Nebenklägerin im Gröning-Prozess

Neumarkt-St. Veiterin will keine Versöhnung

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Henriette Beck im Gerichtssaal in Lüneburg im Gespräch mit Ivor Perl, einem anderen Nebenkläger
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Neumarkt-St. Veit - Das Strafmaß ist ihr nicht wichtig, der Prozess dagegen sehr. Warum Nebenklägerin Henriette Beck keine Versöhnung mit Ex-SS-Mann Oskar Gröning will:

In einem der letzten großen Auschwitz-Prozesse ist das Urteil gefallen. Vier Jahre Haft für den früheren SS-Mann Oskar Gröning. Das Gericht in Lüneburg hat den Mann, der in Auschwitz das Geld der Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet hatte, schuldig gesprochen, in 300.000 Fällen Beihilfe zum Mord geleistet zu haben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

"Jede Mitschuld kommt vor Gericht"

Henriette Beck aus Neumarkt-St. Veit, eine von 33 Nebenklägern im Prozess, hält das Urteil für angemessen, doch eigentlich ist ihr das Urteil gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist ihr, dass ein SS-Mann aus Auschwitz, auch wenn er nur eine Art Buchhalter war, für schuldig befunden wurde. Becks Halbschwester und deren Mutter waren in Auschwitz ums Leben gekommen, ihr Vater hatte überlebt und das Leid Zeit seines Lebens mit sich getragen.

Henriette Becks Vater Tibor Dembik überlebte die Lager in Auschwitz und Mettenheim (dorthin war er 1944 verlegt worden). Nach dem Krieg baute der Jude ungarischer Herkunft in Neumarkt-St. Veit eine Strickwarenfabrik auf. Dembik saß im Stadtrat und war in zahlreichen Vereinen aktiv.

Der Prozess sei ihr persönlich sehr wichtig gewesen, "in Vertretung für meinen verstorbenen Vater und in Vertretung aller, die in den Konzentrationslagern gestorben sind", sagt Beck. Dabei sei es ihr darum gegangen, "dass man weiß, dass das eine Tötungsmaschinerie war und jeder, der dabei war, mitschuldig ist", so die 58-Jährige. "Wichtig ist, dass jede Mitschuld an einem Mord zu jeder Zeit vor Gericht kommt. Egal wie lange es dauert."

Erste Ermittlung 1977 eingestellt

Im Fall Gröning hat es sehr, sehr lange gedauert. Und das, obwohl es bereits 1977 Ermittlungen gegen das frühere Mitglied der Waffen-SS gegeben hatte. Damals waren die Ermittlungen eingestellt worden, für Beck freilich eine Enttäuschung. "Das ist jahrzehntelang verschleppt worden. Aber da muss man sich auch fragen: Wer waren da die Richter? Wer war da an diesen Stellen?", sagt die 58-Jährige.

Heute ist Gröning ein alter Mann. Sobald das Urteil rechtskräftig ist, stellt sich die Frage, ob der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige tatsächlich in Haft muss. Ob Gröning seine Haftstrafe tatsächlich antreten muss oder nicht, sei für sie aber nicht so ausschlaggebend, sagt Beck. "Das ist jetzt nicht so wichtig. Der ist 94 Jahre alt."

"Er war ein hundertprozentiger Nazi"

Bei allem Verständnis für Grönings Gesundheitszustand gilt weiterhin: Eine Versöhnung lehnt die 58-Jährige ab. "Wie soll es das auch geben? Warum soll man sich da versöhnen? Er hat das gemacht, er hat sich jetzt bekannt und es gab ein Strafprozess gegen ihn." Als "Helden" wolle sie ihn deshalb aber nicht hinstellen. "Er hat ja auch selber gesagt: Er war hundertprozentiger Nazi."

Beck lobt deutsche Geschichtsaufarbeitung

Die Geschichtsaufarbeitung in Deutschland lobt die 58-Jährige, diese passiere hier besser als zum Beispiel in Ungarn. Während des Prozesses war es Beck wichtig, im Gespräch mit den anderen Nebenklägern ein positives Bild von Deutschland zu zeichnen. Sie sei die einzige Nebenklägerin gewesen, die in Deutschland geboren wurde und bis heute hier lebt. Persönlich gesprochen hat Beck mit Nebenklägern aus Kanada, Ungarn und England. "Sie haben alle zu Kriegsende gesagt, sie betreten nie mehr deutschen Boden", erzählt Beck.

Erstmals zurück in Deutschland hätten diese Menschen Angst gehabt, zu präsent war ihr altes Bild von Deutschland. "Die haben sich schon sehr sich gewundert und teilweise auch erfreut, wie schön es hier ist, und haben gemerkt, was für Toleranz und Freiheit es in Deutschland gibt."

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