis vergleicht. Es sei denn Daniel Butenko steuert die Inder und ein unerfahrener Zocker den Controller mit den Deutschen. Butenko ist Deutschlands bester Fußball-Zocker an der Sony-Spielkonsole. Am Wochenende kämpft er in München mit 19 Mitstreitern aus aller Welt um den WM-Titel.

Ein Treffen mit Ronaldo? "Der Wahnsinn!"

Schon nach elf Minuten die erste Notbremse von Sami Khedira – Gelb für Khedira, Indien verwandelt den Strafstoß und geht mit 1:0 in Führung. „Mann, schießen die schlecht“, kommentiert der 15-jährige Schüler die Schwächen der indischen Mannschaft auf der Sony-Konsole. Doch das kompensiert der virtuelle Fußballer mit Können und Erfahrung. Als einziger deutscher Vertreter mischt er an diesem Wochenende beim Finale des FIFA Interactive World Cup in München mit. 20 Teilnehmer aus aller Welt spielen dann um die Fußballkrone, immerhin winken 18.000 Euro. Und – was für Butenko fast noch mehr Stellenwert hat – ein Besuch beim Ballon d’Or, wo alljährlich der Weltfußballer gekürt wird. „Ein Treffen mit Ronaldo – das wäre der Wahnsinn!“, erklärt Butenko während er noch in der ersten Halbzeit die Treffer zwei bis vier für Indien markiert – Verzweiflung beim deutschen Torhüter Ron-Robert Zieler.

Deutschen Meister mit 6:2 weggeballert

Seinen Lieblingsspieler Rolando kennt der Neumarkter bislang nur von der Playstation. Seit er sieben Jahre alt ist, besitzt er eine solche Spielkonsole. 2006 dann das erste FIFA-Spiel, seit dem letzten Jahr nimmt er es auch mit Gegnern aus dem Internet auf. Und er beherrscht den Umgang mit dem Controller: Die Erfolge gegen seine virtuellen Gegner bescherten ihm schließlich ein Ticket für das deutsche Finale in Köln. Die acht besten Spieler Deutschlands waren eingeladen worden. „Hoffnungen machte ich mir keine großen, weil ich das ganze erst seit knapp einem Jahr professioneller betreibe.“ Diese Leichtigkeit schien ihn aber zu beflügeln – oder die Konkurrenz hat ihn schlichtweg unterschätzt. Hatte er dort bereits mit dem Einzug ins Finale alle anderen Teilnehmer überrascht, ballerte er dort sogar den amtierenden Meister der virtuellen Bundesliga mit 6:2 weg.

„Ich hatte Glück“, kommentierte Daniel Butenko die Entgegennahme des Tickets für die WM in München. Wie eine Trophäe hat er sie neben dem überdimensionalen Fernseher aufgestellt. Im TV wiederum spielen sich haarsträubende Szenen ab: Khedira ist inzwischen vom Platz geflogen, weil er erneut einen Inder über die Klinge springen ließ, die Playstation-Avatare von Indien führen mittlerweile mit 7:0, die Abwehr von Jogis Pixel-Truppe läuft planlos wie ein Hühnerhaufen rum. Torchancen der Deutschen: bislang null.

Zwei Stunden Training für die Daumentechnik

Nein, das Spiel fordert den Neumarkt-St. Veiter nicht wirklich. Pfeilschnell bewegt er die Finger über die Tasten, hat dabei nicht nur Spieler, sondern auch den Radar vom Spielfeld im Blick. Eineinhalb bis zwei Stunden am Tag. "Soviel Training muss sein", erklärt er, „um die Form zu halten“. Mutter Elena achtet darauf, dass die Schule nicht hinten bleibt – schließlich macht der 15-Jährige in diesem Jahr seine Prüfung zur Mittleren Reife in Vilsbiburg, um danach eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. „Alles im grünen Bereich“, zeigt er sich entspannt. Und so lässt ihn die Mutter an seiner Daumentechnik feilen, wenn er Cristiano Ronaldo um den Ball tanzen lässt. „Er ist der beste Spieler, der kann alles“, sagt Butenko während er an den „Special Moves“ arbeitet.

Es gibt sogar Youtube-Videos, mit Hilfe derer man die Technik am Controller verbessern kann. „Skill Move Combos“ werden sie genannt oder „Advanced Heel Chop“. Kein Messi, kein Neymar, nein, Ronaldo ist also der Grund, warum sich der Neumarkter für Portugal als Mannschaft entschieden hat, mit der er nun beim Finale in München antreten wird. Warum nicht den Weltmeister Deutschland? „Die Videospiele reagieren auf jede aktuelle Änderung in der Mannschaft. Deutschland ist in diesem Jahr nicht so gut aufgestellt, weil Jogi Löw experimentiert. Wer kennt schon Jonas Hector und Sebastian Rudy?“ Die müssten in der DFB-Elf erst noch Fuß fassen, meint er.

Brasilien und Argentinien liegen ihm nicht

Als zweites Team hat sich Butenko Frankreich ausgesucht, „Brasilien und Argentinien liegen mir einfach nicht“, sagt er während er den Modus bei der WM erklärt: Mit seinen zwei favorisierten Mannschaften startet er in die Gruppenphase: „Die Teilnehmer, die im Ranking besser gestellt sind, dürfen auch mit der vergleichsweise besseren Mannschaft antreten.“ Trifft er auf einen Gegner mit gleicher Vorliebe für Portugal muss Underdog Butenko also auf Frankreich ausweichen. Das mindert zwar die Chancen, doch ohnehin geht der 15-Jährige den Wettbewerb gelassen an, zumal er es mit Spezialisten aus der ganzen Welt zu tun hat. Er weiß von einem Teilnehmer aus Burkina Faso in Westafrika, auch aus Saudi-Arabien will jemand Weltmeister am Sony-Controller werden.

Apropos Weltmeister: Von dieser Form scheint die deutsche Elf auf dem Bildschirm im Zimmer von Daniel Butenko weit entfernt zu sein. In der Schlussphase führt Indien bereits sensationell mit 9:0. Zumindest einstellig sollte es aus Sicht der Deutschen bleiben. Doch dann das Foul von Mustafi in der Nachspielzeit – Indien versetzt mit einem Elfertor und dem 10:0 Jogis Elf den Todesstoß. Butenko weiß: So viele Tore werden beim dreitägigen Turnier in München unter Gleichgesinnten Wunschdenken bleiben. Zunächst muss Butenko die Gruppenphase im Palais Lenbach am 18. Mai überstehen, danach kämpfen die vier besten Spieler am 19. Mai im Volkstheater um den Titel.

"McInally? Vor meiner Zeit"

In den vergangenen Jahren haben Legenden wie Luca Toni, Dwight Yorke oder Ronaldo die Finals des größten Videospielturnieres der Welt, das im vergangenen Jahr in Brasilien stattgefunden hat, begleitet. In diesem Jahr wird der Ex-Bayern-Stürmer Alan McInally vor Ort sein. McInally? „Kenn ich nicht, muss vor meiner Zeit gewesen sein“, zuckt Butenko, der FC Bayern-Fan ist, mit den Schultern. Selbst spielt er übrigens auch Fußball, „als klassischer Zehner“ agiert er in der Neumarkt-St. Veiter B-Jugend im Mittelfeld. Praxiserfahrung, die auf jeden Fall weiter hilft, sagt er, wenn er die Stollen gegen den Controller tauscht. In der realen Welt hat er schon einige Preise eingeheimst, das Board über dem Fernseher ist voller Pokale. Der Weltpokal fehlt noch. Aber vielleicht schafft Butenko ja interaktiv das, was der deutschen Nationalmannschaft 2006 verwehrt geblieben ist: den Weltmeistertitel im eigenen Land zu gewinnen.

je

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